Intimität und Zugehörigkeit. Frauenbewegungen in Deutschland verhandeln weibliche Homosexualität und Freundinnenschaft (1870-1914). (Arbeitstitel)

Betreuerin: a.o. Univ.Prof.in Dr.in Johanna Gehmacher
Bearbeiterin: Mag.a Elisa Heinrich
Laufzeit: 01.02.2017 – 31.01.2020
Finanzierung: Uni:docs Förderprogramm der Universität Wien

Exposé

Internationaler Frauenkongress Berlin 1904 (Quelle: Nachlass Käthe Schirmacher, Microfiche-Edition 754/013)

 

Projektbeschreibung

 

Die Sexualwissenschaft erfand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der ‚weiblichen Homosexuellen’ eine neue sexualpathologische Kategorie. Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung wurde diese Kategorie in Deutschland aber erst zu dem Zeitpunkt als ein Vorentwurf des überarbeiteten Reichsstrafgesetzbuches von 1909 eine folgenschwere Änderung in Aussicht stellte: Paragraf 175, der ‚widernatürliche Unzucht‘ zwischen Männern unter Strafe stellte, sollte auf Frauen ausgedehnt werden. Wenn die Erweiterung des Straftatbestandes auch nicht umgesetzt wurde – die Strafrechtskommission entschied sich noch 1913 für die Beibehaltung des ursprünglichen Paragraf 175 – löste die Möglichkeit der strafrechtlichen Verfolgung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Frauen doch eine Reihe von Reaktionen in unterschiedlichen Öffentlichkeiten aus. Die Frauenbewegung war als homosozialer Raum, in dem Frauen – als Freundinnen, Gefährtinnen, Paare – in professioneller, politischer und intimer Weise miteinander verbunden waren, von dieser Entwicklung in einzigartiger Weise betroffen.

 

Eben diese Entwicklung bildet den Ausgangspunkt für das vorliegende Dissertationsprojekt. Darin wird zum einen – in einem diskursgeschichtlichen Teil – die diskursive Ausverhandlung ‚weiblicher Homosexualität‘ in Frauenbewegungen ab den 1870er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg untersucht. Im Sinne einer seit Mitte der 2000er Jahre verstärkt auf unterschiedliche Milieus fokussierenden Sexualitätsgeschichte zeigt sich, dass die Positionierungen von Frauenbewegungen im Diskurs zu weiblicher Homosexualität bisher deutlich unterschätzt wurden. Die in der Forschung häufig vorgebrachte These, die Frauenbewegung habe zum Thema weiblicher Homosexualität geschwiegen, kann – wie diese Arbeit zeigen wird – auf mehreren Ebenen hinterfragt werden.

 

Zum anderen wird im Rahmen der Arbeit nach den sozialen Beziehungen innerhalb von Frauenbewegungen und nach dem Deutungswandel gefragt, der sich im fokussierten Zeitraum darin vollzog. Die Jahre der Strafrechtsreform stellten, so die These, eine Phase der intensiven Ausverhandlung für Frauenbewegungen dar, in denen die Identitätskonstruktionen und engen Beziehungen zwischen Frauen in neue, normative Deutungszusammenhänge gestellt wurden und unterschiedliche Modelle von Intimität und Zugehörigkeit miteinander in Konkurrenz gerieten. In diesem sozialgeschichtlichen Teil meiner Arbeit nehme ich also die Lebenswelten der Akteurinnen in den Blick und analysiere deren unterschiedliche Strategien und Handlungsweisen.