Phallus-Kulte in Fruchtbarkeitsriten, Volksbräuchen und shunga

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Phallus-Kulte in Fruchtbarkeitsriten, Volksbräuchen und shunga
Dōsojin mit Phallidarstellung.
Statue (Stein). Meiji-Zeit, 1893; Miyagi
Bild © Michael Czaja. Gods of myth and stone: Phallicism in Japanese folk religion. New York: Weatherhill, 1974, S.113.

Ein aus Stein gefertigter Wegegott (dōsojin) aus Nordjapan, auf dem zwei Phalli als Paar abgebildet sind.

. 1 Wegegott in Phallusform

In früherer Zeit waren Phallus-Kulte und Riten mit offenkundig sexuellen An­spie­lungen ein häufiges Phänomen in Japan. Besonders zu Früh­lings­beginn, vor dem Aus­pflanzen oder Säen, wurden Ze­re­mo­nien und Tänze ab­ge­hal­ten, in denen die Bitten um ein reiches Ernte­jahr durch die Ver­eh­rung über­dimen­sionaler männlicher oder weiblicher Ge­schlechts­organe sowie durch rituell angedeutete Ge­schlechts­akte aus­ge­drückt wurden. Obwohl der­ar­tige Um­züge den Anschein einer besonders ar­cha­isch­en Form von Natur­ver­ehrung tragen, ist es auch möglich, dass Phal­lus­kulte und religiöse Zeremonien sexuellen Inhalts in der unruhigen Zeit der späten EdoEdo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyō ShichigosanMatsuriMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit (Anfang des neun­zehnten Jahr­hunderts) einen besonderen Auf­schwung erfuhren. Jeden­falls erfreuten sich in dieser Zeit die sogenannten shungashunga 春画 wtl. „Frühlingsbilder“; Gemälde und Druckwerke mit expliziten sexuellen Darstellungen Oni und Kappa („Frühlings­bilder“), Por­no­graphien mit grotesk über­pro­por­tionalen Genital­darstellungen, besonderer Beliebtheit. Die phantasie­vollsten Meister des Shunga-Genres schufen ver­einzelt sogar Bilder von Frucht­bar­keits­göttern, die wiederum die Form von Genitalien haben und von Frucht­bar­keits­riten inspiriert zu sein scheinen.

Auf dieser Seite folgen zum einen Beispiele für Frucht­bar­keits­kulte und phallische Bräuche, die heute noch in Japan zu finden sind (bzw. wieder neu belebt werden), zum anderen Shunga Motive mit Bezügen zur japanischen Götter- und Sagenwelt. Ob zwischen den beiden Phä­no­me­nen wirklich eine tiefere Be­zie­hung besteht, sei vorläufig dahin gestellt, fest steht, dass beide eine er­staun­liche hohe To­ler­anz gegenüber sexuell kon­no­tier­ten Themen in der religiösen Land­schaft des vor­mo­der­nen (und bis zu einem gewissen Grad auch des heutigen) Japan belegen.

Phallus- und Fruchtbarkeits-Kulte

Aus Reisebeschreibungen des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts lässt sich sowohl die ehemals weite Verbreitung von Frucht­bar­keits­kulten als auch deren Rück­gang unter europäischem Ein­fluss herauslesen. So schrieb einer der Väter der westlichen Japan­forschung, W. G. AstonWilliam George Aston 1841–1911; brit. Diplomat und Pionier der Japanologie; Übersetzer des Nihon shoki Torii, im Jahr 1896:

Besonders vor der Revolution 1868 sind wohl allen Reisenden in Japan die zahl­reichen Hin­weise auf einen Phallus-Kult aufgefallen. In den letzten Jahren hat sich die Regierung zwar nach Kräften bemüht, diese besonders derbe Form der Natur­verehrung zu unter­drücken, doch exisistiert sie nach wie vor an abge­legenen Orten [...].

Ich selbst war einmal Zeuge eines phallischen Um­zugs in einer Ort­schaft ein paar Meilen nördlich von Tōkyō. Ein Phallus von mehreren Fuß Länge, in grellem Schar­lach­rot bemalt, wurde da auf einer Art Bahre von johlenden, lachenden Kulis mit erhitzten Gesichtern in abrupten Zick­zack-Bewegungen von einer Seite der Straße zur anderen schlin­gernd ein­her­ge­tragen.1

Tagata und Ōagata Jinja

Astons Beschreibung deckt sich ziemlich genau mit einem Fruchtbarkeitsfest (hōnen matsurihōnen matsuri 豊年祭 Erntebitt-Fest, Fruchtbarkeitsfest Matsuri) des TagataTagata Jinja 田縣神社 Schrein bei Nagoya, bekannt für seine (männlich konnotierten) Fruchtbarkeitsriten (hōnen matsuri) Schreins im Raum Nagoya, welches heute zu den bekanntesten seiner Art zählt. Auch hier wird jedes Jahr Mitte März ein zweieinhalb Meter langer Holzphallus von einer Gruppe an­ge­hei­ter­ter Schrein­helfer auf einer Art mikoshimikoshi 神輿 tragbarer Schrein MatsuriHadaka matsuri um­her­ge­tra­gen, während weibliche Helferinnen mit etwas kleineren Phalli in der Hand die Prozession begleiten. Das Fest hat sich mittlerweile zu einem Tou­ris­mus­ma­gne­ten entwickelt und wird zunehmend auch von Ausländern fre­quen­tiert.

Phallus matsuri3.jpg
Sichtlich angeheiterte Mitglieder der Schrein­gemeinde des Tagata Schreins
tragen den Ver­ehrungs­gegen­stand ihres Schreinfestes,
einen 2,5m langen, 400kg schweren Phallus, auf ihren Schultern...
Phallus matsuri2.jpg
... weibliche Mitglieder tragen verkleinerte Abbilder hinterher.
Bilder: Peter Thoeny 1998 [2010/9]

Der Tagata Schrein besitzt außerdem ein Gegen­stück im nahe gelegenen ŌagataŌagata Jinja 大縣神社 Schrein bei Nagoya, bekannt für seine Fruchtbarkeitsriten (hōnen matsuri) Schrein, wo zur gleichen Zeit ein riesiger Reis­kuchen (mochi) um­her­ge­tra­gen wird. Der Reis­ku­chen ähnelt entfernt einem weiblichen Ge­schlechts­organ. Im Ōagata Schrein befinden sich außerdem mehrere Vagina-artige Steine, während der Tagata Schrein Phallus-artige Steine auf­be­wahrt. Beide Schreine sind bereits in den EngishikiEngishiki 延喜式 „Bestimmungen der Engi Ära“; Gesetzeswerk mit zahlreichen religionspol. Bestimmungen, v.a. zum Schreinzeremoniell, aus dem 10. Jh. NikkoOkuninushiTaubenKami Kulte, einem Do­ku­ment aus dem zehnten Jahr­hundert erwähnt, ob damals aber schon ein Frucht­bar­keits­kult vorhanden war, ist nicht bekannt.

Phallus-artiger Stein.
Naturstein; Tagata Schrein, Komaki, Präfektur Aichi.
Vagina-artiger Stein.
Naturstein; Ōagata Schrein, Inuyama, Präfektur Aichi.
. 2. 3 Heilige Steine des Tagata (li.) und des Ōagata Schreins (re.)
Fruchtbarkeitsfest (hōnen matsuri).
Tagata Schrein, Komaki, Präfektur Aichi.

Festival-Banner

Fruchtbarkeitsfest (himenomiya hōnen matsuri).
Ōagata Schrein, Inuyama, Präfektur Aichi.

Festival-Banner

. 4. 5 Festival-Banner des Tagata (li.) und des Ōagata Schreins (re.)
Hanayome Umzug.
Schreinfest; Ōagata Schrein, Aichi-ken.

Bei einem Fest des Ōagata Schreins werden junge Frauen in pächtigen Brautkleidern (hanayome) auf kleinen Lastwägen in einer Prozession umhergeführt. Im Hintergund eine Maske der Okame, die hier zu einer Vulva verformt ist — das Markenzeichen des Ōagata Schreins.

. 6 Bei einem Fest des Ōagata Schreins werden junge Frauen in präch­tigen Braut­klei­dern (hanayome) auf kleinen Lastwägen in einer Prozession um­her­ge­führt. Im Hin­ter­grund eine Maske der Okame, die hier zu einer Vulva verformt ist — das Markenzeichen des Ōagata Schreins.

Tenteko Matsuri

Beim Tenteko Matsuri in Nishio-shi, ebenfalls im Großraum Nagoya, binden sich Männer Phallus­at­trap­pen ans Gesäß und voll­führen damit suggestive Auf- und Ab-Bewegungen.

Tenteko1.jpg
Sechs rot gekleidete, vermummte Männer stehen im Mittel­punkt des Umzugs.
Tenteko2.jpg
Die Phallusattrappen sind aus Rettichen geschnitzt
und so konstruiert, dass sie auf- und abwippen können.
Bilder: Okada Y. 2008 [2010/10]

Kanamara Matsuri

In Kawasaki südlich von Tōkyō gibt es den Kanayama SchreinKanayama Jinja 金山神社 wtl. „Schrein des Eisenberges“; Schrein in Yokohama, berühmt für sein „Fest des Eisenpenis“ , der ehemals von Prostituierten zum Schutz vor Ge­schlechts­krank­heiten auf­ge­sucht wurde. Er leitet seinen Ur­sprung von einer Sage her, in der ein Dämon mithilfe eines Eisen­penis (kanamara) aus der Vagina eines Mädchens aus­ge­trieben wird. In den letzten Jahren hat sich daraus ein matsurimatsuri religiöses (Volks-)Fest MatsuriHadaka matsuriItakoBekannte Schreine... mehr im Stil einer Love-Parade entwickelt, bei dem der Ver­eh­rungs­ge­gen­stand von Trans­vestiten getragen wird. Der Schrein hat sich zudem der Be­kämp­fung von Aids ver­schrie­ben (s. auch das Beispiel eines Votivtäfelchens, ema).

Kanamara Phallus Fest.
Schreinfest, matsuri; Kanamara Schrein, Kawasaki, Kanagawa-ken
Bild © Damon Coulter, 2012. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Der rosa Phallus hat sich zu einer Hauptattraktion des Kanamari Matsuri entwickelt. Er trägt den Namen Elizabeth, weil er stets von Transvestiten eines gewissen Elizabeth Club umhergetragen wird. Zahlreiche Blogs, unter anderem ein sehr empfehlenswerter Photo-Essay von Damon Coulter, schildern die Einzelheiten dieser neuartigen Mischung aus Schreinfest und Love-Parade.

. 7 Kanamara Phallus Fest

Phallische Statuen und Götter

Yin Yang Steine

Wie schon an den obigen Beispielen erkennbar, gehen Frucht­bar­keits­kulte oft von Steinen aus, die die Natur mit sug­ges­tiven Formen aus­ge­stat­tet hat. Solche Steine oder Felsen nennt man viel­sagend „Yin Yang Steine“ (inyō-seki). Sie werden meist mit einem shimenawashimenawa 注連縄 shintōistisches „Götter-Seil“; geschlagene Taue aus Reisstroh. KamidanaOpfergabenBekannte SchreineIse Izumo... mehr als heiliges Objekt ge­kenn­zeich­net oder in einen kleinen Schrein gestellt. Bei solchen Kult­stät­ten soll ehemals um Kinder­segen, leichte Geburt oder Genesung von Kinder- und Frauen­krank­heiten gebetet worden sein. Ein besonders ein­drucks­volles Beispiel ist in der Region Miyazaki, Kyūshū zu besichtigen:

Yin Yang Stein (inyō-seki).
Felsformation, torii; Miyazaki, Kyūshū
Bild © Photo Miyazaki, Morimori. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Man beachte, dass das Objekt der Anbetung durch torii und shimenawa als sakraler Gegenstand gekennzeichnet ist.

. 8 Männlicher Yin Yang Stein
Man beachte, dass das Objekt der Anbetung durch toriitorii 鳥居 Torii, Schreintor; wtl. „Vogelsitz“ OpfergabenBautenBekannte SchreineFushimi... mehr und shimenawashimenawa 注連縄 shintōistisches „Götter-Seil“; geschlagene Taue aus Reisstroh. KamidanaOpfergabenBekannte SchreineIse Izumo... mehr als sakraler Gegenstand gekennzeichnet ist.
Yin Yang Stein (inyō-seki).
Miyazaki, Kyūshū
Bild © Photo Miyazaki, Morimori. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Es bedarf tatsächlich nicht allzu großer Phantasie, um hier ein männliches und ein weibliches Geschlechtsorgan im Felsen zu erkennen.

. 9 Weiblicher und männlicher Yin Yang Stein
Es bedarf tatsächlich nicht allzu großer Phantasie, um hier ein männliches und ein weibliches Ge­schlechts­organ im Felsen zu erkennen.

Mara Kannon

In der etwas abgelegenen Präfektur Yamaguchi (W-Honshū) gibt es einen bud­dhis­tischen Tempel mit dem seltsamen Namen Mara Kannon (Mara ist ein Dämon des Bösen im Bud­dhis­mus, aber auch ein Wort für „Penis“, KannonKannon 観音 auch Kanzeon 観世音, wtl. der den Klang der Welt erhört; skt. Avalokiteśvara; chin. Guanyin; als Bodhisattva des Mitleids bekannt FushimiKasugaNikkoBekannte Tempel... mehr ist der BodhisattvaBodhisattva बोधिसत्त्व „Erleuchtetes Wesen“, jap. bosatsu 菩薩 ShichigosanMoencheBekannte SchreineKasuga... mehr des Mitgefühls). Der Tempel behauptet von sich, führend auf dem Gebiet des Phallus-Kultes zu sein:

Hinweisschild des Mara-Kannon Tempels.
Plakat; Präfektur Yamaguchi
Bild © Chindera Dai-Dōjō. (Letzter Zugriff: 2011/7).

Der Mara-Kannon Tempel behauptet von sich, führend auf dem Gebiet des Phallus-Kultes zu sein.

Eindrücke des Mara-Kannon Tempels.
Phallus-Statuen (Stein); Präfektur Yamaguchi
Bild © Chindera Dai-Dōjō. (Letzter Zugriff: 2011/7).
Eindrücke des Mara-Kannon Tempels.
Yamaguchi
Bild © Chindera Dai-Dōjō. (Letzter Zugriff: 2011/7).
Eindrücke des Mara-Kannon Tempels.
Yamaguchi
Bild © Chindera Dai-Dōjō. (Letzter Zugriff: 2011/7).
Eindrücke aus dem Mara-Kannon Tempel in Yamaguchi

Konsei-sama

Reste ähnlicher Phal­lus­kul­te lassen sich schließlich auch in Nordjapan finden. In der Stadt Tōno, Präfektur Akita, die schon für den Pionier der japani­schen Volks­kunde Yanagita KunioYanagita Kunio 柳田国男 1875–1962; Begründer der jap. Volkskunde eine Fund­grube an religiösen Volks­bräuchen darstellte, wird in mehreren Schreinen eine Gott­heit namens Konsei-samaKonsei-sama 金精様 phallische, als Gottheit verehrte Steinformationen in Nord-Japan verehrt, die als Phallus gedacht wird. Oft handelt es sich um natürliche Stein­forma­tionen, die an Phalli manchmal aber auch an eine Vulva erinnern.

Hauptheiligtum des Konsei-Schreins.
Yamasaki, Tōno-shi, Präfektur Akita
Bild © Okada Kenji, 2008. (Letzter Zugriff: 2016/8).
. 10 Hauptheiligtum des Konsei-Schreins in Yamasaki, Tōno-shi, Akita-ken

Yama no kami

In ländlichen Gegenden werden häufig anonyme Berg­gott­heiten (yama no kamiyama no kami 山の神 wtl. „Berggottheit“; meist annonyme, manchmal sexuell konnotierte Lokalgottheit ) verehrt. Das Beispiel unten zeigt einen etwas vernach­lässigten Seiten­schrein des Yaegaki Jinja in Matsue, Präfektur Shimane (die Gegend des Izumo SchreinsIzumo Taisha 出雲大社 Großschrein von Izumo (Präfektur Shimane) Ise IzumoIzumo SchreinOkuninushiEbisu... mehr), der einer anonymen Berg­gott­heit gewidmet ist. Berg­gott­heiten sind in Japan grund­sätzlich weiblich, werden aber, wie man sieht, ggf. auch mit Phallus­kulten bedacht.

Vernachlässigter Phallusschrein.
Yama-no-kami Schrein, Matsue, Präfektur Shimane
Bild © Onizuka Kentarō, 2001. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Weitere Informationen: Inyōseki Kenkyūkai (2011/7)

. 11 Yama-no-kami Jinja, Matsue, Shimane-ken

Wegegötter

Ähnlich den sogenannten „Marterln“ im alpinen Raum gibt es in ländlichen Gegenden Japans immer wieder einfache Stein­skulp­turen, die zur Kenn­zeich­nung von Wegen und Kreu­zun­gen dienen oder den Rand eines Dorfes bewachen. Diese Statuen werden im allgemeinen dōsojindōsojin 道祖神 Wegegott, auch sae no kami; volksrel. Figuren, manchmal in phallischer Form ToriiDrei AffenTengu („Ahnen­götter der Wege“) oder „Wege­götter“ genannt. Bisweilen besitzen sie eine phallische Form ähnlich den oben angeführten Beispielen. In vielen Fällen wird aber auch ein menschliches Paar dargestellt, manchmal in zärtlicher, manchmal in intimer Um­armung. In diesen Fällen spricht man auch von wagōjinwagōjin 和合神 wtl. „Götter der Harmonie“; paarweise repräsentierte, oft sexuell konnotierte Gottheiten , Göttern der (ehelichen) Harmonie. Ursprung und Geschichte dieser Wege­götter liegen weitgehend im Dunklen, es scheint sie aber bereits sehr lange zu geben. Rezente Beispiele stammen zumeist aus der Edo-Zeit. Viele Autoren vermuten den Ur­sprung der Wege­götter in einem ur­sprüng­lichen Phallus­kult, angesichts der Vielzahl der dar­ge­stell­ten Motive, zu denen auch bud­dhis­tische Gott­heiten zählen, erscheint mir diese Annahme jedoch fraglich. Zweifel­los gibt es aber eine große Gruppe von Wege­göttern mit offenen oder angedeuteten sexuellen Konnotationen.

dosojin dosojin

Weggötter aus dem Raum Miyazaki, Kyūshū.
Der umgebende Stein ist hier deutlich in phallischer Form gehalten.
Bildquelle: Photo Miyazaki, Morimori [2010/9]

Weggötter in intimer Umarmung
Beispiel aus der Präfektur Gifu, Kurabuchi-mura.
Bildquelle: Kurabuchi no dōsojin [2010/9]

dosojin dosojin

Weggötter mit Sakeschalen,
ein Symbol ehelicher Verbundenheit
Präfektur Gifu, Shimosuwa Jinja, Datierung: 1788.
Bildquelle: Kurabuchi no dōsojin [2010/9]

Weggötter aus dem Raum Fujinomiya, Präfektur Shizuoka, unweit des Fuji-san. Datierung 1801.
Dieses Paar ist von einer charakteristischen Blüten­form umrahmt, die als Vulva gedeutet werden kann.
Bildquelle: Kaze ni fukarete [2010/9]

Tengu

Die langnasigen tengutengu 天狗 wtl. Himmelshund; vogelartiger oder geflügelter Kobold, meist in den Bergen YamabushiBishamon-tenShinto MittelalterGoetter der Erde... mehr-Dämonen stehen häufig mit Fruchtbarkeitskulten in Verbindung. Bisweilen wird ihre Nase auch explizit als Phallus gestaltet, was zu allerlei Wunschphantasien Anlass gibt.

Knabe mit tengu-Maske als Phallus.
Statue, yōkai (Bronze). 20. Jh.; Minakami-machi, Gunma-ken
Bild © Vladimir Vyskocil, flickr, 2013. (Letzter Zugriff: 2015/5/22).

Moderne Statue mit tengu-Maske in einem verschwiegenen Onsen.

Tengu mit Phallusnase.
Votivbild, yōkai (Holz); im Besitz des Shōkachi Schreins, Ihara-shi, Präfektur Okayama
Bild © 万屋満載, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Tengu mit Phallusnase. Der Schrein ist auf Frauenkrankheiten und Kinderwünsche spezialisiert. (Siehe dazu auch Phalluskulte.)

Shunga mit tengu-Maske.
Farbholzschnitt, yōkai (Papier; Farbe). Edo-Zeit
Bildquelle: Wikimedia. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Erotische Darstellung (shunga) eines lesbischen Paars. Die tengu-Maske dient als Dildo.

. 12. 13. 14 Tengu als Phallus-Attrappe

Shunga

Die besondere Fas­zi­na­tion an den menschlichen Geschlechts­organen, die in der japanischen Volks­religion kaum tabuisiert wird, findet sich auch in den Edo-zeitlichen shungashunga 春画 wtl. „Frühlingsbilder“; Gemälde und Druckwerke mit expliziten sexuellen Darstellungen Oni und Kappa („Frühlings­bilder“) wieder. Beides, Phallus­kulte und erotische Bilder, kennt man natürlich auch aus anderen vor­modernen Kulturen, es scheint jedoch in der Edo-Zeit zu einem beson­deren Boom auf beiden Gebieten gekommen zu sein, der sich auch in der Literatur dieser Zeit — unter anderem in Werken von Ihara SaikakuIhara Saikaku 井原西鶴 1642–1693; Schriftsteller der Edo-Zeit, zahlreiche erotische Romane wie Kōshoku ichidai otoko („Der größte Lieb­haber“, 1682) oder Nanshoku ōkagami („Spiegel der männ­lichen Liebe“, 1687) — erkennen lässt. Fast alle bekannten ukiyo-eukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit PilgerschaftAsakusaArhatsHorrorklassiker... mehr-Meister übten sich in der Anfer­tigung von Frühlings­bildern. Meist be­schränk­ten sie sich dabei auf die Dar­stellung ko­pu­lie­ren­der Paare, deren primäre Ge­schlechts­merk­male grotesk vergrößert sind. Manche Meister suchten aber nach etwas ausge­falleneren Motiven. Darunter befanden sich auch die „Götter der ehelichen Harmonie“, oder andere an die Wege­götter erinnernden Figuren, die von den ukiyoe-Meistern auf bizarre Genitalien reduziert wurden. Ihre Ins­pi­ra­tion holten sich diese Werke zweifellos aus der japanischen Religion. Obwohl die shunga einer gewissen Zensur un­ter­wor­fen waren, stellte die erotische Persiflage religiöser Motive offenbar kein besonderes Problem dar.

Iyadahime.
Buchillustration (Farbholzschnitt) von Katsukawa Shunshō (1726-1792); aus der Serie Hyaku bobo gatari (in etwa „Geschichten von hundert Mösen“), 1771
Bild © Hyaku bobogatari, (jp.). (Letzter Zugriff: 2011/7).

Dieses ungewöhnliche Bild stammt aus einer skurril-erotischen Anthologie, in der die bekanntesten japanischen Monster in Form von Genitalien dargestellt werden. Dieses Bild enthält eine Anspielung auf die mythologische Szene, in der [Kushi-] Inada-hime (hier Iyada-hime, „Prinzessin Rühr-mich-nicht-an“) von der achtköpfigen Schlange Yamata no Orochi (hier Yamara no Orochi, „Achtpenis Schlange“) bedroht wird.

. 15 Yamara no Orochi (Acht-Penis-Schlange)
Eine erotische Persiflage des Yamata no Orochi Mythos, von Katsukawa Shunshō.
Der hodenstraffende Brecheisen-Penis-Gott (Kanateko mara jinbari myōjin 鉄梃陰茎腎張明神).
Farbholzschnitt, shunga (Papier, Farbe) von Utagawa Toyokuni I. 1823
Bild © AK-Antiek. (Letzter Zugriff: 2016/8).
. 16 Phallusgott, Utagawa Toyokuni
Götter der Harmonie (wagōjin).
Buchillustration (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai; aus Manpuku wagōjin (Götter der Harmonie des mannigfachen Glücks), 1821
Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2015/7).

Coverillustration einer Sammlung erotischer Bilder (shunga) von Hokusai. Der Text besagt in etwa: „Harmonie erzeugt alles Glück, Berührung versöhnt Yang und Yin (Mann und Frau).“ Wagō-jin sind eigentlich chinesische Glücksgötter, die üblicherweise als männliches Zwillingspaar auftreten und für Glück und Reichtum stehen. Auch im Japan der Edo-Zeit waren sie weitläufig bekannt. Hokusai aber kombiniert die Wagō-jin mit der Ikonographie der Wegegötter (dōsojin) und münzt Reichtum in sexuelle Zufriedenheit um.

. 17 Götter der Harmonie, Hokusai
Vulva-Gottheit auf Phalli thronend.
Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Kunisada. Ca. 1840
Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2016/8).
. 18 Vaginale Berggottheit
Geschlechtsverkehr der bösen Geister (ama no jaku).
Farbholzschnitt, shunga von Utagawa Kunisada. Edo-Zeit.

Ama no jaku sind Kobolde, die böswillig allerlei Verdrehungen bewirken, also „perverse“ Geister im wörtlichen Sinne.

. 19 Verdrehte Dämonen
Phallus-Mönch (Sakuzōzu).
Buchillustration (Farbholzschnitt) von Katsukawa Shunshō (1726-1792); aus der Serie Hyaku bobo gatari (in etwa „Geschichten von hundert Mösen“), 1771
Bild © Museum of Fine Art, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Dieses ungewöhnliche Bild stammt aus einer skurril-erotischen Anthologie, in der die bekanntesten japanischen Monster in Form von Genitalien dargestellt werden.

. 20 Phallusgott

Verweise

Fußnoten

  1. Zitiert aus Astons Nihongi (Teil 1, S. 11-12), Ü: B. Scheid

Bilderläuterungen

  1. Dosojin miyagi 1893.jpg
    Dōsojin mit Phallidarstellung.
    Statue (Stein). Meiji-Zeit, 1893; Miyagi
    Bild © Michael Czaja. Gods of myth and stone: Phallicism in Japanese folk religion. New York: Weatherhill, 1974, S.113.

    Ein aus Stein gefertigter Wegegott (dōsojin) aus Nordjapan, auf dem zwei Phalli als Paar abgebildet sind.

  2. Inyoseki tagata.jpg
    Phallus-artiger Stein.
    Naturstein; Tagata Schrein, Komaki, Präfektur Aichi.
  3. Himeishi oagata.jpg
    Vagina-artiger Stein.
    Naturstein; Ōagata Schrein, Inuyama, Präfektur Aichi.
  4. Tagata banner.jpg
    Fruchtbarkeitsfest (hōnen matsuri).
    Tagata Schrein, Komaki, Präfektur Aichi.

    Festival-Banner

  5. Himenomiya.jpg
    Fruchtbarkeitsfest (himenomiya hōnen matsuri).
    Ōagata Schrein, Inuyama, Präfektur Aichi.

    Festival-Banner

  6. Oagata hanayome.jpg
    Hanayome Umzug.
    Schreinfest; Ōagata Schrein, Aichi-ken.

    Bei einem Fest des Ōagata Schreins werden junge Frauen in pächtigen Brautkleidern (hanayome) auf kleinen Lastwägen in einer Prozession umhergeführt. Im Hintergund eine Maske der Okame, die hier zu einer Vulva verformt ist — das Markenzeichen des Ōagata Schreins.

  7. Kanamara.jpg
    Kanamara Phallus Fest.
    Schreinfest, matsuri; Kanamara Schrein, Kawasaki, Kanagawa-ken
    Bild © Damon Coulter, 2012. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Der rosa Phallus hat sich zu einer Hauptattraktion des Kanamari Matsuri entwickelt. Er trägt den Namen Elizabeth, weil er stets von Transvestiten eines gewissen Elizabeth Club umhergetragen wird. Zahlreiche Blogs, unter anderem ein sehr empfehlenswerter Photo-Essay von Damon Coulter, schildern die Einzelheiten dieser neuartigen Mischung aus Schreinfest und Love-Parade.

  8. Inyoseki1.jpg
    Yin Yang Stein (inyō-seki).
    Felsformation, torii; Miyazaki, Kyūshū
    Bild © Photo Miyazaki, Morimori. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Man beachte, dass das Objekt der Anbetung durch torii und shimenawa als sakraler Gegenstand gekennzeichnet ist.

  9. Inyouseki2.jpg
    Yin Yang Stein (inyō-seki).
    Miyazaki, Kyūshū
    Bild © Photo Miyazaki, Morimori. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Es bedarf tatsächlich nicht allzu großer Phantasie, um hier ein männliches und ein weibliches Geschlechtsorgan im Felsen zu erkennen.

  10. Konseisama.jpg
    Hauptheiligtum des Konsei-Schreins.
    Yamasaki, Tōno-shi, Präfektur Akita
    Bild © Okada Kenji, 2008. (Letzter Zugriff: 2016/8).
  11. Yamanokami.jpg
    Vernachlässigter Phallusschrein.
    Yama-no-kami Schrein, Matsue, Präfektur Shimane
    Bild © Onizuka Kentarō, 2001. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Weitere Informationen: Inyōseki Kenkyūkai (2011/7)

  12. Tengu boy.jpg
    Knabe mit tengu-Maske als Phallus.
    Statue, yōkai (Bronze). 20. Jh.; Minakami-machi, Gunma-ken
    Bild © Vladimir Vyskocil, flickr, 2013. (Letzter Zugriff: 2015/5/22).

    Moderne Statue mit tengu-Maske in einem verschwiegenen Onsen.

  13. Tengu phallus.jpg
    Tengu mit Phallusnase.
    Votivbild, yōkai (Holz); im Besitz des Shōkachi Schreins, Ihara-shi, Präfektur Okayama
    Bild © 万屋満載, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Tengu mit Phallusnase. Der Schrein ist auf Frauenkrankheiten und Kinderwünsche spezialisiert. (Siehe dazu auch Phalluskulte.)

  14. Tengu shunga.jpg
    Shunga mit tengu-Maske.
    Farbholzschnitt, yōkai (Papier; Farbe). Edo-Zeit
    Bildquelle: Wikimedia. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Erotische Darstellung (shunga) eines lesbischen Paars. Die tengu-Maske dient als Dildo.

  15. Iyadahime.jpg
    Iyadahime.
    Buchillustration (Farbholzschnitt) von Katsukawa Shunshō (1726-1792); aus der Serie Hyaku bobo gatari (in etwa „Geschichten von hundert Mösen“), 1771
    Bild © Hyaku bobogatari, (jp.). (Letzter Zugriff: 2011/7).

    Dieses ungewöhnliche Bild stammt aus einer skurril-erotischen Anthologie, in der die bekanntesten japanischen Monster in Form von Genitalien dargestellt werden. Dieses Bild enthält eine Anspielung auf die mythologische Szene, in der [Kushi-] Inada-hime (hier Iyada-hime, „Prinzessin Rühr-mich-nicht-an“) von der achtköpfigen Schlange Yamata no Orochi (hier Yamara no Orochi, „Achtpenis Schlange“) bedroht wird.

  16. Shunga toyokuni.jpg
    Der hodenstraffende Brecheisen-Penis-Gott (Kanateko mara jinbari myōjin 鉄梃陰茎腎張明神).
    Farbholzschnitt, shunga (Papier, Farbe) von Utagawa Toyokuni I. 1823
    Bild © AK-Antiek. (Letzter Zugriff: 2016/8).
  17. Wagojin hokusai.jpg
    Götter der Harmonie (wagōjin).
    Buchillustration (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai; aus Manpuku wagōjin (Götter der Harmonie des mannigfachen Glücks), 1821
    Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2015/7).

    Coverillustration einer Sammlung erotischer Bilder (shunga) von Hokusai. Der Text besagt in etwa: „Harmonie erzeugt alles Glück, Berührung versöhnt Yang und Yin (Mann und Frau).“ Wagō-jin sind eigentlich chinesische Glücksgötter, die üblicherweise als männliches Zwillingspaar auftreten und für Glück und Reichtum stehen. Auch im Japan der Edo-Zeit waren sie weitläufig bekannt. Hokusai aber kombiniert die Wagō-jin mit der Ikonographie der Wegegötter (dōsojin) und münzt Reichtum in sexuelle Zufriedenheit um.

  18. Shunga kunisada.jpg
    Vulva-Gottheit auf Phalli thronend.
    Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Kunisada. Ca. 1840
    Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2016/8).
  19. Amanojaku.jpg
    Geschlechtsverkehr der bösen Geister (ama no jaku).
    Farbholzschnitt, shunga von Utagawa Kunisada. Edo-Zeit.

    Ama no jaku sind Kobolde, die böswillig allerlei Verdrehungen bewirken, also „perverse“ Geister im wörtlichen Sinne.

  20. Phallusgott.jpg
    Phallus-Mönch (Sakuzōzu).
    Buchillustration (Farbholzschnitt) von Katsukawa Shunshō (1726-1792); aus der Serie Hyaku bobo gatari (in etwa „Geschichten von hundert Mösen“), 1771
    Bild © Museum of Fine Art, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Dieses ungewöhnliche Bild stammt aus einer skurril-erotischen Anthologie, in der die bekanntesten japanischen Monster in Form von Genitalien dargestellt werden.

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Ikonographie 
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„Phallus-Kulte in Fruchtbarkeitsriten, Volksbräuchen und shunga.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 28.8.2018). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Matsuri/Phalluskulte?oldid=70717