Programm der Fachgruppe „Politik“

VSJF-Jahrestagung 2017
Universität Wien

Programm der Fachgruppe „Politik“
1. November 2017, 15.30–18.00 Uhr

 

Japans passive Landbevölkerung? Eine Betrachtung der Vorstellungen von politischer Partizipation und Demokratie in der Aso-Region in Kumamoto
Sebastian Polak-Rottmann (Universität Wien)

Politische Partizipation gilt innerhalb der Demokratietheorie als ein essentieller Bestandteil des Demokratieverständnisses. TheoretikerInnen der normativen Ansätze wie etwa Jürgen Habermas oder Benjamin Barber konzentrieren sich besonders stark auf die Rolle von partizipativen Elementen durch Deliberation in ihren Demokratiemodellen. Sinkende Wahlbeteiligungen und scheinbar anwachsende Apathie gegenüber der Politik werden in diesem Zusammenhang häufig als Warnsignale für ein immer schwächer werdendes Bekenntnis zu demokratischen Werten interpretiert und unterschiedliche Lösungsvorschläge dafür angeführt.

Japans anhaltend niedrige Wahlbeteiligung einerseits aber auch das geringe Engagement bei anderen ‚traditionellen‘ sowie ‚unkonventionellen‘ Formen der Partizipation andererseits vermitteln den Eindruck einer politisch besonders desinteressierten Gesellschaft. Dennoch überrascht, dass auf lokaler Ebene eine höhere Wahlbeteiligung als bei landesweiten Wahlen verzeichnet wird; gleichzeitig zeigen BürgerInnenbewegungen, die sich auf spezifische Vorfälle beziehen, dass die Lokalbevölkerung durchaus bereit ist, sich politisch zu engagieren. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage nach den Vorstellungen zu politischer Partizipation in diesem Bereich: Dabei soll durch qualitative Forschung vor Ort im Gebiet Aso in der Präfektur Kumamoto im Rahmen von Interviews, teilnehmender Beobachtung und Fokusgruppen untersucht werden, auf welche Weise Personen im politikwissenschaftlich nur spärlich untersuchten ländlichen Raum versuchen, sich politisch auszutauschen, zu vernetzen bzw. ihre Vorstellungen an die Lokalpolitik oder die Nationalpolitik zu bringen.

Dieser Beitrag ist ein Teil des Forschungsschwerpunktes Aso 2.0 der Universität Wien und stellt einen Bereich eines DissertantInnenteams von drei DoktorandInnen dar, die sich mit Glück im ländlichen Raum beschäftigen. In diesem Zusammenhang zielt auch diese Untersuchung auf ein höheres Verständnis des subjektiven Wohlbefindens in diesem Bereich ab, indem die Feldforschung aufbauend auf der Forschung zum Zusammenhang von politischer Partizipation und Glück durchgeführt wird.

 

‚Banal Nationalism‘ und Abes Weg zur Verfassungsänderung
Jane Khanizadeh (Universität Hamburg)

Ein wichtiges Ziel der Politik Abe Shinzōs ist die Herbeiführung einer Verfassungsänderung bis 2020. Neben einer Abstimmung in beiden parlamentarischen Kammern erfordert Abes Vorhaben eine einfache Mehrheit bei einer Volksabstimmung. McVeigh (2004) zufolge ist ein wichtiger Bestandteil der japanischen nationalen Identität an die Verfassung gebunden. Folglich müsste einer Verfassungsänderung eine Änderung der Identitäten auf nationaler Ebene vorausgehen.

Einen Ansatz zur Analyse nationaler Identität und ihrer Änderung in etablierten demokratischen Nationalstaaten bietet das theoretische Konzept des banal nationalism von Michael Billig (1995). Billig geht davon aus, dass die natürlich anmutende und alltägliche Reproduktion des Nationalstaates neben anderen Faktoren durch eine Deixis im Sprachgebrauch stattfindet. Diese Deixis könne sich krisenbedingt emotional aufladen. Dadurch sei die Grundvoraussetzung gegeben, um eine Opferbereitschaft in der Bevölkerung und/oder einen nationalen Identitätswechsel herbeizuführen.

Durch eine gezielte Analyse der Deixis Abe Shinzōs in seinen Reden, Interviews und Schrifterzeugnissen, möchte ich die Narrativart Abes identifizieren. Auf welche Identitäten er anspricht, auf welche historischen Mythen er Bezug nimmt und welche Bedrohungen oder Krisen er heranzieht, um die Bevölkerung zu einem Identitätswandel zu bewegen. Die Mitte der japanischen Gesellschaft wird auch von anderen Narrativen beeinflusst. So postuliert der postmoderne Ansatz, dass der banal nationalism in etablierten demokratischen Nationalstaaten von einem banal globalism abgelöst wird. Nationalstaaten absorbieren sich in supranationalen Organisationen und die nationale Identität wird von einer kapitalistischen Struktur abgelöst, in der Identitäten käuflich und produktgebunden sind. Auch ein Identitätswechsel im Sinne des Tribalismus mit einer regionalen gesellschaftlichen Orientierung ist möglich. Die nationale Identität ist genauso wie der Nationalstaat nicht permanent, sondern im ständigen Wandel und einer permanenten Diskussion unterlegen. In meiner Dissertation möchte ich diese Diskussion und ihre Narrative in Japan in Bezug auf die Verfassungsänderung untersuchen

 

Vorstellung aktuell laufender MA/Dissertationsprojekte im Bereich Politik Japans