Programm der Fachgruppe „Technik“

VSJF-Jahrestagung 2017
Universität Wien

Programm der Fachgruppe „Technik“
1. November 2017, 15.30–18.00 Uhr

 

15.30–15.35
Begrüßung

15.35–15.45
„Einführender Kommentar: Suchtechnologie–Systeme und japanologische Forschungsinfrastrukturen“
Cosima Wagner (FU Berlin)

15.45–16.25
„Algorithmische Imaginationen. Visionen und Werte in der Ko-Produktion von Suchtechnologie und Europa“
Astrid Mager

16.25–17.05
„Mit Toten kommunizieren: Technik und Trauer“
Dorothea Mladenova

17.05–17.15
Pause

17.15–18.00
Offenes Forum: Forschungsberichte und Diskussion

 

Abstracts


Algorithmische Imaginationen. Visionen und Werte in der Ko-Produktion von Such-technologie und Europa
Astrid Mager (Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA), Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW))

Dieser Vortrag wird sich zunächst mit der Ko-Produktion von Suchtechnologie und europäischer Identität im Kontext der EU Datenschutzreform beschäftigen. Die Verhandlungen der EU Datenschutzreform haben von 2012 bis 2015 gedauert und sind in einen Gesetzestext geflossen, der für alle europäischen Mitgliedsländer direkt bindend ist. Ich werde Ergebnisse aus meiner Forschung präsentieren, die eine Diskursanalyse von EU Politik-Dokumenten und österreichischen Medienartikeln zum Reformprozess durchgeführt hat. Unter Anwendung des Konzepts der „sozio-technischen Imaginationen“ werde ich analysieren, wie sich eine europäische Imagination von Suchmaschinen im EU Policy Kontext formiert, wie europäische Identität in der imaginierten Politik der Kontrolle konstruiert wird, und wie nationale Spezifika zur Konstruktion und Dekonstruktion von europäischer Identität beitragen. Um zu zeigen welche Rolle nationale technopolitische Identitäten in der Ko-Produktion von Suchtechnologie und Europa spielen, werde ich Österreich als Fallbeispiel nehmen. Österreich ist ein kleines Land mit einer langen Datenschutzgeschichte und einer Tradition zurückhaltender Technologiepolitik.

Auf Basis dieser Analyse werde ich mein laufendes Forschungsprojekt zu alternativen Suchmaschinen im europäischen Kontext diskutieren. Ziel dieses Projekts ist es, politische Imaginationen mit tatsächlichen Praktiken der Suchmaschinengestaltung zu kontrastieren. Konkret sind dazu drei Fallbeispiele geplant, die anhand von qualitativen Interviews, Workshops und ethnographischen Kurzbeobachtungen untersuchen sollen, wie sich die Entwicklung von Suchmaschinen im europäischen Kontext gestaltet und welche Rolle gemeinschaftliche Werte und kollektive Visionen darin spielen. Die Suchmaschinen-Projekte  umfassen die Initiative „Open Web Index“, die einen öffentlichen, unabhängigen Webindex schaffen möchte, die Peer-to-Peer Suchmaschine „YaCy“, die das Ziel hat eine dezentrale, nicht-kommerzielle Suchmaschine zu entwickeln, sowie die privatsphäre-freundliche Suchmaschine „StartPage“, die den Google Index verwendet, seinen NutzerInnen aber Anonymität zusichert.

Weitere Informationen sind unter http://www.astridmager.net und @astridmager zu finden.

 


Mit Toten kommunizieren: Technik und Trauer
Dorothea Mladenova (Universität Leipzig)

Technik und Technologie sind im Alltag in allen Lebensbereichen präsent und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auch beim Thema Tod, wenn auch schleichend, eine immer größere Rolle spielen.

Im Rahmen meines Promotionsvorhabens zur Organisation des eigenen Ablebens (shūkatsu 終活) bin ich in Japan auf neue Bestattungs- und Trauermodelle gestoßen, die technische Möglichkeiten nutzen, um bisher übliche Rituale in die digitale Sphäre (und zurück) zu übersetzen und damit neue Wege des Umgangs mit dem Tod von Nahestehenden zu eröffnen. Auf diesen technischen Aspekt möchte ich in meinem Vortrag näher eingehen: von digitalen Friedhöfen (ネット墓) und Kolumbarien mit Fließbandsystem (搬送式納骨堂), über 3D-Puppen Verstorbener (遺人形) bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz, um ein paar letzte Worte mit den Verstorbenen „zu wechseln“ (デジタルシャーマン) – Technik kann Trauerarbeit erleichtern, aber gerade im Bereich des Todes befremdliche und unheimliche Wirkungen hervorrufen.

Um mich diesem Thema analytisch anzunähern, möchte ich zunächst der Frage nachgehen, welche individuellen und sozialen Funktionen Trauer hat und wie Rituale wie die Bestattung diese Funktionen erfüllen. Über eine (kursorische) Inventur der Medien, die traditionell dazu genutzt wurden, mit dem Tod umzugehen – Grabsteine (墓石), Totentafeln (位牌), Fotografien (遺影) – sollen die Funktionen und Wirkungen dieser allgemein üblichen und formalisierten Medien in Bezug auf Trauerbewältigung beleuchtet werden, um im Anschluss der Wirkungsweise neuerer und alternativer Medien nachzugehen. Hierbei steht die Frage im Mittelpunkt, inwiefern eine Kontinuität zwischen den bisher üblichen und den neuen Medien besteht oder ob diese eine neue Sicht auf den Tod und den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit eröffnen – etwa, wenn die Verstorbenen selbst plötzlich auch „antworten“ können. Mit den TeilnehmerInnen an der Fachgruppe möchte ich außerdem diskutieren, wie man diese empirischen Daten sinnvoll theoretisieren kann.