Einleitung: Die religiöse Ikonographie Japans

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Bernhard Scheid, „Einleitung: Die religiöse Ikonographie Japans“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie?oldid=32997

Die japanische Ikonographie ist stark vom Buddhismus geprägt, daher sind die höchsten bud­dhis­ti­schen Wesen, Buddhas (बुद्धBuddha (skt., m.)„Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) und Bodhi­sattvas (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.)„Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) , auch am häufigs­ten ab­ge­bildet. Doch die Buddhas lassen auch Gott­heiten anderer Religi­onen zu: Zusam­men mit den ein­hei­mi­schen japa­ni­schen Göttern (kami (kami japanische Gottheit …mehr ⇒)) und im­por­tier­ten Gott­heiten aus Indien, China und Korea formen sie ein Pan­theon, in dem die Grenzen zwi­schen den ein­zel­nen Kon­fes­sionen und Reli­gionen ver­schwin­den. In diesem Kapitel werden die wich­tigs­ten, am häu­figs­ten anzu­tref­fenden Gestal­ten dieses japani­schen Pan­theons vorge­stellt und ihre ikono­gra­phischen Erken­nungs­merk­male kurz be­schrie­ben. Es handelt sich aller­dings nur um einen klei­nen Aus­schnitt des­sen, was man an Figu­ren und Themen in der Reli­gion Japans vor­findet.

Zunächst soll es einmal darum gehen, in der ver­wir­ren­den Viel­falt bud­dhis­tischer Figu­ren eine Art Orien­tie­rung zu finden. In der japa­nischen Kunst­ge­schichte gibt es zu diesem Zweck vier hierar­chisch ange­ord­nete Kate­gorien:

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Nyorai oder Buddha­-Gruppe

Nyorai (Nyorai 如来Buddha-Titel ) ist ein Ehrentitel eines Buddhas, die Überset­zung von skt. Tathagata (तथागतTathāgata (skt., m.)Ehrentitel eines Buddhas ) . Buddhas sind streng genom­men keine Götter, werden aber ähn­lich wie Götter dar­ge­stellt. Trotz der ver­schie­denen Namen sind die meis­ten Buddhas äußer­lich (und wohl auch inner­lich) bei­nahe iden­tisch. In den bud­dhis­tischen Schriften werden ihnen 32 Merkmale zu­ge­spro­chen, durch die sie sich von ge­wöhn­lichen Sterblichen unter­scheiden. In den bildlichen Dar­stel­lungen sind davon meist nur einige zu sehen, z.B. der Schädel­aus­wuchs (Sitz beson­derer spiri­tueller Fähig­keiten); das Stirn­mal (eigent­lich eine weiße leuch­tende Haar­locke zwi­schen den Augen­brauen, meist als kleine Erhe­bung dar­ge­stellt); oder die lang ge­dehn­ten Ohr­läpp­chen. Abge­sehen davon weisen die meisten Buddhas fol­gende Ge­mein­sam­keiten auf: ein­faches Mönchs­gewand, ent­spannte Körper­hal­tung, ent­spannte Ge­sichts­züge, kein (oder kaum ein) Schmuck. Buddhas sitzen häufig im Medi­tations- oder Lotos-Sitz, es gibt aber auch ste­hende Buddha-Statuen, die dann meistens von zwei Bodhi­sattvas flan­kiert sind. Die Dar­stel­lung des Körpers ist im allge­mei­nen schlicht und realis­tisch. Nur wenige Buddhas besit­zen indivi­duelle Merk­male. Daher lassen sie sich oft nur durch unter­schied­liche Hand­zeichen (mudra (मुद्राmudrā (skt., f.)„Siegel“, Gebetsgeste …mehr ⇒) ) unter­schei­den. In diesem Kapitel wird auf die Buddhas Amida (Amida 阿弥陀Buddha Amitabha …mehr ⇒), Dainichi (Dainichi 大日Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …mehr ⇒) und Shaka (Shaka 釈迦Buddha Shakyamuni …mehr ⇒) ge­nauer eingegan­gen. Beson­ders im Alter­tum war neben diesen auch Yakushi Nyorai (Yakushi Nyorai 薬師如来Buddha der Medizin; skt. Bhaisajyaguru ), der „hei­lende Buddha“ oder „Buddha der Medizin“ von großer Bedeu­tung.

Bosatsu oder Bodhisattva­-Gruppe

Das Wort Bosatsu (Bosatsu 菩薩Bodhisattva, buddhistische Heilsgestalt ) geht auf den Sanskritbegriff Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.)„Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) zurück und bedeutet „Erleuchteter“. Bodhi­sattvas sind eine Schöp­fung des Mahayana (महायानMahāyāna (skt., n.)„Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung …mehr ⇒) Buddhismus und verkör­pern nach dieser Lehre die un­mittel­bare Vor­stufe zur Existenz als Buddha. Funk­tionell sind sie in vieler Hin­sicht mit christ­lichen Hei­ligen zu ver­gleichen. Mit ihrer Hilfe ver­suchte der Maha­yana Bud­dhismus — im Gegen­satz zu dem auf das Mönchs­wesen fokus­sierten Theravada (थेरवादTheravāda (pali, m.)„Schule der Ordensälteren“, buddhistische Richtung (hier in Pali angegeben; skt: Sthaviravada) …mehr ⇒) — den Weg zur Bud­dha­wer­dung auch für die buddhis­tischen Laien gang­bar und at­trak­tiv erschei­nen zu lassen.

Bodhisattvas sind zwar vollkommen erleuchtet aber noch nicht ins Nirvana (निर्वाणNirvāṇa (skt., n.)„Auslöschung“, Ort der Erlösung von allem Leid …mehr ⇒) ein­ge­gan­gen und stehen somit gleich­sam mit einem Bein im Dies­seits. Sie sind leichter zugäng­lich als die welt­ab­ge­wandten Buddhas. Voll von mildem Ver­ständ­nis für mensch­liche Schwächen sind sie jeder­zeit bereit, den Gläu­bigen bei der Überwin­dung schlechten Karma (कर्मKarma (skt., n.)„Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen …mehr ⇒) s zur Seite zu stehen.

Zu den bekanntesten japanischen Bodhisattvas zählen Kannon Bosatsu (Kannon Bosatsu 観音菩薩Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“ …mehr ⇒), Jizō Bosatsu (Jizō Bosatsu 地蔵菩薩Bodhisattva (Bosatsu); skr. Kshitigarbha, „Speicher oder Mutterleib der Erde“ …mehr ⇒), Seishi Bosatsu (Seishi Bosatsu 勢至菩薩Bodhisattva Mahasthamaprapta; Begleiter → Amidas ) und Fugen Bosatsu (Fugen Bosatsu 普賢菩薩Bodhisattva Samantabhadra; Begleiter des → Shaka Nyorai ). Oft wirken sie präch­tiger als Buddhas, auch können sie vier, sechs oder gar „tausend“ Arme besitzen und sind mit zahl­reichen Schmuck­stücken und Gegen­ständen aus­ge­stattet. Ähnlich den christ­lichen Heiligen kann ein Bodhi­sattva die Haupt­ver­ehrungs­figur eines Tempels (honzon (honzon 本尊Hauptheiligtum eines Tempels …mehr ⇒)) dar­stellen. Daher sind Bodhi­sattvas im all­ge­meinen Be­wusst­sein der Japaner ebenso be­kannt und oft sogar popu­lärer als so mancher Buddha. Wenn sie aber mit Buddhas zusammen dar­ge­stellt sind, wird allein durch die Größen­unter­schiede klar, wer höher steht.

In diesem Kapitel wird auf Kannon und Jizō genauer ein­ge­gangen. Die in der Titel­zeile abgebil­dete Figur ist Fugen Bosatsu, der meist auf einem Elefanten reitet, aber auch als Begleiter Shakya­munis (शाक्यमुनिŚākyamuni (skt., m.)„Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha …mehr ⇒) fungiert.

Myōō oder Vidyārāja­-Gruppe

Myōō (Myōō 明王wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārāja …mehr ⇒) (skt. Vidyārāja (विद्याराजVidyārāja (skt., m.)„Mantra-König, Weisheits-König“ …mehr ⇒) ) bedeutet „Mantra-König“ und verrät damit bereits eine Nahe­bezie­hung zu eso­te­rischen Gebets­formeln (Mantren (मन्त्रmantra (skt., n.)Gebets­formel …mehr ⇒) ). Im Unter­schied zu Buddhas und Bodhi­sattvas tragen Myōō fast immer grim­mige Züge und Waffen. Der in Japan bekann­teste Mantra-König ist Fudō Myōō (Fudō Myōō 不動明王prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“ …mehr ⇒), man trifft aber auch immer wieder auf Aizen Myōō (Aizen Myōō 愛染明王wtl. Mantra-König der Liebe …mehr ⇒), oder die Gruppe der Fünf Großen Myōō.

Myōō spielen vor allem im esoterischen Buddhis­mus eine wichtige Rolle. Sie gelten hier streng genom­men nicht als eigene Gestalten, sondern als zornvolle, furcht­ein­flößende Er­schei­nungs­formen von Buddhas und Bodhi­sattvas. Solche zorn­vollen, furcht­ein­flößen­den Figuren sind vor allem aus den tantristischen (तन्त्रtantra (skt., n.)„Gewebe“, im Buddhsmus Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich → Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt) …mehr ⇒) Traditionen des tibe­tischen Bud­dhis­mus bekannt, sie waren und sind aber auch in Japan, v.a. im Shingon-shū (Shingon-shū 真言宗Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …mehr ⇒) Bud­dhismus stark präsent. Mehr dazu auf der Myōō-Seite.

Tenbu oder Deva­-Gruppe

Die Angehörigen dieser Gruppe sind meist ursprünglich indische Götter (deva (देवdeva (skt., m.)„Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter ) ), die der Bud­dhis­mus als Beschützer des Dharma (धर्मDharma (skt., m.)Gesetz (des Universums), Lehre (des Buddha) …mehr ⇒) in sein Pantheon aufnahm und als solche nach Ost­asien brachte. Der Begriff „Deva“ wurde in China meist mit tian (jp. -ten (-ten wtl. Himmel; Göttertitel für eine eine aus Indien übernommene Gottheit (skt. Deva) …mehr ⇒)), wtl. „Himmel“, übersetzt, daher spricht man auch von der „Himmels-Gruppe“ (tenbu (tenbu 天部Gruppe der indischen, bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva) …mehr ⇒)). Manche Devas werden aber auch, gleich den Myōō, als „König“ (ō) bezeichnet. Zu den bekanntesten zählen Enma-ten (Enma-ten 閻魔天skt. Yama, Wächtergottheit; s.a. → Enma …mehr ⇒), Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten …mehr ⇒), die Vier Himmels­könige (Shi-Tennō (Shi-Tennō 四天王Die 4 Himmelskönige (Weltenwächter) …mehr ⇒)), die Niō (Niō 仁王Wächterfigur, Torwächter …mehr ⇒), u.a.m. Sie haben meistens Wächter­funk­tionen (z.B. Wächter des Tempel­tores), es können ihnen aber auch eigene Tempel geweiht sein. Manche dieser Götter sind im Laufe der Geschichte in Japan zu populären Kami, also zu Shinto-Gott­heiten, mutiert und haben dabei ihre schrecken­er­regenden Züge verloren. Mehr dazu auf der Tenbu-Seite.

Ikonographisch gesehen verschwimmen die Grenzen zwischen diesen Kategorien natür­lich immer wieder. Buddhas und Bodhi­sattvas lassen sich jedoch meist recht deut­lich von Myōō und Tenbu unter­scheiden: Sie strahlen innere Ruhe, Milde und Mitgefühl aus. Tenbu und Myōō sind dagegen eher furcht­ein­flößende Gestalten. Sie sind außer­dem den mild­tätigen Buddhas und Bodhi­sattvas deut­lich unter­ge­ordnet. Obwohl sie mitunter an christ­liche Teufel und Dämonen erin­nern, darf man nicht den Fehler begehen, sie als böse oder sünd­haft an­zu­sehen. Sie bilden mit den Buddhas ein System, das milde und strenge Wege kennt, um die Lebe­wesen auf den rechten Weg zu führen. Oft werden Devas und Myōō auch als Inkar­nationen oder Mani­fes­ta­tionen, also Erschei­nungen in verän­derter Form, eines Buddhas oder Bodhi­sattvas ange­sehen.

Geschichtlicher Überblick der buddhistischen Ikonographie

Im Buddhismus herrschte ursprünglich, ähnlich wie in den semitischen Religionen, ein Bilder­verbot. Der Buddha sollte ledig­lich in symbo­lischer Form, z.B. als Rad der Lehre, abge­bildet werden. Erst unter dem Ein­fluss des Maha­yana Bud­dhismus (ab dem zweiten vorchr. Jh.) verschwand dieses Verbot, wahr­schein­lich im Zu­sammen­hang mit der Tatsache, dass sich das Mahayana beson­ders um die Ver­brei­tung der Lehre unter den Laien bemüht. Die frühes­ten Dar­stel­lungen des Buddha stammen aus dem ersten Jahr­hun­dert unserer Zeit aus Madura (N-Indien) und Gandhara (गन्धारGandhāra (skt., m.)ehemaliges Königreich im 1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistan ) (Pakistan). Beson­ders an den Statuen aus Gandhara fällt ein starker hellenis­tischer Ein­fluss auf, oft erin­nern sie an Götter der griechisch-römi­schen Antike.

Mit der Ausbreitung des Buddhismus nach China erfuhren die indischen und zentral­asiati­schen Motive — ebenso wie die Lehre des Buddha selbst — einige stilis­tische Ver­än­der­ungen. Die oft sehr bewegten indischen Gestalten werden etwas ruhiger, in sich gekehrter. Viele ikono­graphi­sche Details werden jedoch beibe­halten und in streng kodifi­zierter Form von Epoche zu Epoche weiter tradiert.

In Japan übernahm man in der Regel sowohl die Stil­rich­tungen als auch die ikono­graphi­sche Symbolik der chine­sischen Bud­dha­statuen, ja in der Früh­zeit kamen auch die Bild­hauer selbst aus China oder Korea. Daher ähneln japani­sche Statuen sehr stark chine­sischen oder korea­nischen, die wie­derum Varian­ten von indischen oder zentral-asiati­schen Grund­mustern sind. Die allmäh­lichen, subtilen Aus­prä­gungen eines spezifisch japani­schen Stils sind auf den ersten Blick nur schwer erkennbar. Es ist auch nicht einfach, das Alter einer bud­dhis­tischen Figur ab­zu­schätzen. Lediglich der schlichte Stil aus der Früh­zeit des japani­schen Bud­dhis­mus (6.–8. Jh.) lässt sich ver­hält­nis­mäßig leicht iden­tifizieren. In der Heian (Heian 平安alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit (9.–11. Jh.) entstand schließlich der klas­sisch-japani­sche Stil, der beson­deren Wert auf die innere Ruhe legt, die von den Skulpturen ausgeht, auf indivi­duelle oder dyna­mische Merk­male jedoch weit­gehend verzichtet.

In der Kamakura (Kamakura 鎌倉Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shogunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit (12.–14. Jh) erlebte die buddhis­tische Bild­hauer­kunst eine beson­dere Blüte. Aus dieser Zeit sind sogar die Bio­graphien der Künstler bekannt, während man sonst kaum mehr als den Namen der Maler und Bild­hauer kennt. Die berühm­testen Statuen der Kamakura-Zeit ent­stammen der soge­nann­ten Kei-Schule, deren Mit­glieger häufig die Silbe „kei“ im Namen tragen. Ihre krea­tivsten Neue­rungen liegen in dyna­mischen, psycho­logisch raffi­nierten Darstel­lungen, die in der realis­tischen Darstel­lung von zorn­vollen Gott­heiten und Dämonen am deut­lichsten hervortritt. Aber auch zahlreiche Por­trait­skulp­turen von hoch­rangigen Mönchen stammen aus der Kamakura-Zeit.

Später, vielleicht bedingt durch einen allgemeinen Be­deu­tungs­ver­lust buddhis­tischer Tempel, ent­stan­den nur noch wenige bild­hau­erische Werke von ver­gleich­barer Qualität. Zu neuar­tigen Über­schnei­dungen von Kunst- und Religion­geschichte kam es vor allem im Zen-Buddhismus, der die mono­chromen, oft humor­vollen Tuschebilder von buddhis­tischen Heiligen und Patri­archen her­vor­brachte, sowie im neun­zehnten Jahr­hundert in der Kunst der ukiyo-e (Holzblock-Drucke), die u.a. die ein­hei­mischen Gott­heiten als graphisches Sujet „ent­deckten“.

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