Einleitung: Religiöse Bauten und Anlagen in Japan

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Bernhard Scheid, „Einleitung: Religiöse Bauten und Anlagen in Japan.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 7.4.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten?oldid=36037

Japans berühmte Tempel und Schreine werden oft mit bestimmten, markanten Gebäuden assoziiert. Einige davon werden in diesem Kapitel näher vorgestellt. Man sollte aber nicht übersehen, dass die Begriffe „Tempel“ und „Schrein“ nicht nur einzelne Gebäude, sondern oft weit ausgedehnte Anlagen bezeichnen. Im Vergleich mit christlichen Kirchen lassen sich diese Anlagen mit dem alles umfassenden Kirchengebäude gleichsetzen, während die einzelnen Tempel- und Schreinhallen eher den Altären entsprechen: Sie sind nur bedingt zugänglich und jeweils einzelnen Gottheiten geweiht. Ebenso wie der Heilige des Hauptaltars einer (katholischen) Kirche ihre Identität verleiht, wird auch in Japan meist eine Hauptgottheit bzw. ein Hauptbuddha in einem zentralen Heiligtum verehrt, was aber die Verehrung anderer Gottheiten keinesfalls ausschließt. In früherer Zeit war es sogar die Regel, dass kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie→ Omairi → mehr und Buddhas innerhalb derselben Anlage verehrt wurden und allenfalls die Haupthalle über die „Konfession“ der Anlage entschied. Obwohl sich dies mit Beginn der Moderne drastisch änderte (s. Staatsshinto), sind die Spuren dieser gemischt-religiösen Anlagen bis heute noch deutlich zu erkennen.

Nigatsudo.jpg

Die Halle des zweiten Monats (Nigatsu-dō)

Tempelhalle (Holz). Nara-Zeit (8. Jh.), zerstört 1667, wiedererrichtet 1669; „Nationalschatz“; Seitengebäude des Tōdaiji in Nara
Bild © Ute (Blog), 2005. (Letzter Zugriff: 2014/3)

Die Nigatsu-dō liegt auf einem Hang oberhalb der Halle des Großen Buddha. Im Zweiten Monat (Nigatsu) fand hier jährlich ein berühmtes Fest statt, daher der Namen (heute wird das Fest im März abgehalten).

. 1 Nigatsudō, ein Tempel in den östlichen Hügeln von Nara

Religiöse Topographie

Was die Lage religiöser Anlagen betrifft, gibt es einen wesentlichen Unterschied zu den Gotteshäusern monotheistischer Religionen: Sie befinden sich nämlich zumeist am Rand kommunaler Zentren, nicht in der Mitte. Zwar sind alle japani­schen Städte von zahl­reichen kleinen religiösen Gebäuden durchsetzt, doch wirklich große Gebäude und Anlagen finden sich in den urbanen Zentren kaum. Als Faustregel lässt sich daher fest­halten, dass eine Anlage umso weiter am Rand liegt, je bedeutender sie ist. Oder anders ausgedrückt: Japanische Dörfer und Städte sind zumeist ring­förmig von religi­ösen Anlagen umgeben, die die Grenze zwischen Wildnis und Zivili­sation oder zwischen dem Innen und dem Außen der Gemeinde mar­kieren. Religiöse Anlagen sind inso­fern nicht der letzte innere Zu­fluchts­ort einer Gemeinde, sondern eher Außen­posten gegen (spirituelle) Bedro­hungen aus der „anderen Welt“, also der Welt der Dämonen und der Toten­geister, die häufig mit den Bergen assoziiert wird. Daher liegen Tempel und Schreine typi­scher­weise am Fuß eines Bergs oder eines Hügels, vor dem sich eine Ebene mit Feldern und Häusern — die Welt des säku­laren Alltags — erstreckt. Während die religi­ösen Anlagen zu dieser Ebene hin durch Mauern oder Zäune klar ab­ge­grenzt sind, gehen sie gegen den Berg hin lang­sam in dichte undurch­dring­liche Wälder über. Religiöse Anlagen bilden daher so etwas wie eine Membran zwischen Zivili­sation und Wildnis und beziehen einen Teil ihrer Bedeu­tung aus der ihnen zuge­sproche­nen Fähigkeit, die unbe­kann­ten Mächte der anderen Welt zu kontrol­lieren.

Diese reli­giöse Topo­graphie ist natürlich nicht überall kon­sequent auf­recht zu erhalten, schon gar nicht in Japans moder­nen Megacities. In den alten Haupt­städten Kyoto und Nara lässt sie sich jedoch noch heute klar erkennen. Auch in entle­ge­nen Berg­regio­nen sind die Wege, die auf die Gipfel führen, stets von reli­giösen Anlagen behütet.

Vergängliche Materialien, beständige Struktur

Pagodendach.jpg

Dachkonstruktion

Pagode (Holz), Detail. Errichtet 711; „Nationalschatz“; Hōryū-ji, Ikaruga, Nara-ken
Bild © Jani Patokallio, 2002. (Letzter Zugriff: 2011/9)

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. 3 Pagodendach

Die traditionelle japanische Architektur arbeitet fast ausschließlich mit Holz. Dies liegt nicht zuletzt an der bestän­digen Bedrohung durch Erd­beben in Japan. Gegen­über Stein­bauten haben Holz­häuser den Vorteil, dass sie leichter und bieg­samer sind und im Fall der Zer­störung schneller wieder auf­gebaut werden können. Aller­dings fallen sie umso leichter einem Brand zum Opfer. Diese Grund­vor­aus­set­zungen haben be­stimmte archi­tektoni­sche Muster her­vor­ge­bracht, die sich ganz beson­ders in den religi­ösen Bau­werken Japans erhal­ten haben.

Die traditionelle Architektur nimmt die Tatsache bewusst in Kauf, dass sie nicht für die Ewig­keit bestimmt ist. Statt dessen werden Gebäude immer wieder nach einem einmal be­währten Muster neu aufgebaut. Es ist außer­dem ver­hältnis­mäßig einfach, Gebäude aus­einander­zu­nehmen und an anderer Stelle wieder aufzu­bauen. Auch lassen sich einzelne schad­hafte Hölzer ohne große Schwie­rig­keiten durch neue erset­zen, wenn der Schaden nicht allzu groß ist.

In manchen Fällen, etwa im Fall der Schrein­anlage von Ise Ise 伊勢 vormoderne Provinz (heute Präfektur Mie); Kurzbezeichnung für die Schreinanlage von Ise (Ise Jingū)siehe auch Schreinanlage Ise → Schreine/Torii→ Pilgerschaft→ Bekannte Schreine/Kasuga→ Kamidana→ Shinto-Goetter → mehr , reißt man dennoch sämt­liche Gebäude alle zwanzig Jahre ab, um sie nach exakt dem gleichen Muster, aber mit neuen Hölzern wieder auf­zu­bauen. Heute geschieht dies vor allem aus rituellen Gründen, in alter Zeit, als Bauholz in un­limi­tierter Menge zur Verfü­gung stand, gab es aber auch die durch­aus rationale Erwä­gung, auf diese Weise dem natür­lichen Verfall zuvor­zu­kommen.

Interessanterweise hat diese Bereitschaft, die Vergänglichkeit mit in die Architektur einzu­beziehen, dazu geführt, dass sich die Grund­struktur der tradi­tionellen Bau­kunst seit der japani­schen Klassik (Nara- und Heian-Zeit) kaum nennes­wert verändert hat. Sobald man durch Versuch und Irrtum die effek­tivste Methode gefunden hatte, um einen bestimm­ten Ge­bäude­typ herzu­stellen, behielt man ihn bei. Dies ist im Fall buddhis­tischer Pagoden ganz besonders auffällig: Sie ent­wickel­ten sich aus einem chinesi­schen Urtyp, der in China schon längst nicht mehr existiert, in Japan aber bis heute fast unver­ändert weiter tradiert wird.

Im übrigen sind einige Bauten aus älterster Zeit vor dem Unbill der Natur verschont geblie­ben. In der Gegend um die alte Haupt­stadt Nara stammen einige Holz­bauten aus dem achten Jahr­hundert und zählen damit zu den ältesten Holz­bau­werken der Welt, etwa der buddhis­tische Tempel Hōryū-ji Hōryū-ji 法隆寺 Tempel in Ikaruga bei Nara, gegr. 607; wtl. „Tempel des prosperierenden [Buddha]-Gesetzes“siehe auch Tempel → Tempel/Tempeltore→ Kannon→ Shaka→ Waechtergoetter/Nio→ Fruehzeit → mehr .

Gemeinsamkeiten und Unterschiede religiöser Gebäude

Nikko_karamon.jpg

Schreindach

Schreingebäude (Holz, Bronze, Kupfer), Detail. Frühe Edo-Zeit, 17. Jh.; Tōshō-gū Schrein, Nikkō
Bild © Ron Reznick, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Detail der Dachkonstruktionen des Tōshō-gū Schreins, Nikkō. Im Vordergrund das „chinesische Tor“. Das Dach dahinter gehört zur Haupthalle.

. 4 Schreindach

Sowohl die Tempel des Buddhismus als auch die Schreine des Shinto widmen die größ­te archi­tekto­nische Sorgfalt dem Dach. Die Dächer von Tempeln und Schrei­nen ziehen daher mit ihren ele­ganten Schwüngen und raf­finier­ten Kon­struk­tionen sofort alle Blicke auf sich. Was da­runter ist, beschränkt sich zumeist auf eine stabile Kon­struktion von Balken, die oft nur durch ein­fache Bretter­wände oder gar Papier­schiebe­türen ver­bunden sind. Die Wände haben daher so gut wie gar keine tragende Funktion. Die meisten traditio­nellen Gebäude sind eben­erdig oder einstöckig. Auch die Böden sind aus Holz und lagern nicht direkt auf der Erde, son­dern schwe­ben auf stützen­den Pfählen. Dies schützt die Gebäude vor Feuch­tig­keit und un­er­wünsch­ten Schäd­lingen.

Tempel und Schreine unter­scheiden sich unter­ein­ander oft nur in Details, die dem Laien zunächst nicht ins Auge fallen. Auch funktionell ähneln sich die Gebäude des Shinto und des japanischen Buddhismus: Die Haupt­gebäude dienen im Wesent­lichen der Auf­bewah­rung von Heilig­tümern und nicht der Versamm­lung von Gläubigen. Religiöse Massen­ver­an­stal­tungen im Stil christ­licher Messen finden weder im Shinto noch im Bud­dhis­mus mit ähnlicher Regel­mäßig­keit statt wie in christ­lichen Ländern. Wenn viele Leute an einer reli­giösen Feier beteiligt sind, nimmt das Ganze rasch einen bunten Festcharakter an und wird im Freien abgehalten.

Um Shinto Schreine und buddhistische Tempel auseinander zu halten, bedarf es der Kennt­nis ganz bestimmter Merkmale: Schreine sind in der ersten Linie anhand von torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Schreine→ Shinto→ Schreine/Shimenawa→ Schreine/Schreinbilder→ Tempel/Tempeltore → mehr zu identi­fizieren, Pagoden oder Tore mit Wächter­figuren (Niō Niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch Nio → Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Tempeltore→ Bekannte Schreine/Nikko→ Waechtergoetter → mehr ) sind ein Hinweis, dass es sich wahr­schein­lich (wenn auch nicht sicher) um einen bud­dhisti­schen Tempel handelt. Weitere Einzel­heiten dazu werden auf den folgen­den Seiten besprochen. Die Listen berühm­ter Tempel und Schreine in diesem Kapitel bieten weiteres An­schau­ungs­material, erheben aller­dings keinen An­spruch auf Voll­stän­digkeit.

Verweise

Bilderläuterungen

  1. Nigatsudo.jpg

    Die Halle des zweiten Monats (Nigatsu-dō)

    Tempelhalle (Holz). Nara-Zeit (8. Jh.), zerstört 1667, wiedererrichtet 1669; „Nationalschatz“; Seitengebäude des Tōdaiji in Nara
    Bild © Ute (Blog), 2005. (Letzter Zugriff: 2014/3)

    Die Nigatsu-dō liegt auf einem Hang oberhalb der Halle des Großen Buddha. Im Zweiten Monat (Nigatsu) fand hier jährlich ein berühmtes Fest statt, daher der Namen (heute wird das Fest im März abgehalten).

  2. Kyoto 1710.jpg

    Stadtplan Kyoto, 1710

    Blockdruck von Hayashi Yoshinaga. 19. Jh.; aus Shinpan zōho kyō ezu, shinchi iri (Neuer Gesamtplan der Hauptstadt, inklusive der neuen Gebiete), 1710; 95 x 65cm
    Bild © David Rumsey Map Collection. (Letzter Zugriff: 2014/3)

    Auf dieser historischen Karte sind die religiösen Anlagen durch rote Unterstreichungen hervorgehoben und teilweise durch kleine Graphiken repräsentiert. Daran erkennt man, dass die Stadt von einem Ring aus Tempeln und Schreinen umgeben ist. Innerhalb des Stadtgebiets gibt es zwar ausgedehnte Anlagen für Prunkbauten, doch sind sie nicht rot hervorgehoben: Es handelt sich um die Paläste für Tenno und Shogun. Die bedeutendsten religiösen Anlagen sind an den Berghängen zu finden. Insbesondere entlang der östlichen Bergkette der Stadt (Higashiyama) ist die Konzentration von Tempeln besonders hoch. Im Südosten der Stadt befanden sich traditionellerweise auch die Friedhöfe. Eine Besonderheit dieser Karte besteht darin, dass auch verhältnismäßig weit entfernte religiöse Anlagen verzeichnet sind. Die Karte muss daher wie ein Froschaugenbild gelesen werden, an dessen Rand sich die Abstände extrem verkürzen. Die Proportionen innerhalb des Stadtgebiets sind dagegen realistisch. Das gleiche Schema findet sich auch auf anderen vormodernen Karten der Stadt.

  3. Pagodendach.jpg

    Dachkonstruktion

    Pagode (Holz), Detail. Errichtet 711; „Nationalschatz“; Hōryū-ji, Ikaruga, Nara-ken
    Bild © Jani Patokallio, 2002. (Letzter Zugriff: 2011/9)

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  4. Nikko karamon.jpg

    Schreindach

    Schreingebäude (Holz, Bronze, Kupfer), Detail. Frühe Edo-Zeit, 17. Jh.; Tōshō-gū Schrein, Nikkō
    Bild © Ron Reznick, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Detail der Dachkonstruktionen des Tōshō-gū Schreins, Nikkō. Im Vordergrund das „chinesische Tor“. Das Dach dahinter gehört zur Haupthalle.

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