von Lingen Kerstin

Univ.-Prof.in Dr.in Kerstin von Lingen, MA

  • Seit März 2019 Professorin für Zeitgeschichte (Vergleichende Diktatur-, Gewalt- und Genozidforschung)
  • Gastprofessorin im Wintersemester 2017/18 und Sommersemester 2018

Lehrveranstaltungen (Link zu u:find)

Sprechstunde
Dienstag 11:00-12:00 Uhr (im Semester)

In der vorlesungsfreien Zeit
Dienstag, 9. Juli, 11:00-12:00 Uhr
Dienstag, 20. August, 11:00-12:00 Uhr
Dienstag, 10. September, 11:00-12:00 Uhr

 

Prof. Dr. Kerstin von Lingen, M.A., ist Historikerin an der Universität Wien und dort seit 1.3. 2019 Inhaberin der Professur für Zeitgeschichte (Vergleichende Diktatur-, Gewalt- und Genozidforschung). Zuvor war sie am Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“ sowie am Historischen Seminar der Universität Heidelberg tätig. Sie ist Heisenberg Stipendiatin (2018). Am Exzellenzcluster leitete sie eine Nachwuchsgruppe zum Thema Kriegsverbrecherprozesse in Asien, aus der vier Dissertationen hervorgingen. Gastprofessuren führten Sie an die ULB Brüssel (2016) und nach Wien (2017), sowie im Rahmen eines fellowships ans Lauterpacht Centre for International Law, Cambridge (2018). Sie begann ihr Studium der Geschichte (Schwerpunkt Zeitgeschichte und Mittelalter) sowie der Italianistik an der Universität Freiburg im Breisgau, mit Studienaufenthalten an der Università Statale di Milano. Nach einer kurzen Familienpause war sie von 1999-2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB „Kriegserfahrungen“ der Universität Tübingen. Ihre Forschungsschwerpunkte gelten der Genozid- und Gewaltgeschichte, insbesondere dem Holocaust, Dekolonisierungsprozessen (mit Schwerpunkt Asien), zeithistorischer Rechtsgeschichte, Studien zu Memory, Identity and Apology, sowie der Migrations-und Zwangsarbeiterforschung.

Unter ihren Publikationen sind drei Monographien (darunter ihre Dissertation Kesselrings letzte Schlacht. Kriegsverbrecherpolitik, Vergangenheitspolitik, Wiederbewaffnung: der Fall Kesselring, Paderborn 2004, sowie ihre Habilitation zu „Crimes against Humanity“, Paderborn 2018), sowie die Tagungsbände Kriegserfahrung und nationale Identität in Europa, Paderborn 2009; (mit Klaus Gestwa), Zwangsarbeit als Kriegsressource in Europa und Asien, Paderborn 2014, und die Ergebnisse ihrer Asienforschung, die Bände War Crimes Trials in the Wake of Decolonization and Cold War in Asia, 1945-1956: Justice in Time of Turmoil (Basingstoke: Palgrave, 2016), Debating Collaboration and Complicity in War Crimes Trials in Asia, 1945-1956 (Basingstoke: Palgrave, 2017), sowie Transcultural Justice at the Tokyo Tribunal: the Allied Struggle for Justice 1946-1948 (Brill 2018).


NEWS

5.-6.7. Conference: „Displacement and Resettlement During and After the Second World War in a Global Perspective – a Digital Humanities/Social GIS Approach“

further information


upcomming project: Forced Migration and Resettlement in a Global Context

The 20th century has seen unprecedented violence, not only on the battlefields in Europe and Asia, but also against civilians who suffered large-scale deportation and forced migration in both the European and Asian theatres of war. With a twofold approach to mass data, it is possible to on one side explore the movement of people through the forced labour systems during the second world war, and on the other hand to identify institutions and patterns of resettlement of these people after the second world war. Austria, in this regard, can be seen as both, the place of forced migration und slave labour, as well as an institutional hub of resettlement, where hopes and fears of displaced persons clashed with institutional capacities (e.g. UNRRA) and settlement policies of receiving countries, as for example Australia, Latin America, the US. A project combining institutional records with biographical data and sources, especially the existing collections pertaining to the field of Holocaust research, will enhance our understanding of forced migration and its impact on groups, institutions, and individuals.


70 Years Later:
The International Military Tribunal for the Far East

Ähnlich wie in Nürnberg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so standen auch in Tokyo von 1946-1948 die Führer des japanischen Kaiserreichs vor einem Internationalen Militärgericht. Er ist heute in Europa fast vergessen, und es war zum ersten Mal, dass im historischen Gerichtsaal von Nürnberg eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema stattfand, bei der internationale Forscher, viele aus Asien, zusammenkamen.

28 Vertreter der japanischen Elite, unter Ihnen Ministerpräsidenten, Generäle, Minister und Diplomaten, mussten sich in Tokyo in 55 Anklagepunkten für die Kriegführung des japanischen Kaiserreichs verantworten. Elf Richter aus den elf am Pazifikkrieg beteiligten Nationen fällten das Urteil über sie, das jedoch nicht einstimmig ausfiel: der indische, französische und niederlände Richter gaben jeweils abweichende Empfehlungen ab. Das Urteil gegen die Anklagen, darunter sieben Todesurteile, jährt sich 2018 zum 70. Mal.

Kerstin von Lingen, momentan Gastprofessorin am Institut für Zeitgeschichte, eröffnete die Konferenz mit ein paar Thesen zur „Transcultural Justice“ in Tokyo. Sie wies auf die umkämpfte Erinnerung an den Tokyo Tribunal hin, der ähnlich wie Nürnberg in den 50er Jahren für die bundesdeutsche Bevölkerung, mit dem Schlagwort der „Siegerjsutiz“ bis heute in Japan unter starker Kritik steht. Sie entwickelte einige Thesen, warum der Prozeß in Tokyo vor so viel größeren Schwierigkeiten stand als der Schwesterprozess in Nürnberg: zum einen war die Richterbank mit elf Richtern sehr groß, und eine fehlende gemeinsame Strategie führte zu Verwerfungen und Friktionen. Zum anderen gab es starke Sprachprobleme: neben den Schwierigkeiten mit der japanischen Übersetzung war auch Englisch als Gerichtssprache eine Herausforderungen für die 5 Nationen, die nicht zum anglo-amerikanischen Rechtssystem gehörten und keine Erfahrung mit Common Law hatten. Zwei Richter verstanden gar kein Englisch, dadurch war die Kommunikation untereinander stark eingeschränkt. Es gab Probleme mit der Beweislage, der organisation des Gerichts, und der Länge des Prozesses, der fast drei Jahre lang dauerte, und in dieser Zeit durften die Richter Tokyo nicht verlassen. Zuletzt spielten nationale Prioritäten eine große Rolle und beeinflussten die Haltung des jeweiligen Richters vor Ort: neben der strafrechtlichen Komponente war Tokyo der Ort, um nach 1945 das jeweilige nationale Narrativ zum Pazifikkrieg zu festigen und sich für die Auseinandersetzung um Machtpositionen in der Nachkriegszeit in Asien in Position zu bringen.

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