Video als Selbsttechnologie. Selbst-Konfrontation, Selbst-Ermächtigung und Auto/biographische Praktiken.

Projektleitung: Mag.a Dr.in Renée Winter
Finanzierung: FWF – Elise Richter-Programm (Projektnummer V-633)
Laufzeit: 2018-2022

Abbildung: Video: „50. Geburtstag Papa, Schafe“, A 1993/1994, 94 Minuten, Österreichische Mediathek: E07-00499, Screenshot Renée Winter)

 

Das Projekt untersucht, auf welche Weisen Videotechnologie mediale Praktiken, die auf die Her- und Darstellung des Selbst gerichtet sind, verändert hat. Video auf Magnetband wurde von den späten 1950er Jahren bis in die 2010er Jahre verwendet, die größte Verbreitung und Popularität hatte es von den späten 1970ern bis in die 1990er, bis es von anderen digitalen audiovisuellen Formen abgelöst wurde.

Video hat mehrere Eigenschaften, die gegenüber (Schmal-)Film neue Gebrauchsweisen ermöglichten: die Möglichkeit sofortigen Wiederabspielens und Ansehens, synchrone Tonaufnahme und vor allem seine Erschwinglichkeit und die dadurch ermöglichte zunehmende Verbreitung veränderte die sozialen Praktiken in Zusammenhang mit audiovisuellen Medien enorm und wirkt bis heute nach. Das Projekt historisiert somit auch aktuelle Aspekte von Mediengebrauch im Kontext der Nutzung von Smartphone und Onlinemedien und bearbeitet Fragen der Konnektivität, der Mobilität und der Verschiebung und Auflösung der Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit.

Die Haupthypothese des Projekts, dass mit der Verbreitung und Anwendung der Videotechnologie neue Formen der Selbsttechnologien entstanden, wird anhand von drei Annahmen untersucht: 1) Die Eigenschaft von Videoband, sofort – ohne Filmentwicklungszeiten – wieder angesehen werden zu können und Bild- und Toninformationen synchron aufzunehmen, hat Methoden der Selbst-Konfrontation in der Psychotherapie, in Ausbildung und Training und im Coaching-Bereich wesentlich beeinflusst. 2) Video wurde als Mittel der Selbst-Ermächtigung und Demokratisierung gesehen. Aufgrund seiner Erschwinglichkeit und den erleichterten Kopier- und Distributionsmöglichkeiten, versprach Video soziale und politische Veränderungen auf globaler und lokaler Ebene, was sich in der Gründung von Videokollektiven, Guerilla-TV und dem Einsatz von Video in feministischen Zusammenhängen, in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, im AIDS-Aktivismus oder der Entwicklungszusammenarbeit ausdrückte. 3) Video veränderte den privaten und autobiographischen Gebrauch audiovisueller Medien. Die Möglichkeit und Leistbarkeit, stundenlang aufzunehmen, im Bedarfsfall wieder zu löschen und das Band wieder zu überspielen hatte große Auswirkungen auf die Repräsentationen des Privat- und Alltagslebens und der audiovisuellen Darstellungen der eigenen Lebensgeschichte. Video im Alltagsgebrauch ist zudem immanent verknüpft mit sich verändernden Konzeptionen von Familie, von Gender und von Sexualität. In diesem Sinn soll das Projekt abschließend auch zu einem besseren Verständnis der Interdependenz und Verflechtung von Mediendispositiven und Geschlecht beitragen.

Das Projekt analysiert diese Hypothesen anhand von Literatur und Videos aus dem angloamerikanischen und westeuropäischen Raum. Zudem werden Interviews mit Akteur_innen aus den untersuchten Feldern (Psychotherapie, Bildung und Coaching, Aktivismus und Home Video Gebrauch) geführt.