Hundert Geschichten: Horrorklassiker aus der Edo-Zeit

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Hundert Geschichten Horrorklassiker aus der Edo-Zeit

In der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);; -Zeit gab es ein Gesellschaftsspiel namens „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatariHyaku monogatari 百物語 „Hundert Geschichten“; Edo-zeitliches Gesellschaftsspiel bei dem man sich 100 Gruselgeschichten erzählte; ),1 bei dem man sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählte. Gruselgeschichten (kaidankaidan 怪談 Gespenstergeschichte; ) dienten nach japanischer Auffassung vor allem in heißen Sommernächten der „Abkühlung“, weil sie den Zuhörern wohlige Schauer über den Rücken jagten. Der Gruseleffekt bei den Hundert Geschichten wurde dadurch gesteigert, dass nach jeder Geschichte eine Lampe gelöscht wurde, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln saß. Man munkelte, dass dann tatsächlich ein Geist erscheinen würde.

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Kawanabe Kyōsai, Beginn einer Runde Geistergeschichten — © Metropolitan Museum of Art, New York. Eine bürgerliche Familie lauscht wohlig schaudernd einer Erzählung von „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatari).
1 Beginn einer Runde Geistergeschichten (hyaku monogatari)

„Hundert Geschichten“ ist auch der Titel einer Serie von „Gespensterportaits“, in denen der berühmte ukiyo-e-Künstler Katsushika HokusaiKatsushika Hokusai 葛飾北斎 1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts; (1760–1849) die bekanntesten Gruselmotive seiner Zeit festhielt. Da die Serie nur aus fünf Bildern besteht, ist der Titel wohl eine Anspielung auf das gleichnamige Gesellschaftsspiel und diente ebenfalls zur Erzeugung von Gänsehaut in heißen Sommernächten. Wie der Vergleich mit anderen „Bildern der fließenden Welt“ (ukiyo-eukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit; ) zeigt, waren die dargestellten Geister zur damaligen Zeit weithin bekannt, sodass Hokusai eine Andeutung genügte, um dem Betrachter ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen.

Diese Geschichten wiederum stammen zumeist aus dem KabukiKabuki 歌舞伎 „Gesang- und Tanzkunst“; Anfang des 17. Jh. aus Musik, Schauspiel und Tanz entwickeltes Theater-Genre; -Theater. Fast immer geht es dabei um Liebe, Eifersucht und Mord, die letztlich dazu führen, dass eine Person nach dem Tod nicht zur Ruhe kommt und sich in einen Rachegeist (onryōonryō 怨霊 Rachegeist; ) verwandelt. Insoferne werden in den Geschichten und Bildern auch religiöse Vorstellungen transportiert, auf die im folgenden näher eingegangen werden soll.

Okiku, das Tellergespenst

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Katsushika Hokusai, Okiku, das Tellergespenst — Bildquelle: Museum of fine Art Boston. Der Geist der Okiku entsteigt jede Nacht einem Brunnen, in dem sie ertränkt wurde, nachdem sie ihrem Herrn die Liebe verweigerte. Auch als Geist ist Okiku beständig auf der Suche nach dem zehnten Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Der Rauch, der ihrem Mund auf diesem Bild entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren.
2 Tellergespenst Okiku
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Utagawa Hiroshige, Tellergespenst Okiku — Bildquelle: Questo piccolo grande BANZAI. In dieser karikaturartigen Darstellung beschwert sich das Tellergespenst Okiku bei einem Geschirrhändler, dass ihr Teller zerbrochen ist.  
3 Okiku von Hiroshige

Das erste Bild aus Hokusais Serie zeigt ein blasses Gesicht mit langen gelösten Haaren, dessen langer Hals bei genauerem Hinsehen aus Tellern besteht. Es handelt sich um OkikuOkiku お菊 weiblicher Totengeist aus der Edo-Zeit; „Tellergespenst“; , einen der bekanntesten Totengeister (yūreiyūrei 幽霊 Totengeist; ) der Edo-Zeit.

Okiku ist eine Magd, die ihrem Herrn die Liebe verweigert und daraufhin von ihm in einen Brunnen gestürzt wird. Der Vorwand für seine Tat: Sie habe einen Teller entwendet, den er in Wirklichkeit selbst versteckte. Daher ihre Erscheinung als Teller zählendes bzw. tellerförmiges Gespenst. Sie zählt dabei immer nur bis neun und bricht dann ab, um neuerlich bei eins zu beginnen. Dem Spuk wird durch einen Exorzisten ein Ende bereitet, der im richtigen Moment „zehn“ ruft.

Die tragische Geschichte der Okiku existierte wahrscheinlich schon vor Beginn der Edo-Zeit. 1741 wurde sie unter dem Titel Banchō sarayashiki (Das Tellerhaus in Banchō) für die Bühne adaptiert. Zahlreiche Varianten verlegten die Geschichte u.a. in die Burg Himeji und interpretierten das Liebesverhältnis zwischen Magd und Herren auf unterschiedliche Weise. Immer blieben jedoch der Brunnen und die Teller zentrale Bestandteile der Geschichte. In scherzhafter Weise wird das Motiv auch auf einem Bild von Utagawa HiroshigeUtagawa Hiroshige 歌川広重 1797–1858; einer der stilbildenden Meister des japanischen ukiyo-e-Farbholzschnitts Ende der Edo-Zeit; dargestellt (Abb. re.).

Oiwa, der Lampiongeist

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Katsushika Hokusai, Lampiongespenst Oiwa — © Arts Institute Chicago, Amsterdam (AK-MAK-930). Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist (yūrei) der ruchlos ermordeten Oiwa.
4 Lampiongeist Oiwa
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Utagawa Kuniyoshi, Lampiongespenst Oiwa — Bildquelle: Lyon Collection. Der Totengeist der Oiwa ist eben aus dem Lampion getreten und trägt ihr ungeborenes Kind mit sich, das hier die Züge des Jizō Bosatsu angenommen hat. Utagawa Kuniyoshi betont in dieser Version ganz besonders Oiwas durch Gift entstelltes Gesicht mit dem einen hervorquellenden Auge. Das Bild entstand anlässlich einer Kabuki-Aufführung 1836 mit Onoe Kikugorō III in der Rolle der Oiwa.
5 Oiwa von Kuniyoshi

In einem zerschlissenen Papierlampion wird unvermittelt ein Gesicht erkennbar, ein Loch im Lampion wird zu einem aufgerissenen Mund, der einen stummen Schrei auszustoßen scheint. Es handelt sich um OiwaOiwa お岩 weiblicher Totengeist der Edo-Zeit; „Lampiongespenst“; , einen weiteren allseits bekannten weiblichen Geist der Edo-Zeit.

Oiwa wird von Iemon, ihrem grausamen Ehemann, betrogen und vergiftet, sodass sie eines qualvollen Todes stirbt. Sie erscheint jedoch als Geist wieder und zwar mit ihrem durch Gift entstellten Gesicht. Dieses zeigt sich dem Iemon nicht nur in einem zerschlissenen Friedhofslampion, wie bei Hokusai, sondern auch anstelle seiner neuen Ehefrau. Als Iemon den Geist vernichten will, tötet er stattdessen seine frischvermählte Braut, um derentwillen er den Mord an Oiwa vollführt hat.

Auch Utagawa KuniyoshiUtagawa Kuniyoshi 歌川国芳 1798–1861; Maler und Zeichner. Bekannter Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts; bringt in seiner Darstellung der Oiwa (Abb. re.) den Lampion ins Spiel. An Stelle von Hokusais subtilem Spiel von Einbildung (Gesicht) und Realität (zerschlissener Lampion) geht es Kuniyoshi mehr um die schaurigen Gruseleffekte der Erzählung. Insbesondere betont er das vom Gift entstellte Gesicht der Oiwa.

Oiwa ist heute einer der bekanntesten Rachegeister des Kabuki-Theaters. Die Geschichte wurde erstmals 1825 in einem Stück namens Yotsuya kaidan auf die Bühne gebracht und ist seither in immer neuen Versionen dramatisiert und sogar für das Kino adaptiert worden.

Kohada Koheiji, der nächtliche Rächer

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Katsushika Hokusai, Totengeist des Kohada Koheiji — Bildquelle: Museum of Fine Art, Boston. Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzes.
6 Totengeist des Kohada Koheiji
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Utagawa Kunitoshi, Kohada Koheiji — Bildquelle: Pink Tentacle. Der Totengeist (yūrei) des Koheiji lugt über das Moskitonetz, um seine Frau und seinen Nebenbuhler beim Liebesakt zu stören.
7 Koheiji von Kunitoshi
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Utagawa Toyokuni I, Totengeist des Kohada Koheiji — The British Museum. Das Bild entstand im Zusammenhang mit der Uraufführung des Kabukistückes Iroiri otogi zōshi, 1808, in dem es um die Ermordung des Kohada Koheiji durch seine seine Frau und deren Liebhaber geht. Das Bild zeigt den Moment der Rache, als der Geist des Koheiji den Kopf seiner Frau in seinen Zähnen hält. Beide Gesichter tragen im übrigen die Züge des Kabuki Schauspielers Onoe Matsusuke I (1744–1815), der offenbar eine Doppelrolle spielte, wie in der Bildinschrift vermerkt ist. In viel düsterer Form taucht das Motiv auch sechzig Jahre später bei Kawanabe Kyosai auf.
8 Koheiji von Toyokuni

Schwache Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung nur wehren können, indem sie sich nach ihrem Tod in Rachegeister verwandeln, stehen eindeutig im Zentrum japanischer Gespenstergeschichten. Es gibt jedoch auch ein paar männliche Vertreter dieses Typs. Einer davon ist Kohada KoheijiKohada Koheiji 小幡小平次 Figur des Kabuki-Theaters; Totengeist eines betrogenen Ehemannes; , der als tragischer Held in einer Geschichte des Autors und Malers Santō KyōdenSantō Kyōden 山東京伝 1761–1816; Edo-zeitlicher Schriftsteller und Maler; erstmals im Jahr 1803 auftauchte und bald auch auf der Kabuki Bühne zu sehen war: Koheiji wird von seiner Frau und seinem Nebenbuhler ermordet, rückt ihnen aber des Nachts als Rachegeist zu Leibe und treibt sie in den Wahnsinn. Auf Hokusais Bild grinst er gerade über den Rand des Moskitonetzes.

Asakura Tōgo

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Utagawa Kuniyoshi, Der Totengeist des Asakura Tōgo (Asakura Tōgo no bōrei) — Bildquelle: MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. Das Bild zeigt den Kabuki-Schauspieler Ichikawa Kodanji IV in der Rolle des Totengeist (yūrei) Asakura Tōgo, im Stück Higashiyama sakura zoshi. In dieser Darstellung ist die, für japanische Gespenster typische, schlaffe Handhaltung ganz besonders gut zu erkennen.
9 Asakura Tōgo

Der von Kuniyoshi portraitierte Totengeist des Asakura Tōgo ist ein weiteres Beispiel eines bekannten männlichen Rachegeists.

Tōgo war einst ein Dorfvorsteher, der sich der ausbeuterischen Besteuerung seines Landesherren widersetzte, dafür brutal hingerichtet wurde, in der Folge aber als Rachegeist wiederkehrte und den Landesherren mit seiner Familie in Wahnsinn und Tod trieb. Die Geschichte beruht auf einer historischen Begebenheit, wobei der Dorfvorsteher in Wirklichkeit Sakura Sōgorō hieß und 1653 hingerichtet worden sein soll. Die verschiedenen Namen der Figur waren wohl ein Mittel, der Zensur zu entgehen, da der Fall ein hohes aufrührerisches Potential besaß. Das Bild selbst trägt einen Zensurstempel mit der Aufschrift shita-uri („Verkauf unten“), d.h. das Bild durfte nicht offen aufgelegt oder aufgehängt werden und musste unter dem Ladentisch verkauft werden.2

Hannya, die lachende Menschenfresserin

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Katsushika Hokusai, Lachende Hannya (Warai hannya) — © Arts Institute Chicago. Portrait einer menschenfressenden Dämonin (hannya), die eben einen Säugling verspeist.
10 Lachende hannya
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Gehörnte Hannya — © The British Museum. Standard-Maske im für „wahnsinnige Frauen“ (hannya).
11 Hannya Maske

Ein lachendes Gesicht mit Hörnern wird richtig unheimlich, sobald man realisiert, dass der Grund der dargestellten Heiterkeit im abgetrennten, blutenden Kinderkopf liegt, den das dämonische Wesen namens Hannya umklammert.

Hannyahannya 般若 „Weisheit“, abgeleitet von skt. prajna; auch: Hannya-Maske (Dämonin); sind gehörnte Dämoninnen, die eine wichtige Rolle in den Gespensterstücken des Nō-Theaters spielen. Der Name Hannya soll auf den Schöpfer der entsprechenden Maske im Nō zurückgehen. Ironischerweise entlieh dieser Meister seinen Namen einem durchaus positiven Begriff: hannya leitet sich von Sanskrit prajna her und bedeutet soviel wie „Weisheit“.3

Hokusais Motiv der lachenden Hannya, die drauf und dran ist, einen Säugling zu verspeisen, soll sich von einer Legende aus Nagasaki herleiten. Der Verzehr von Menschen ist jedoch ganz allgemein eine Vorliebe der japanischen onioni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister; (Dämonen), zu denen auch die Hannya-Figuren zu rechnen sind.

Die Dämonin des Rajō-mon

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Utagawa Kuniyoshi, Hannya-Dämonin — © Freer / Sackler, The Smithonian Museums of Asian Art. Der wackere Watanabe Tsuna wird heimtückisch von hinten attackiert, kann der Dämonin (hannya) aber mit dem Schwert einen Arm abtrennen.
12 Hannya von Kuniyoshi

Am häufigsten findet man die Hannya-Figur in den Illustrationen eines klassischen Gespenstes aus der HeianHeian 平安 auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit); -Zeit: der Dämonin Ibaraki aus dem Rajō-mon. Das Rajō-monRajō-mon 羅城門 südl. Haupttor einer klassischen Stadtanlage; insbes. Haupttor von Heian-kyō (heute Kyōto), 980 zerstört; (auch Rashō-mon) war eines der Stadttore Kyōtos. Die Dämonin fand ausgerechnet in den geräumigen Obergeschoßen dieses Gebäudes ihren Unterschlupf und machte von hier aus die Stadt unsicher. Der un­er­schrock­ene Krieger Watanabe no TsunaWatanabe no Tsuna 渡邊綱 953–1025; Krieger der Heian-Zeit; Vasall des Minamoto no Yorimitsu; Held zahlreicher Sagen und Legenden; stellt sich ihr im Kampf, doch es gelingt ihm lediglich, ihr mit dem Schwert einen Arm abzuhacken (den sie schlussendlich wieder in ihren Besitz bringt). Die Attacke der Dämonin und Tsunas geistesgegenwärtiger Schwerthieb sind ein beliebtes ukiyo-e-Motiv. Meist verlieh man dabei der Dämonin das Gesicht einer Hannya-Maske (s. Kuniyoshis Abb. re.).

Die Schlange, Sinnbild obsessiver Liebe

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Katsushika Hokusai, Obsession (shūnen) — © Museum of Fine Arts, Boston. Eine Schlange (hebi) windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
13 „Obsession“ (shūnen)
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Toriyama Sekien, Schlangen-Gürtel (jatai) — Internet Archive. Illustration der Redensart: "Wer mit obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen."
14 Schlangen-Gürtel

Das letzte Bild in Hokusais Serie wirkt auf den ersten Blick friedlich, ist aber voller unheimlicher Anspielungen. Zunächst illustriert das Bild eine offenbar gängige Redewendung, nämlich „Wer mit Gürtel (obiobi Gürtel, der zum Kimono oder zur Kampfsportbekleidung getragen wird; ) schläft, träumt von Schlangen“. Frauen werden also mit Schlangenträumen bestraft, wenn sie in festlicher Kleidung zu Bett gehen. Diese Redensart wird auch auf der nebenstehenden Illustration des Gespensterforschers Toriyama SekienToriyama Sekien 鳥山石燕 1712–1788; Künstler und Gelehrter; vor allem bekannt für seine illustrierten Gespenster-Enzyklopädien; illustriert, die Hokusai möglicherweise als Vorbild diente.

Hokusais Bild trägt jedoch den Titel „Obsession“ (shūnenshūnen 執念 Rachsucht, Groll, Obsession; ). Dies scheint auf eine weit verbreitete Vorstellung anzuspielen, wonach Schlangen als Sinnbild der Eifersucht oder der obsessiven Umkehr von Liebe in Hass gelten, insbesondere wenn es sich um weibliche Eifersucht handelt. Auf Hokusais Bild ist zwar kein Mann zu sehen, wohl aber das Totentäfelchen (ihaiihai 位牌 Ahnentäfelchen; ) eines Mannes. Auch die Schale mit Duftwasser und buddhistischem svastikasvastika (skt.) स्वस्तिक „Swastika“ (jap. man-ji 卍), indisches Glückssymbol; in Japan buddhistisches Symbol, meist linksgewinkelt (im Gegensatz zum „Hakenkreuz“); gehört zu den Totenriten am buddhistischen Hausaltar (butsudanbutsudan 仏壇 buddh. Hausaltar; ).4

Es ist also ein Mann gestorben und die Schlange scheint sich seines Todes zu vergewissern. Sie kriecht dabei durch Kleiderstoffe und das Muster der Schlangenhaut scheint mit den Kleidermustern zu verschmelzen. Vergleicht man diese Motivik mit den Darstellungen der in der Edo-Zeit allseits bekannten Kiyohime (s.u.), so lässt sich die Schlange als eifersüchtiger Rachegeist einer an gebrochenem Herzen verstorbenen Ehefrau interpretieren, die ihren untreuen Mann nun ihrerseits erfolgreich in den Tod getrieben hat.

Kiyohime

Die Legende der KiyohimeKiyohime 清姫 Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht; , die u.a. auch von Kuniyoshi illustriert wurde, repräsentiert den alten Glauben, dass Frauen, die in Eifersucht aus dem Leben scheiden, als Schlangen wiedergeboren werden. Sie handelt von einer Frau, die einen jungen Pilgermönch verführt und mit ihm zusammenleben will. Als er sich aber seiner religiösen Gelübde besinnt und sie verlässt, verfolgt sie ihn und verwandelt sich dabei, getrieben von ihrer Eifersucht, in eine Schlange. Schlussendlich flieht der Mönch in den Tempel Dōjō-jiDōjō-ji 道成寺 Tendai-Tempel in der Präfektur Wakayama, südl. von Nara, der seine Gründung bis ins Jahr 701 zurückführt; neben zahlreichen Kunstschätzen berühmt für die Legende der Kiyohime, die sich hier ereignet haben soll.; und versteckt sich mit Hilfe der dortigen Mönche unter einer schweren Tempelglocke, doch die Schlange windet sich um die Glocke und entwickelt eine derartige Hitze, dass der Mönch darin zu Tode kommt.

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Tosa Mitsushige, Dōjō-ji engi emakiBildquelle: Wakayama Prefectural Museum. Die in eine Schlange verwandelte Kiyohime bringt die Glocke, unter der sich ihr Liebhaber versteckt, zum Glühen.
Es handelt sich um eine illustrierte Chronik des Tempels Dōjō-ji, wo sich die Geschichte im Jahr 928 abgespielt haben soll.
15 Kiyohime (um 1400)
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Utagawa Kuniyoshi, Die Schlangenfrau Kiyo-hime — © The Kuniyoshi Project. Kiyohime, die sich zur Hälfte in eine Schlange verwandelt hat, windet sich um eine Tempelglocke, unter der ihr ehemaliger Geliebter Zuflucht vor ihrer Rache gesucht hat.
16 Kiyohime von Kuniyoshi (1845)

Die Legende stammt aus dem japanischen Altertum und findet sich unter anderem in den „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (Konjaku monogatariKonjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext; ), wurde aber auch im Nō und im Kabuki-Theater aufgegriffen.

Meiji-Epigonen

Tsukioka Yoshitoshi

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Tsukioka Yoshitoshi, Okiku — © National Diet Library, Tokyo. Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.
17 Okiku
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Tsukioka Yoshitoshi, Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō) — © National Diet Library, Tōkyō. In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist (yūrei) ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln. Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.
18 Pfingstrosen-Laterne

Tsukioka YoshitoshiTsukioka Yoshitoshi 月岡芳年 1839–1892; Maler; ukiyo-e-Küstler; (1839–1892) wird oft als der letzte ukiyo-e-Meister apostrophiert. Gegen Ende seines Lebens schuf er eine Serie von Geisterbildern, die heute zu seinen bekanntesten Werken zählen. Während sich viele ukiyo-e Yoshitoshis durch besonders drastisch zur Schau gestellte „sex-and-crime“ Szenen auszeichnen, rückt er in dieser Serie Figuren in dem Mittelpunkt, die ruhig und gefasst wirken und meist gar nicht unmittelbar als Geister zu erkennen sind. Kennt man aber den Hintergrund ihrer Geschichten, prägen sich Yoshitoshis Geister um so nachhaltiger ein.

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Tsukioka Yoshitoshi, Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu — Bildquelle: Antique Art Morimiya. Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Ōtani Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist (yūrei) jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.
19 Totengeist
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Tsukioka Yoshitoshi, Die Dämonin des Rashō-mon — Bildquelle: Rijksmuseum, Amsterdam (RP-P-1983-393). Die Dämonin (hannya) ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arm wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyōto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.
20 Hannya
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Tsukioka Yoshitoshi, Kiyo-hime entsteigt dem Fluss — © LACMA, Los Angeles. Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa. Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889–92), ebenfalls von Tsukioka Yoshitoshi, aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt. Diese Haarsträhne findet man auch auf einem Holzschnitt von Kuniyoshi zu diesem Motiv.
21 Kiyo-hime

Auch Yoshitoshi illustriert Motive, die schon bei Hokusai und seinen Zeitgenossen zu finden sind. Alle vordergründig-gespenstischen Elemente fehlen hier allerdings: Okiku, das Tellergespenst (Abb. 17), steigt ohne Teller aus ihrem Brunnen und erregt Mitleid, nicht Furcht. Die Frau mit der Päonienlaterne (18) wird mit den Augen ihres Liebhabers betrachtet, der nicht erkennt, dass sie ein Geist ist. Die Verwandlung der Schlangenfrau Kiyo-hime (21) deutet sich lediglich durch die merkwürdige Silhouette der Figur und durch das Muster des Kimonos an. Das Verhältnis zwischen Totengeist und Krieger (19) scheint auf einer lang erprobten Routine zu beruhen. Einzig die Dämonin des Rashō-mon (20) bringt Bewegung in Spiel. Sie hat eben ihren abgehackten Arm wieder erbeutet. Aber auch in ihrem Gesicht deuten sich die Züge der Hannya-Maske nur schwach an.

In diesem neuen Realismus, der eine gewisse Romantisierung der weiblichen Rachegeister ermöglicht, nimmt Yoshitoshi Entwicklungen des „Neuen Kabuki-Theaters“ der Meiji-Zeit vorweg. Unter dem Einfluss westlicher Theaterstoffe versuchte man auch hier, die alten Geschichten psychologisch einfühlsam und mit einer romantischen Note versehen neu zu erzählen.

Kawanabe Kyōsai

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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūreizu) — Bildquelle: Muian. Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.
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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) — Bildquelle: Muian. Das Motiv des Rachegeists (onryō), der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist (yūrei) allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.
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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) — © The British Museum. In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur (yūrei) selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.
Kyōsais rächende Totengeister

Kawanabe KyōsaiKawanabe Kyōsai 河鍋暁斎 1831–1889; Künstler und Karikaturist Ende Edo-, Anfang Meiji-Zeit; (1831–1889), von dem auch das Bild am Seitenanfang stammt, fertigte mehrere Portraits von unheimlichen Totengeistern (yūreiyūrei 幽霊 Totengeist; ) an, ohne konkret anzugeben, auf welche Geschichten sich seine Darstellungen bezogen. Die Motive lassen sich zwar auf Vorlagen aus der Edo-Zeit zurück führen, doch scheint es Kyosai nicht um die Geschichten zu gehen, aus denen sie entstammen. In beinahe psychoanalytischer Weise betont er stattdessen die obsessiven psychischen Kräfte, die sich in den Totengeistern verkörpern.

Von Kaidan zu J-Horror

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Shindō Kaneto, Onibaba© Cinema Strikes Back. Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.
25 Onibaba

Die Edo-Zeit gilt allgemein als eine Blütezeit des Horrorgenres, sowohl auf literarischem als auch auf bildnerischem Gebiet. Besonders im neunzehnten Jahrhundert scheint die Begeisterung für das Übersinnliche einen Höhepunkt erfahren zu haben. Wie die Abbildungen in diesem Abschnitt zeigen, haben viele der heute noch bekannten Gespenstergeschichten (kaidankaidan 怪談 Gespenstergeschichte; ) ihre Wurzeln in dieser Zeit.

Geistergeschichten und -darstellungen erfreuten sich in der ausgehenden Edo-Zeit unter anderem deshalb großer Beliebtheit, weil eine zunehmend strengere Zensur fast alle anderen gegenwartsbezogenen Themen untersagte. Allein die Welt des Übersinnlichen — ob sie nun für real gehalten wurde oder nicht — galt als politisch unverdächtig und wurde daher zunehmend als Projektionsfläche für die Darstellung aller möglichen gesellschaftlichen Missstände herangezogen. In der MeijiMeiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt; -Zeit verlor die Welt der Geister und Fabelwesen ihre politische Brisanz und erhielt stattdessen einen nostalgischen Touch. Kawanabe Kyōsai oder Tsukioka Yoshitoshi griffen u.a. auch das Horror-Genre der Edo-Zeit auf und adaptierten es für die neue Zeit. Zugleich führten sie zu einer letzten Blüte.

Obwohl die ukiyo-e nicht mehr ihr bevorzugtes visuelles Medium sind, leben die Motive, die wir ausgehend von Hokusais fünf Gespensterportraits auf dieser Seite untersucht haben, nach wie vor im kollektiven Gedächtnis Japans weiter. Heute werden sie vor allem in japanischen Horrorfilmen und Mangas visualisiert. Besonders in den Figuren der rachsüchtigen Frauengeister lassen sich die Spuren der Edo-Zeit noch heute erkennen.5

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Nakata Hideo, Kaidan . Filmplakat des Films „Kaidan“
26 Kaidan
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Geist der Samara (Sadako) . Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.
27 Ring
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Hashiguchi Takaaki, Kuchisake . Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.
28 Kuchisake
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Shimizu Takashi, Geist der Kayako — © Ju-on-the-grudge-Wikia, Wiki. Totengeist (yūrei) der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.
29 Juon
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Religion in JapanInhaltsübersicht

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„Hundert Geschichten: Horrorklassiker aus der Edo-Zeit.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001

Verweise

Fußnoten

  1. Auch hyaku monogatari kaidankai 百物語怪談会, „Hundert Geschichten Gruseltreffen“, möglicherweise zurückzuführen auf hyakuza hōdan 百座法談, hunderttägige buddhistische Predigtrituale, die Wunder durch Erzählungen von Wundern hervorrufen sollten (Reider 2001, S. 85).
  2. Mehr dazu: MAK, Wien. Abgesehen von der Darstellung als Rachegeist, erfreut sich auch eine zu Herzen gehende Szene, in der Tōgo/Sōgorō Abschied von seiner Familie nimmt, um in den sicheren Tod zu ziehen, großer Beliebtheit im ukiyo-e-Genre.
  3. Vgl. Hannya shingyō, das Herz Sutra.
  4. Auch das Blatt in der Duftwasserschale ist Teil der rituellen Opfergabe. Es handelt sich um ein Blatt des japanischen Sternanis (shikimi), einer giftigen Pflanze, die allerdings schon seit Kūkai als Opfergabe für Verstorbene dient.
  5. Den Hinweis auf die vielen Übereinstimmungen zwischen Edo-zeitlichen Gruselgeschichten und dem modernen J-Horror verdanke ich einer Seminararbeit von Sarah-Allegra Schönberger, Studentin der Japanologie an der Universität Wien (Sommersemester 2009). Die Literaturangaben dieser Seite entstammen ebenfalls ihrer Arbeit.

Internetquellen

  • Muian (via Internet Archive). Dieser leider bereits aufgelassenen Website zu diversen japanischen Künstlern entstammen viele Bildbeispiele auf Religion-in-Japan.
  • Shinkei sanjūrokkaisen (Wikipedia, ja.). Sämtliche Exemplare aus Yoshitoshis Serie „36 Geister“.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Colette Balmain 2008
Introduction to Japanese Horror Film. Edinburgh: Edinburgh University Press 2008.
Noriko Reider 2000
The Appeal of Kaidan Tales of the Strange.“ Asian Folklore Studies 59 (2000), S. 265–283.
Noriko Reider 2001
The Emergence of Kaidan-shū: The Collection of Tales of the Strange and Mysterious in the Edo Period.“ Asian Folklore Studies 60 (2001), S. 79–99.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Kyosai hyakki gadan.jpg
    Kawanabe Kyōsai, Beginn einer Runde Geistergeschichten — © Metropolitan Museum of Art, New York. Eine bürgerliche Familie lauscht wohlig schaudernd einer Erzählung von „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatari).
  2. ^ 
    Hokusai okiku.jpg
    Katsushika Hokusai, Okiku, das Tellergespenst — Bildquelle: Museum of fine Art Boston. Der Geist der Okiku entsteigt jede Nacht einem Brunnen, in dem sie ertränkt wurde, nachdem sie ihrem Herrn die Liebe verweigerte. Auch als Geist ist Okiku beständig auf der Suche nach dem zehnten Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Der Rauch, der ihrem Mund auf diesem Bild entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren.
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    Utagawa Hiroshige, Tellergespenst Okiku — Bildquelle: Questo piccolo grande BANZAI. In dieser karikaturartigen Darstellung beschwert sich das Tellergespenst Okiku bei einem Geschirrhändler, dass ihr Teller zerbrochen ist.  
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    Katsushika Hokusai, Lampiongespenst Oiwa — © Arts Institute Chicago, Amsterdam (AK-MAK-930). Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist (yūrei) der ruchlos ermordeten Oiwa.
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    Utagawa Kuniyoshi, Lampiongespenst Oiwa — Bildquelle: Lyon Collection. Der Totengeist der Oiwa ist eben aus dem Lampion getreten und trägt ihr ungeborenes Kind mit sich, das hier die Züge des Jizō Bosatsu angenommen hat. Utagawa Kuniyoshi betont in dieser Version ganz besonders Oiwas durch Gift entstelltes Gesicht mit dem einen hervorquellenden Auge. Das Bild entstand anlässlich einer Kabuki-Aufführung 1836 mit Onoe Kikugorō III in der Rolle der Oiwa.
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    Katsushika Hokusai, Totengeist des Kohada Koheiji — Bildquelle: Museum of Fine Art, Boston. Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzes.
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    Utagawa Kunitoshi, Kohada Koheiji — Bildquelle: Pink Tentacle. Der Totengeist (yūrei) des Koheiji lugt über das Moskitonetz, um seine Frau und seinen Nebenbuhler beim Liebesakt zu stören.
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    Utagawa Toyokuni I, Totengeist des Kohada Koheiji — The British Museum. Das Bild entstand im Zusammenhang mit der Uraufführung des Kabukistückes Iroiri otogi zōshi, 1808, in dem es um die Ermordung des Kohada Koheiji durch seine seine Frau und deren Liebhaber geht. Das Bild zeigt den Moment der Rache, als der Geist des Koheiji den Kopf seiner Frau in seinen Zähnen hält. Beide Gesichter tragen im übrigen die Züge des Kabuki Schauspielers Onoe Matsusuke I (1744–1815), der offenbar eine Doppelrolle spielte, wie in der Bildinschrift vermerkt ist. In viel düsterer Form taucht das Motiv auch sechzig Jahre später bei Kawanabe Kyosai auf.
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    Utagawa Kuniyoshi, Der Totengeist des Asakura Tōgo (Asakura Tōgo no bōrei) — Bildquelle: MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. Das Bild zeigt den Kabuki-Schauspieler Ichikawa Kodanji IV in der Rolle des Totengeist (yūrei) Asakura Tōgo, im Stück Higashiyama sakura zoshi. In dieser Darstellung ist die, für japanische Gespenster typische, schlaffe Handhaltung ganz besonders gut zu erkennen.
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    Katsushika Hokusai, Lachende Hannya (Warai hannya) — © Arts Institute Chicago. Portrait einer menschenfressenden Dämonin (hannya), die eben einen Säugling verspeist.
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    Gehörnte Hannya — © The British Museum. Standard-Maske im für „wahnsinnige Frauen“ (hannya).
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    Utagawa Kuniyoshi, Hannya-Dämonin — © Freer / Sackler, The Smithonian Museums of Asian Art. Der wackere Watanabe Tsuna wird heimtückisch von hinten attackiert, kann der Dämonin (hannya) aber mit dem Schwert einen Arm abtrennen.
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    Katsushika Hokusai, Obsession (shūnen) — © Museum of Fine Arts, Boston. Eine Schlange (hebi) windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
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    Toriyama Sekien, Schlangen-Gürtel (jatai) — Internet Archive. Illustration der Redensart: "Wer mit obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen."
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    Tosa Mitsushige, Dōjō-ji engi emakiBildquelle: Wakayama Prefectural Museum. Die in eine Schlange verwandelte Kiyohime bringt die Glocke, unter der sich ihr Liebhaber versteckt, zum Glühen.
    Es handelt sich um eine illustrierte Chronik des Tempels Dōjō-ji, wo sich die Geschichte im Jahr 928 abgespielt haben soll.
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    Utagawa Kuniyoshi, Die Schlangenfrau Kiyo-hime — © The Kuniyoshi Project. Kiyohime, die sich zur Hälfte in eine Schlange verwandelt hat, windet sich um eine Tempelglocke, unter der ihr ehemaliger Geliebter Zuflucht vor ihrer Rache gesucht hat.
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    Tsukioka Yoshitoshi, Okiku — © National Diet Library, Tokyo. Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.
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    Tsukioka Yoshitoshi, Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō) — © National Diet Library, Tōkyō. In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist (yūrei) ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln.

    Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.

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    Tsukioka Yoshitoshi, Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu — Bildquelle: Antique Art Morimiya. Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Ōtani Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist (yūrei) jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.
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    Tsukioka Yoshitoshi, Die Dämonin des Rashō-mon — Bildquelle: Rijksmuseum, Amsterdam (RP-P-1983-393). Die Dämonin (hannya) ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arm wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyōto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.
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    Tsukioka Yoshitoshi, Kiyo-hime entsteigt dem Fluss — © LACMA, Los Angeles. Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa.

    Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889–92), ebenfalls von Tsukioka Yoshitoshi, aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt. Diese Haarsträhne findet man auch auf einem Holzschnitt von Kuniyoshi zu diesem Motiv.

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    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūreizu) — Bildquelle: Muian. Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.
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    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) — Bildquelle: Muian. Das Motiv des Rachegeists (onryō), der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist (yūrei) allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.
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    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) — © The British Museum. In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur (yūrei) selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.
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    Shindō Kaneto, Onibaba© Cinema Strikes Back. Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.
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    Nakata Hideo, Kaidan . Filmplakat des Films „Kaidan“
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    Geist der Samara (Sadako) . Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.
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    Hashiguchi Takaaki, Kuchisake . Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.
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    Shimizu Takashi, Geist der Kayako — © Ju-on-the-grudge-Wikia, Wiki. Totengeist (yūrei) der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.

Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • butsudan 仏壇 ^
    buddh. Hausaltar
  • Dōjō-ji 道成寺 ^
    Tendai-Tempel in der Präfektur Wakayama, südl. von Nara, der seine Gründung bis ins Jahr 701 zurückführt; neben zahlreichen Kunstschätzen berühmt für die Legende der Kiyohime, die sich hier ereignet haben soll.
  • Edo 江戸 ^
    Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);
  • hannya 般若 ^
    „Weisheit“, abgeleitet von skt. prajna; auch: Hannya-Maske (Dämonin)
  • Heian 平安 ^
    auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)
  • Hyaku monogatari 百物語 ^
    „Hundert Geschichten“; Edo-zeitliches Gesellschaftsspiel bei dem man sich 100 Gruselgeschichten erzählte
  • ihai 位牌 ^
    Ahnentäfelchen
  • Kabuki 歌舞伎 ^
    „Gesang- und Tanzkunst“; Anfang des 17. Jh. aus Musik, Schauspiel und Tanz entwickeltes Theater-Genre
  • kaidan 怪談 ^
    Gespenstergeschichte
  • Katsushika Hokusai 葛飾北斎 ^
    1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts
  • Kawanabe Kyōsai 河鍋暁斎 ^
    1831–1889; Künstler und Karikaturist Ende Edo-, Anfang Meiji-Zeit
  • Kiyohime 清姫 ^
    Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht
  • Kohada Koheiji 小幡小平次 ^
    Figur des Kabuki-Theaters; Totengeist eines betrogenen Ehemannes
  • Konjaku monogatari 今昔物語 ^
    „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext
  • Meiji 明治 ^
    posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt
  • obi ^
    Gürtel, der zum Kimono oder zur Kampfsportbekleidung getragen wird
  • Oiwa お岩 ^
    weiblicher Totengeist der Edo-Zeit; „Lampiongespenst“
  • Okiku お菊 ^
    weiblicher Totengeist aus der Edo-Zeit; „Tellergespenst“
  • oni ^
    Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister
  • onryō 怨霊 ^
    Rachegeist
  • Rajō-mon 羅城門 ^
    südl. Haupttor einer klassischen Stadtanlage; insbes. Haupttor von Heian-kyō (heute Kyōto), 980 zerstört
  • Santō Kyōden 山東京伝 ^
    1761–1816; Edo-zeitlicher Schriftsteller und Maler
  • shūnen 執念 ^
    Rachsucht, Groll, Obsession
  • svastika (skt.) स्वस्तिक ^
    „Swastika“ (jap. man-ji 卍), indisches Glückssymbol; in Japan buddhistisches Symbol, meist linksgewinkelt (im Gegensatz zum „Hakenkreuz“)
  • Toriyama Sekien 鳥山石燕 ^
    1712–1788; Künstler und Gelehrter; vor allem bekannt für seine illustrierten Gespenster-Enzyklopädien
  • Tsukioka Yoshitoshi 月岡芳年 ^
    1839–1892; Maler; ukiyo-e-Küstler
  • ukiyo-e 浮世絵 ^
    „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit
  • Utagawa Hiroshige 歌川広重 ^
    1797–1858; einer der stilbildenden Meister des japanischen ukiyo-e-Farbholzschnitts Ende der Edo-Zeit
  • Utagawa Kuniyoshi 歌川国芳 ^
    1798–1861; Maler und Zeichner. Bekannter Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts
  • Watanabe no Tsuna 渡邊綱 ^
    953–1025; Krieger der Heian-Zeit; Vasall des Minamoto no Yorimitsu; Held zahlreicher Sagen und Legenden
  • yūrei 幽霊 ^
    Totengeist