27.-28.11. Symposion „Zeitgeschichte ohne Zeitzeugen. Vom Mythos des Zeitzeugen“

28.Nov 2012

Symposion zu Ehren des 80. Geburtstages von Angelica Bäumer

im Albert Schweitzer Haus, 1090 Wien, Schwarzspanierstrasse 13
am 27. November 2012, 18.00 – 21.30
und 28. November 2012, 9.00 -19.00

Veranstaltungsprogramm

Es geht nicht nur um Mord und Vernichtung, um den Tod der Millionen, sondern um das Leid der Überlebenden, um die sich nach 1945 kaum jemand gekümmert hat. Im Gegenteil, es wurden eher die Täter geschützt, denn sie handelten ja im Einklang mit der damals gültigen nationalsozialistischen Rechtsauffassung und teilweise – und bis heute – haben viele von ihnen nicht wirklich verstanden, warum man sie später anklagte – und die Opfer schämten sich.
Als es darum ging, die Vertriebenen aus der Emigration zurückzuholen, sagte der damalige Innenminister Oskar Helmer: „ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“. Das war 1948! Also schonte man die Nationalsozialisten und überließ die Opfer, die Überlebenden, ihrem Schicksal. Bis in die 1980er Jahre hat man kaum darüber nachgedacht, wie sie mit ihrem Erinnern leben, und eine psychologische Hilfe oder Restitution etc. gibt es gar erst seit den 1990er Jahren. Zu einer Zeit also, wo viele der Überlebenden bereits tot waren – nicht wenige starben durch Selbstmord, das Grauen kam wieder und nahm die Lebenskraft. KZ-Syndrom nannten das die Ärzte um Leo Eitinger. Es tötete sowohl Primo Levi wie Jean Amery.
Vieles von dem, was ich nur kurz angerissen habe, wissen wir nur und ausschließlich aus Zeitzeugenberichten. Viele, die sich stark genug dazu fühlten haben geredet, viele haben aber auch aus Scham oder Verletzung geschwiegen.
Die Mutigen unter ihnen, allen voran Hermann Langbein, der Chronist von Auschwitz, haben Zeugnis abgelegt, haben berichtet und sind nicht müde geworden an das Unsägliche zu erinnern und aufzuklären. Während sich Leon Zelman für Versöhnung und Kontakte der Jugend Österreichs und Israels einsetzte, verschrieb sich Simon Wiesenthal der Suche nach Naziverbrechern – unbeirrt, aber nicht zur Freude so mancher österreichischer Politiker. Viele Überlebende haben Bücher geschrieben, haben Bericht erstattet und Umstände beschrieben, die bis heute kaum vorstellbar sind. Es dauert nicht mehr lange und wir werden keine Zeitzeugen mehr haben, dann werden die Historiker, Politologen und Zeitgeschichtler das Sagen haben, die jungen Frauen und Männer, die zwar nichts erlebt, aber viel gelernt haben, die über die Zeit von 1933 bis 1945 sprechen und, wie zu befürchten ist, diese Jahre erklären wie andere historische Zeiten auch, den 30jährigen Krieg etwa.
Was können wir noch tun? Jenseits der Wissenschaft, als Zeitzeugen und Personen, die zwar auch erklären und analysieren können, aber eben auch erlebt haben. Welche Aufgabe können – ja müssen! – wir noch wahrnehmen? Davon und von meinem ganz persönlichen Zugang zu der Zeit des Nationalsozialismus soll das Symposion handeln. Die Fragen, die wir noch stellen wollen, können nicht mehr beantwortet werden, nur noch die Archive werden „reden“, nicht mehr die Menschen. Das ist der große Verlust, den ich so schmerzlich empfinde, weil ich weiss, wie wesentlich die persönlichen Erinnerungen sind. Denn auch fast 70 Jahre nach der Befreiung ist nichts verloren gegangen, selbst wenn Ausgrenzung, KZ-Haft oder Verfolgung „nur“ 1 oder 2 Jahre gedauert haben, die Erinnerung hat sich zu tief eingegraben und man wird keinen einzigen Zeitzeugen finden, der sich nicht detailliert an die Umstände dieser Zeit erinnert.
Man kann sich durch die gesamte Literatur über den Holocaust lesen, die Berichte sind vielleicht persönlich gefärbt, aber die Fakten stimmen überein, sie entsprechen der Wahrheit und sind längst auch wissenschaftlich untersucht und bewiesen. Hier bedarf es keiner „Unschuldsvermutung“! Gegen den Verlust der Zeitzeugen können wir kaum etwas tun, viele können nicht mehr, oder wollen auch nicht mehr reden, zuviel haben sie erzählt, zu müde sind sie geworden, und immer wieder hören sie, dass man doch bitte diese „alten Geschichten“ ruhen lassen soll. Wir haben andere Sorgen. Stimmt! Wir haben tatsächlich andere Sorgen, die aber teilweise den „alten Geschichten“ ähnlich sind, Ausgrenzung, Verachtung, Unverständnis – haben wir nichts gelernt? Denn wenn es um die Gegenwart und Zukunft geht, geht es immer auch um die Vergangenheit. Vielleicht könnte sich das mal herumsprechen. So gesehen können – ja müssen! – wir Wenigen und Letzten den Umgang der Gesellschaft, der Politiker, besonders aber der Wissenschaftler mit der jüngsten Geschichte schärfen und sensibilisieren.

Angelica Bäumer

VeranstalterInnen:
Gesellschaft für politische Aufklärung

Kooperationspartner:
Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien
Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen