27.5. – Götz Aly und Johanna Tomek lesen und kommentieren „Siegfried Lichtenstaedter: Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass“

27.May 2019

Götz Aly und Johanna Tomek lesen und kommentieren

„Siegfried Lichtenstaedter: Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass“

Ort:  Metro-Kinokulturhaus, Johannesgasse 4, 1010 Wien
Zeit: Montag, 27.5.2019, 18:30

Eintritt frei, bitte Zählkarten im Metro-Kino reservieren unter reservierung@filmarchiv.at oder +43 (0)1 512 18 03  MO-SA 17:00–21:00

Druckversion der Einladung (pdf)
Ankündigung des Metro-Kinokulturhaus

„Ostdeutsche Rundschau, Wien, den 25. Juni 1939: Die gestrige herr­liche, in jeder Beziehung wohl-gelungene Sonnwendfeier der Deut­schen Hochschülerschaft legte vollgiltiges Zeugnis dafür ab, dass deutsche Art und Sitte in unserem lieben Wien trotz der Befleckung durch die slawischen Eindringlinge noch immer die Oberhand haben.

In Scharen strömte nach dem Kahlenberg die deutsche Jugend hinaus, unter der besonders in ihren echtdeutschen Trachten die Neu­burschenschaften Ziu, Wotan und Donner auffielen. Dass jene Ver­bindungen, die noch nicht richtig vom deutschen Geiste durchdrungen sind und jedes deutsch-volkliche Gefühl durch ihre veralteten welsch-jüdisch-weibischen Namen „Germania”, „Danubia” usw. tief verletzen, von der Beteiligung hatten ausgeschlossen werden müssen, ist selbst­verständlich. In unseren ernsten Zeiten ist für die Lauen und Halben kein Raum mehr. Wann wird endlich die Erkenntnis sich allgemein Bahn gebrochen haben, dass es deutscher Männer-Bünde unwürdig ist, sich solcher Namen zu bedienen, während die deutsche Helden­geschichte überreich an den herrlichsten deutschen Männer-Namen ist!

Auf dem Kahlenberge – im weiten Garten des gut deutschen Gast­hauses „Zum deutschen Blitz“ – entwickelte sich bald ein echt­deutsches, feucht-fröhliches Treiben. Die herrlichen Reden, die vor den Feuern gehalten wurden und einen wahren Beifallssturm ent­fesselten, werden wir im nächsten Blatte wiedergeben. Unbeschreib­lichen Jubel erregte es, als das neueste deutsche Trutzlied „Wenn Wanzenvölker uns bedrohen“ angestimmt wurde.“

(aus einem fiktionalen Text Lichtenstaedters 1903)

Siegfried Lichtenstaedter, geb. 1865 in Baiersdorf, ermordet 1942 in Theresienstadt, war ein bis vor kurzem weitgehend vergessener jüdi­scher Jurist, Orientalist, Judaist, Sprachwissenschaftler und Schrift­steller. Er war Beamter der bayerischen Finanzverwaltung. Seine Wiederentdeckung und die Publikation ausgewählter Schriften (2019) ist den Forschungen des Historikers Götz Aly zum euro­päischen Antisemitismus zu verdanken. Lichtenstaedter, der von Götz Aly als „Prophet der Vernichtung“ bezeichnet wurde, verfügte nicht nur über eine bemerkenswerte Gabe zur Gesellschaftsdiagnose auf der Basis umfassenden historischen Wissens. Er war auch ein aus­geprägtes literarisches Talent, nicht zuletzt im Bereich der politischen Satire. Lichtenstaedter erweist sich in seinen Arbeiten nicht nur als ein scharfer Kritiker des zu seinen Lebzeiten sich immer mehr ausbreiten­den Antisemitismus, sondern auch eines westlich, euro-zentrisch ge­prägten Imperialismus.

Buchpublikation:
Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter (1865 – 1942), Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass, Frankfurt am Main: S. Fischer 2019

Eine Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und dem Forschungsschwer­punkt „Diktaturen – Genozide – Gewalt“ der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät in Kooperation mit dem Filmarchiv Austria.

Gefördert vom Dekanat der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und der Kulturabteilung (Magistratsabteilung 7) der Stadt Wien.