24.10.13 – Georg Schmid: Kollektives Vergessen und generationelle Erkenntnis-Transmission

24.Oct 2013

Die Dekanin der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät und die Vorständin des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien  laden ein zum Gastvortrag von

Georg Schmid

Kollektives Vergessen und generationelle Erkenntnis-Transmission

Donnerstag 24.10.2013, 18:00 Uhr
Universitätscampus, Alte Kapelle, Institut für Ethik und Recht in der Medizin
Spitalgasse 2-4/Durchgang Hof 1 zu Hof 2, 1090 Wien

Es kann (nach Thomas Scanlon) postuliert werden, dass einmal gewonnene Erkenntnis weiter­gegeben werden soll. Dem Wohlergehen möglichst Vieler und dem „good life“ (Rawls, Sen, Dworkin) stehen nicht zuletzt Vergessen, falsches oder tendenziöses Erinnern entgegen. Dies ist auch für geschichtswissenschaftliches „Strategie“-Denken ein Problem. Die Beurteilung der Grossen Ver­brechen des 20. Jahrhunderts etwa ist weitgehend konsensual; wie das Wissen darum am besten weitergegeben wird, bleibt offen. „Konstruktion von Kompatibilität“ (Werte-Übereinstimmung) kann die Entscheidungen darüber erleichtern, was auf welche Weise erinnert werden soll. Technisch-naturwissenschaftliche Parameter stellen Anhaltspunkte bereit: einerseits bietet der oft bloss unter­stellte Fortschritts-„Impuls“ keine Garantien gegen des Vergessen einmal gefundener adäquater Lösungen, andererseits führen unzulängliche Kontrollmechanismen zu „runaway“-Dynamiken. Die finanzpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre mit ihren Folgen haben deutlich gemacht, dass in einer autoregulativen Ökonomie sogar der Generationenvertrag in Gefahr ist. Die „grosse De­generation“ (Ferguson) beruht auch auf einem Zuwenig an wohldurchdachten Inputs. Desinteresse oder totales Vergessen sind – gesamtgesellschaftlich – folglich vergleichweise weniger gefährlich als inkompatibles / inkongruentes Vergessen (resp. Erinnern) oder bizarr inventives und substituieren­des Erinnern. Die Historiker/innen sind, als Kuratoren des „Erinnerlichen“, durch ihre prinzipiell vorteilhafte (aber unzureichend genützte) Position in die Pflicht genommen, zu besserem stewardship des kollektiven Gedächtnisses beizutragen.

Georg Schmid, geb. 1944 in Wien, lehrte hauptsächlich an der Univ. Salzburg sowie in den USA und zuletzt in Paris VIII. Zahlreiche Bücher, zuletzt: In the Presence of the Future (2012) und The Narrative of the Occident (2009). Zur Zeit Arbeit an: Thoughts on Things Forgotten (gem. m. Sigrid Schmid-Bortenschlager) und The Mind Screen. Identification Desire and Its Arena.

Eine Veranstaltung des Instituts für Zeitgeschichte mit Unterstützung durch die Historisch-Kulturwissen­schaftliche Fakultät der Universität Wien.

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