Einleitung:Japanische Religionsgeschichte
Portrait des Jion Daishi (Jion daishi zō)
- Hängerollbild (Seide, Tusche, Farbe, Gold), Detail. Kamakura-Zeit, 14. Jh.; 80,9 x 41,4 cm
Bildquelle: Museum of Fine Arts. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Jion Daishi (632-682, chin. Kuiji) ist der chinesische Begründer der Hossō Schule, die auch im Japan des 8. Jahrhunderts großen Einfluss hatte. Die individuellen Gesichtszüge des Dargestellten gehen auf ein Portrait zurück, das im Jahr 838 seinen Weg von China nach Japan fand.
In der japanischen Religionsgeschichte gebührt dem Buddhismus ein ganz besonderer Platz. Es lässt sich sogar behaupten, dass sich Religion im Sinne eines das ganze Land erfassenden Systems von festgelegten Glaubensformen erst mit dem Buddhismus in Japan verbreitete. Zu den Neuerungen, die der Buddhismus brachte (und die für uns fast selbstverständlich zum Begriff Religion dazugehören), zählen: die Trennung von weltlicher und geistlicher Autorität (der Herrscher steht nicht zwangsläufig dem religiösen Kult vor); ein überregional organisierter Klerus; eine orthodoxe Theologie; ein einheitliches Ritualwesen; die Errichtung von religiösen Bauwerken, Statuen, und vieles andere mehr. All das gab es im vor-buddhistischen Japan entweder gar nicht oder nur in Ansätzen. Es ist beispielsweise denkbar, dass Bauten zu Ehren der japanischen Kami (kami 神 — japanische Gottheit …mehr ⇒), also Schreine, erst durch das Beispiel des Buddhismus ihre heute bekannte Form erhielten.
Die geschichtliche Rolle des Buddhismus in Japan
Einer der größten Einschnitte in der Geschichte der japanischen Religion besteht in der Einführung eines Klostersystems durch den Buddhismus. Im Japanischen ist das Wort shukke (shukke 出家 — buddh. Mönch; wtl. „der das Haus/die Familie verlässt“ …mehr ⇒) ein ehemals sehr gebräuchlicher Ausdruck für den Eintritt in den Mönchs- oder Nonnenstand. Er bedeutet wörtlich „Verlassen des Hauses“. Damit ist weniger ein Haus im baulichen Sinne gemeint, sondern eine Familie. Wer Mönch wird, verlässt seine Familie und damit alle weltlichen (gesellschaftlichen) Verpflichtungen und begibt sich unter eine neue Ordnung. Nach dieser Ordnung steht nicht mehr das Wohl der leiblichen Familie im Zentrum, sondern das Wohl der Mönchsgemeinde oder die eigene spirituelle Vervollkommnung. Ausdruck dieses Wechsels ist der Zölibat. Er ist wahrscheinlich weniger mit der Idee sexueller Askese verbunden (sie wird zumindest in Japan nie besonders betont) als mit dem Verzicht auf das Familiendenken, das in Japan wie in anderen vormodernen Gesellschaften auch einen extrem wichtigen Stellenwert hatte. Spannungen zwischen sozialen Verpflichtungen gegenüber der Familie (Stichwort „kindliche Pietät“) und den Verpflichtungen als Mönch sind daher nicht zufällig ein immer wiederkehrendes Thema der buddhistischen Erzählliteratur Japans. Sich der Familienethik zu entziehen und der Mönchsethik zu unterwerfen, stellte in der Gesellschaft des japanischen Altertums einen erheblichen Einschnitt dar, der keinesfalls immer von der eigenen Familie gutgeheißen wurde. Darüber hinaus symbolisiert das Klosterwesen eine Ordnung, die der weltlichen Ordnung einen kritischen Spiegel vorhält. Diese Idee einer religiösen Gegenwelt wurde in Japan erst durch den Buddhismus ins Leben gerufen.
Natürlich kam es aber - ähnlich wie in Europa - auch in Japan zu Vermischungen von geistlicher und weltlicher Macht: Mächtige Adelsfamilien schickten ihre jüngeren Söhne, die nicht für die Fortpflanzung der Familie benötigt wurden, ins Kloster, um auch dort ihren Einfluss geltend zu machen. Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass sich die Strenge der buddhistischen Mönchsgebote lockerte, je selbstverständlicher der Buddhismus zum Bestandteil der japanischen Kultur wurde. Heute ist etwa der Zölibat nur noch in den wenigsten Richtungen des japanischen Buddhismus obligat (s. dazu auch Kap. Tempel, Mönche).
Im Unterschied zum shintō (shintō 神道 — Shinto, Weg der Götter, Weg der kami …mehr ⇒), wo eine Trennung von weltlicher und geistlicher Macht bis heute verschwommen ist (schließlich gilt der Tennō (Tennō 天皇 — jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒) als oberster Priester des Shinto), legte der Buddhismus aber von Anfang an Wert auf eine autonome geistliche Hierarchie, die dem Staat oder besser gesagt dem kaiserlichen Hof nur eine bedingte Einflussnahme gestattete. Die Klöster entwickelten sich so zu einer Sphäre, in der neue kulturelle Errungenschaften erstmals erprobt und geübt werden konnten. Innovationen auf dem Gebiet der Architektur, der bildenden Kunst, der Dichtung und der Schriftlichkeit nahmen nicht selten in buddhistischen Klöstern ihren Anfang. Nach und nach drangen diese Innovationen auch in den weltlichen Bereich vor und machten den Buddhismus, vor allem in seiner Frühzeit, zum Motor des zivilisatorischen Fortschritts in Japan. Verständlicherweise wirkte sich diese kulturelle Kraft des Buddhismus auch auf die einheimischen Glaubensformen aus. Es entstanden „shintoistische“ Kultstätten, Statuen, rituelle Praktiken und klerikale Organisationsformen, die ohne das Beispiel des Buddhismus entweder ganz andere Züge angenommen hätten oder gar nicht existieren würden.
Kapitelübersicht
Die ersten zwei Drittel des vorliegenden Kapitels „Religionsgeschichte“ sind der Ausbreitung des Buddhismus und seiner Wechselwirkung mit dem Glauben an einheimische Götter bis zum Beginn der Frühen Neuzeit (um 1600) gewidmet.
Ab der Frühen Neuzeit treten neben dem Buddhismus neue, unabhängige Denk- und Glaubensrichtungen auf:
- Christentum (Missionierung und Verfolgung, 16. - 17. Jh)
- Neokonfuzianismus (17. - 19. Jh.)
- Kokugaku („Nativismus“, 17. - 19. Jh)
- Staatsshinto (19. - 20. Jh.)
- Neue Religionen (19. - 20. Jh.)
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- Literatur
- Links
- Autor
- Bernhard Scheid
- Kapitel 1
- Einleitung
- Buddhismus
- Buddh. Lehren
- Zitat:
- Vier Wahrheiten
- Shinto
- Essay:
- Shintō und jindō
- Stereotype
- Essay:
- Herrigels Zen
- Weltbild
- Kapitel2
- Einleitung
- Tempel
- Was ist ein Tempel?
- Spezialthemen:
- Tempeltore
- Pagoden
- Stupas
- Bekannte Tempel
- Schreine
- Was ist ein Schrein?
- Essay:
- Torii
- Bilder:
- Schreinbilder
- Götterseile
- Ise und Izumo
- Spezialthemen:
- Baustil Ise
- Izumo Schrein
- Bekannte Schreine
- Beispiele:
- Fushimi
- Tenjin
- Itsukushima
- Nikko
- Kasuga
- Kapitel 3
- Einleitung
- Öffentlich
- Tempel- & Schreinbesuch
- Spezialthema:
- Omairi Knigge
- Opfergaben
- Spezialthema:
- Votivbilder (ema)
- Glücksbringer
- Spezialthema:
- Glückslose
- Jahreszyklus
- Bilder:
- Neujahr
- O-Bon, Fest der Lichter
- Volksfeste (Matsuri)
- Spezialthemen:
- Nacktfeste
- Feuergang
- Fruchtbarkeits- und Phalluskulte
- Pilgerschaft
- Gastartikel:
- Fire walk
- Privat
- Religion und Familie
- Spezialthema:
- Der Kinder Segen
- Totenriten
- Essay:
- Modernes Jenseits
- Ahnenkult
- Hausschrein
- Friedhof
- Spezialthema:
- Grabsteine
- Priester und Mönche
- Buddhistische Mönche
- Spezialthemen:
- Mönchstracht
- Würdenträger
- Schreinpriester
- Yamabushi
- Spezialthema:
- En no Gyoja
- Kapitel 4
- Einleitung
- Mandala
- Spezialthema:
- Mandalas der beiden Welten
- Mudra
- Buddhas
- Amida
- Dainichi
- Essay:
- Daibutsu Statuen
- Shaka
- Spezialthemen:
- Buddhas Leben
- 32 Merkmale Buddhas
- Bodhisattvas
- Kannon
- Spezialthema:
- Pferdekopf-Kannon
- Jizo
- Spezialthema:
- Osorezan, der Angstberg
- Zornige
- Myōō
- Wächtergötter
- Spezialthemen:
- Niō Wächter
- Wind und Donner
- Sonstige Gottheiten
- Glücksgötter
- Spezialthemen:
- Daikoku
- Ebisu
- Benzaiten
- Bishamon-ten
- Hotei
- Shinto-Götter
- Spezialthema:
- Kasuga Mandala
- Kapitel 5
- Einleitung
- Göttermythen
- Götter des Himmels
- Spezialthemen:
- Ame no Uzume
- Trickster-Gottheiten
- Götter der Erde
- Essay:
- Ōkuninushi
- Jenseitsglaube
- Jenseits
- Spezialthemen:
- König Enma
- Kriegerische Geister
- Paradiese
- Höllen
- Spezialthemen:
- Höllenbilder
- Hungergeister
- Geisterwesen
- Totengeister
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- Horror Klassiker
- Itako Shamaninnen
- Tengu
- Bilder:
- Tengu Motive
- Oni und Kappa
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- Der Alte mit der Beule
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- Legendäre Tiere
- Bilder:
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- Tanuki
- Symboltiere
- Gastartikel:
- Tauben und Krieg
- Spezialthemen:
- Drei Affen
- Erdbeben-Wels
- Geschichte
- Kapitel 6
- Einleitung
- Altertum
- Frühzeit
- Spezialthema:
- Shōtoku Taishi
- Zitat:
- Königliche Empfehlung
- Nara Zeit
- Spezialthema:
- Miniaturstupas
- Frühe Kami Kulte
- Spezialthema:
- Himiko
- Heian Zeit
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- Zitat:
- Kukais Initiation
- Honji suijaku
- Mittelalter
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- Amidas Gelübde
- Zen Buddhismus
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- Zitat:
- Ein Kōan
- Nichiren Buddhismus
- Mittelalterl. Shinto
- Essay:
- Götterwinde
- Frühe Neuzeit
- Reichseinigung
- Christentum
- Zitat:
- Kopfgeld für Christen
- Inquisition
- Neo-Konfuzianismus
- Kokugaku
- Moderne
- Staatsshinto
- Zitat:
- Kaiserl. Erziehungserlass
- Spezialthema:
- Yasukuni Schrein
- Neue Religionen
- Kapitel 7
- Einleitung
- Yin und Yang
- Spezialthema
- Tierkreiszeichen
- Himmelskunde
- Spezialthema
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- Zitat
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