Politischer Gehalt und gesellschaftliche Bedeutung der Oper

  • Projektleiterin: Prof. Dr. Erika Weinzierl,
  • Mitarbeiter: Mag. Robert Schlesinger
  • Finanziert durch das BMWV
  • Beginn: Oktober 1995

Hypothesen

  1. Ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Umbruchs in der Aufklärung war eine radikale Veränderung des Gefühlshaushaltes des einzelnen: Der Mensch beginnt, sich für sich selbst und seine Psyche zu interessieren.
  2. Dieses neue Gefühlsleben wurde zuerst vom Bürgertum getragen.
  3. Die Musik erfuhr ihren ungeahnten Aufschwung um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert nicht etwa, weil sie kraft ihres „Inhalts“ ein bürgerliches Propagandainstrument war (wie viele Musiksoziologen unterstellen), sondern weil sie – als die Sprache des Gefühls – das neue Bedürfnis nach Emotionalität am besten von allen Künsten zu stillen vermochte; und dieses Bedürfnis verspürten zunächst vor allem Bürger.
  4. Die Oper ist eine antipolitische Kunstform: Ihr Text mag zwar einen weltanschaulichen Standpunkt beziehen, aber die – dezidiert apolitische – Musik wird diesen fast ausnahmslos entpolitisieren.
  5. Bestandteil der bürgerlichen Ideologien (bei allen Unterschieden) ist in der Regel der starke Wunsch, mit der Politik nur ein bißchen schwanger zu werden, sprich: „politisch aktiv“ nur als Stimmbürger zu sein und sich sonst ins politikfreie Privatleben zurückzuziehen. Dem entspricht, daß sehr viele Operntexte einen mehr oder weniger politischen Inhalt haben (den ja die Musik vernebelt). Im (scheinbaren) Interesse der Kunstgattung Oper für die Politik ist also ein Element bürgerlicher Ideologie zu erblicken.
  6. Opern, die augenscheinlich in der politischen Sphäre spielen, aber – spätestens -durch die Musik einer konkreten politischen Aussage beraubt sind, lassen sich mit Hilfe der Inszenierung (im Theater und außerhalb davon) mit solchen konkreten politischen Aussagen füllen, das heißt: benützen.

Inhalt meiner Forschungsarbeit ist es, diese Hypothesen genau und kritisch zu überprüfen.

Vorgangsweise

Durch die Auswertung von Sekundärliteratur werden (vorhandene) Erkenntnisse miteinander verknüpft, die bisher noch nicht einmal miteinander verglichen wurden.

Zu Hypothese 6 wird (und das ist der größte Teil der Arbeit) an Hand von Rezensionen, Regiebüchern etc. zusammengetragen, wie sich der (absichtliche oder unabsichtliche) politische Standort von Operninszenierungen im Laufe der Zeit und in verschiedenen Ländern verändert hat.

Stand der Dinge (April 1997)

Die Überprüfung der Hypothesen 1 und 2 (die im Laufe der Arbeit bereits modifiziert und konkretisiert werden konnten) nimmt viel breiteren Raum ein als ursprünglich geplant. Es zeichnet sich eine grundlegende Theorie zu den emotionalen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft ab, die über das enge Spezialgebiet der Oper weit hinausweist. Zu ihrer Vervollständigung muß mir auch über die psychosozialen Voraussetzungen für das Ende der Blütezeit der Oper im frühen 20. Jahrhundert und für das davon unbeirrte Weiterleben der älteren Opernliteratur in der Gunst des Publikums einfallen. Überlegungen dazu gibt es bereits, sie sind aber vorerst nicht spruch-, geschweige denn druckreif.