Das Ende einer kritischen und wissenschaftlich unabhängigen Unternehmensgeschichte?

8. November 2016

Stellungnahme von Historiker*innen der Universität Wien aus Anlass der Trennung des VW-Konzerns von seinem Chefhistoriker, Wien 07.11.2016

Als 1996 Hans Mommsen und Manfred Grieger nach langjähriger aufwändiger Forschungsarbeit die Studie Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich vorlegten, galt dies als ein Meilenstein im Feld der Unternehmensgeschichte. Der Autokonzern Volkswagen hatte eine unabhängige Studie initiiert und aktiv unterstützt, die sich kritisch mit seiner Gründungsgeschichte im NS-Staat, der Rolle der Ikone Ferdinand Porsche und dem Einsatz von tausenden Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlingen auseinandersetzte. Die Studie fand, im Unterschied zu manch anderen Firmenstudien, allgemeine Akzeptanz.

Der Vorstand der Volkswagen AG hatte damit ein mutiges Signal gesetzt, das forthin zum Maßstab für das Verhalten anderer Unternehmen in Fragen der Geschichtsaufarbeitung werden sollte. In Österreich nahm sich etwa die VOEST-Alpine die VW-Untersuchung explizit zum Vorbild im Umgang mit ihrer Firmengeschichte. Eine Untersuchung durch unabhängige Historiker*innen konnte von VW daher zu Recht als Erfolgsprodukt eines modernen deutschen Weltkonzerns dargestellt werden, der sich offen seiner gesellschaftlichen Verantwortung für den Umgang mit einer schwierigen Vergangenheit stellt. Für die Wirtschafts- und Zeitgeschichte wurde die herausragende Studie von Mommsen und Grieger zugleich ein Standard für alle weiteren Unternehmensgeschichten.

Durch die Schaffung einer eigenen Abteilung für Historische Kommunikation ebenso wie mit der Errichtung einer Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter*innen im Wolfsburger Hauptwerk dokumentierte der VW-Konzern sein dauerhaftes Interesse an einem verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte. Griegers Tätigkeit als Leiter der Historischen Kommunikation bei VW war in den letzten zwei Jahrzehnten in der scientific community der Ausweis dafür, wie Unternehmen ihre historische Kommunikation nach inne wie außen jenseits einer PR-orientierten Firmendarstellung gestalten können.

Wir nehmen daher mit großer Sorge die Medienberichte zur Kenntnis, dass die heutige Leitung des VW-Konzerns eine bereits 2015 erschienene Rezension von Manfred Grieger in der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte zum Anlass nimmt, die Zusammenarbeit mit ihrem Chefhistoriker zu beenden. Grieger hatte dort einer von der VW-Tochter Audi in Auftrag gegebenen Studie über ihre Vorgängerfirma Auto-Union in der NS-Zeit eine verengte und verharmlosende Sichtweise vorgehalten, handwerkliche Fehler festgestellt und generell eine abwehrende Haltung in Bezug auf Verantwortung für Zwangsarbeit bemängelt. Die Beziehung des Vorstandes zur NS-Führung seien zwar nicht verschwiegen, aber offensichtlich im Hinblick auf das Weiterwirken bei Audi nach dem Krieg heruntergespielt worden.

Die laut Medienberichten vom VW-Vorstand vertretene Auffassung, die Kritik hätte vorab mit dem Konzern abgestimmt werden müssen, ist ein schwerer Rückschritt für eine moderne Unternehmensgeschichte und verkennt fundamental die Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens. VW riskiert damit, das in den letzten 25 Jahren durch einen selbstkritischen und verantwortlichen Umgang mit der eigenen Geschichte erworbene große Ansehen wieder zu verspielen.

Vor allem gibt der konkrete Fall aber Anlass zur Sorge, dass sich hier ein neuer Trend in Unternehmen entwickeln könnte, den in den 1990er Jahren bei der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit erreichten Standard hinsichtlich einer wissenschaftlich unabhängigen Forschung, die auch nach Kontinuitäten zur Nachkriegszeit hin fragen kann, nicht mehr einhalten zu müssen.

Die Institute

für Geschichte der Universität Wien:
Vorstand Ao.Univ.Prof. Dr. Andreas Schwarcz

für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien:
Vorstand Univ.Prof. Dr. Philipp Ther

für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien:
Vorstand Univ.Prof. Dr. Thomas Ertl

für Zeitgeschichte der Universität Wien:
Vorstand Univ.Prof. DDr.Oliver Rathkolb

 

Kontakt:
Assoz.Prof. Dr. Bertrand Perz
Institut für Zeitgeschichte
bertrand.perz@univie.ac.at
Tel. #43-1-4277-41213