Horrorklassiker aus der Edo-Zeit

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Horrorklassiker aus der Edo-Zeit

In der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);; -Zeit gab es ein Gesell­schafts­spiel namens „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatariHyaku monogatari 百物語 „Hundert Geschichten“; Edo-zeitliches Gesellschaftsspiel bei dem man sich 100 Gruselgeschichten erzählte; ),1 bei dem man sich gegen­seitig Grusel­ge­schich­ten erzählte. Grusel­geschich­ten (kaidankaidan 怪談 Gespenstergeschichte; ) dienten nach japanischer Auffassung vor allem in heißen Sommer­nächten der „Abkühlung“, weil sie den Zuhörern wohlige Schauer über den Rücken jagten. Der Grusel­effekt bei den Hundert Geschichten wurde dadurch gesteigert, dass nach jeder Geschichte eine Lampe gelöscht wurde, bis die ganze Gesell­schaft im Dunkeln saß. Man munkelte, dass dann tat­sächlich ein Geist erschei­nen würde.

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Kawanabe Kyōsai, Beginn einer Runde Geistergeschichten (Bild: Metropolitan Museum of Art, New York). Eine bürgerliche Familie lauscht wohlig schaudernd einer Erzählung von „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatari).
1 Beginn einer Runde Geistergeschichten (hyaku monogatari)

„Hundert Geschich­ten“ ist auch der Titel einer Serie von „Ge­spens­ter­portaits“, in denen der be­rühmte ukiyo-e-Künstler Katsushika HokusaiKatsushika Hokusai 葛飾北斎 1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts; (1760–1849) die be­kann­testen Grusel­motive seiner Zeit festhielt. Da die Serie nur aus fünf Bildern besteht, ist der Titel wohl eine Anspie­lung auf das gleich­namige Gesell­schafts­spiel und diente eben­falls zur Erzeu­gung von Gänse­haut in heißen Sommer­nächten. Wie der Vergleich mit anderen „Bildern der fließenden Welt“ (ukiyo-eukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit; ) zeigt, waren die dar­ge­stell­ten Geister zur da­ma­ligen Zeit weithin bekannt, sodass Hokusai eine An­deu­tung genügte, um dem Be­trach­ter ihre Ge­schichte in Erin­nerung zu rufen.

Diese Geschichten wiederum stammen zumeist aus dem KabukiKabuki 歌舞伎 „Gesang- und Tanzkunst“; Anfang des 17. Jh. aus Musik, Schauspiel und Tanz entwickeltes Theater-Genre; -Theater. Fast immer geht es dabei um Liebe, Eifer­sucht und Mord, die letzt­lich dazu führen, dass eine Person nach dem Tod nicht zur Ruhe kommt und sich in einen Rache­geist ver­wandelt. Inso­ferne werden in den Ge­schich­ten und Bildern auch religiöse Vor­stel­lun­gen trans­por­tiert, auf die im fol­gen­den näher ein­ge­gan­gen werden soll.

Okiku, das Tellergespenst

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Katsushika Hokusai, Okiku, das Tellergespenst (Bild: Museum of fine Art Boston). Der Geist der Okiku entsteigt jede Nacht einem Brunnen, in dem sie ertränkt wurde, nachdem sie ihrem Herrn die Liebe verweigerte. Auch als Geist ist Okiku beständig auf der Suche nach dem zehnten Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Der Rauch, der ihrem Mund auf diesem Bild entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren.
2 Tellergespenst Okiku
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Utagawa Hiroshige, Tellergespenst Okiku (Bild: Questo piccolo grande BANZAI). In dieser karikaturartigen Darstellung beschwert sich das Tellergespenst Okiku bei einem Geschirrhändler, dass ihr Teller zerbrochen ist.  
3 Okiku von Hiroshige

Das erste Bild aus Hokusais Serie zeigt ein blasses Gesicht mit langen gelösten Haaren, dessen langer Hals bei genauerem Hinsehen aus Tellern besteht. Es handelt sich um OkikuOkiku お菊 weiblicher Totengeist aus der Edo-Zeit; „Tellergespenst“; , einen der be­kann­tes­ten Toten­geister der Edo-Zeit.

Okiku ist eine Magd, die ihrem Herrn die Liebe ver­weigert und darauf­hin von ihm in einen Brunnen ge­stürzt wird. Der Vor­wand für seine Tat: Sie habe einen Teller ent­wendet, den er in Wirk­lich­keit selbst ver­steckte. Daher ihre Er­scheinung als Teller zählendes bzw. teller­förmiges Gespenst. Sie zählt dabei immer nur bis neun und bricht dann ab, um neuer­lich bei eins zu beginnen. Dem Spuk wird durch einen Exorzisten ein Ende bereitet, der im richtigen Moment „zehn“ ruft.

Die tragische Geschichte der Okiku existierte wahr­schein­lich schon vor Beginn der Edo-Zeit. 1741 wurde sie unter dem Titel Banchō sarayashiki (Das Tellerhaus in Banchō) für die Bühne adaptiert. Zahl­reiche Varianten ver­legten die Geschichte u.a. in die Burg Himeji und inter­pre­tierten das Liebes­ver­hältnis zwischen Magd und Herren auf unter­schied­liche Weise. Immer blieben jedoch der Brunnen und die Teller zentrale Bestand­teile der Geschichte. In scherz­hafter Weise wird das Motiv auch auf einem Bild von Utagawa HiroshigeUtagawa Hiroshige 歌川広重 1797–1858; einer der stilbildenden Meister des japanischen ukiyo-e-Farbholzschnitts Ende der Edo-Zeit; dargestellt (Abb. re.).

Oiwa, der Lampiongeist

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Katsushika Hokusai, Lampiongespenst Oiwa (Bild: Rijksmuseum, Amsterdam (AK-MAK-930)). Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist (yūrei) der ruchlos ermordeten Oiwa.
4 Lampiongeist Oiwa
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Utagawa Kuniyoshi, Lampiongespenst Oiwa (Bild: Lyon Collection). Der Totengeist der Oiwa ist eben aus dem Lampion getreten und trägt ihr ungeborenes Kind mit sich, das hier die Züge des Jizō Bosatsu angenommen hat. Utagawa Kuniyoshi betont in dieser Version ganz besonders Oiwas durch Gift entstelltes Gesicht mit dem einen hervorquellenden Auge. Das Bild entstand anlässlich einer Kabuki-Aufführung 1836 mit Onoe Kikugorō III in der Rolle der Oiwa.
5 Oiwa von Kuniyoshi

In einem zer­schlis­senen Papier­lampion wird unvermittelt ein Gesicht erkennbar, ein Loch im Lampion wird zu einem auf­ge­ris­senen Mund, der einen stummen Schrei auszustoßen scheint. Es handelt sich um OiwaOiwa お岩 weiblicher Totengeist der Edo-Zeit; „Lampiongespenst“; , einen weiteren all­seits bekannten weiblichen Geist der Edo-Zeit.

Oiwa wird von Iemon, ihrem grau­sa­men Ehe­mann, be­trogen und ver­giftet, sodass sie eines qual­vollen Todes stirbt. Sie er­scheint je­doch als Geist wieder und zwar mit ihrem durch Gift ent­stell­ten Gesicht. Dieses zeigt sich dem Iemon nicht nur in einem zer­schlis­se­nen Fried­hofs­lam­pion, wie bei Hokusai, son­dern auch an­stelle seiner neuen Ehe­frau. Als Iemon den Geist ver­nich­ten will, tötet er stattdessen seine frisch­ver­mähl­te Braut, um der­ent­wil­len er den Mord an Oiwa voll­führt hat.

Auch Utagawa KuniyoshiUtagawa Kuniyoshi 歌川国芳 1798–1861; Maler und Zeichner. Bekannter Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts; bringt in seiner Dar­stel­lung der Oiwa (Abb. re.) den Lampion ins Spiel. An Stelle von Hokusais sub­ti­lem Spiel von Ein­bil­dung (Gesicht) und Reali­tät (zer­schlis­sener Lam­pion) geht es Kuni­yoshi mehr um die schau­rigen Grusel­ef­fekte der Erzäh­lung. Ins­beson­dere betont er das vom Gift ent­stellte Gesicht der Oiwa.

Oiwa ist heute einer der be­kann­testen Rache­geister des Kabuki-Theaters. Die Ge­schich­te wurde erst­mals 1825 in einem Stück namens Yotsuya kaidan auf die Bühne ge­bracht und ist seither in immer neuen Ver­sio­nen dra­ma­tisiert und sogar für das Kino adap­tiert worden.

Kohada Koheiji, der nächtliche Rächer

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Katsushika Hokusai, Totengeist des Kohada Koheiji (Bild: Museum of Fine Art, Boston). Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzes.
6 Totengeist des Kohada Koheiji

Schwache Frauen, die sich gegen Unter­drückung und Aus­beu­tung nur weh­ren kön­nen, in­dem sie sich nach ihrem Tod in Rache­geister ver­wan­deln, stehen ein­deu­tig im Zen­trum ja­pani­scher Ge­spens­ter­ge­schich­ten. Es gibt je­doch auch ein paar männ­liche Ver­tre­ter die­ses Typs. Einer da­von ist Kohada KoheijiKohada Koheiji 小幡小平次 Figur des Kabuki-Theaters; Totengeist eines betrogenen Ehemannes; , der als tra­gi­scher Held in einer Ge­schich­te des Autors und Malers Santō KyōdenSantō Kyōden 山東京伝 1761–1816; Edo-zeitlicher Schriftsteller und Maler; erst­mals im Jahr 1803 auf­tauch­te und bald auch auf der Kabuki Bühne zu sehen war: Koheiji wird von seiner Frau und seinem Neben­buhler er­mor­det, rückt ihnen aber des Nachts als Rache­geist zu Leibe und treibt sie in den Wahn­sinn. Auf Hoku­sais Bild grinst er gerade über den Rand des Mos­kito­netzes.

Asakura Tōgo

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Utagawa Kuniyoshi, Der Totengeist des Asakura Tōgo (Asakura Tōgo no bōrei) (Bild: MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien). Das Bild zeigt den Kabuki-Schauspieler Ichikawa Kodanji IV in der Rolle des Totengeist (yūrei) Asakura Tōgo, im Stück Higashiyama sakura zoshi. In dieser Darstellung ist die, für japanische Gespenster typische, schlaffe Handhaltung ganz besonders gut zu erkennen.
9 Asakura Tōgo

Der von Kuniyoshi portraitierte Toten­geist des Asa­kura Tōgo ist ein weiteres Beispiel eines bekannten männ­lichen Rachegeists.

Tōgo war einst ein Dorf­vor­steher, der sich der aus­beu­teri­schen Be­steue­rung seines Lan­des­her­ren wider­setzte, dafür brutal hin­ge­rich­tet wurde, in der Folge aber als Rache­geist wiederkehrte und den Lan­des­her­ren mit seiner Fami­lie in Wahn­sinn und Tod trieb. Die Geschichte beruht auf einer historischen Be­ge­ben­heit, wobei der Dorf­vorsteher in Wirk­lich­keit Sakura Sōgorō hieß und 1653 hingerichtet worden sein soll. Die verschie­denen Namen der Figur waren wohl ein Mittel, der Zensur zu entgehen, da der Fall ein hohes auf­rühr­erisches Potential besaß. Das Bild selbst trägt einen Zensur­stempel mit der Aufschrift shita-uri („Verkauf unten“), d.h. das Bild durfte nicht offen aufgelegt oder aufgehängt werden und musste unter dem Laden­tisch verkauft werden.2

Hannya, die lachende Menschenfresserin

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Katsushika Hokusai, Lachende Hannya (Warai hannya) (Bild: Tokyo National Museum). Portrait einer menschenfressenden Dämonin (hannya), die eben einen Säugling verspeist.
10 Lachende hannya
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Gehörnte Hannya (Bild: The British Museum). Standard-Maske im für „wahnsinnige Frauen“ (hannya).
11 Hannya Maske

Ein lachendes Gesicht mit Hörnern wird richtig unheimlich, sobald man realisiert, dass der Grund der dar­ge­stel­lten Hei­ter­keit im ab­get­renn­ten, blutenden Kinder­kopf liegt, den das dämonische Wesen namens Hannya umklammert.

Hannyahannya 般若 „Weisheit“, abgeleitet von skt. prajna; auch: Hannya-Maske (Dämonin); sind gehörnte Dämo­innen, die eine wich­tige Rolle in den Ge­spens­ter­stücken des Nō Thea­ters spielen. Der Name Hannya soll auf den Schöpfer der ent­spre­chen­den Maske im Nō zurück­gehen. Ironi­scher­weise entlieh dieser Meister seinen Namen einem durchaus positiven Begriff: hannya leitet sich von Sanskrit prajna her und bedeutet soviel wie „Weisheit“.3

Hokusais Motiv der lachen­den Hannya, die drauf und dran ist, einen Säug­ling zu ver­spei­sen, soll sich von einer Le­gen­de aus Naga­saki her­lei­ten. Der Ver­zehr von Men­schen ist je­doch ganz all­ge­mein eine Vor­liebe der japa­ni­schen onioni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister; (Dämo­nen), zu denen auch die Han­nya-Figu­ren zu rech­nen sind.

Die Dämonin des Rajō-mon

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Utagawa Kuniyoshi, Hannya-Dämonin (Bild: Freer / Sackler, The Smithonian Museums of Asian Art). Der wackere Watanabe Tsuna wird heimtückisch von hinten attackiert, kann der Dämonin (hannya) aber mit dem Schwert einen Arm abtrennen.
12 Hannya von Kuniyoshi

Am häufigsten findet man die Hannya-Figur in den Illustra­tionen eines klas­si­schen Ge­spens­tes aus der HeianHeian 平安 auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit); -Zeit: der Dämo­nin Ibaraki aus dem Rajō-mon. Das Rajō-monRajō-mon 羅城門 südl. Haupttor einer klassischen Stadtanlage; insbes. Haupttor von Heian-kyō (heute Kyōto), 980 zerstört; (auch Rashō-mon) war eines der Stadt­tore Kyōtos. Die Dämo­nin fand aus­ge­rechnet in den geräu­migen Ober­ge­schoßen dieses Gebäu­des ihren Unter­schlupf und machte von hier aus die Stadt un­sicher. Der un­­er­­schroc­k­ene Krieger Watanabe no TsunaWatanabe no Tsuna 渡邊綱 953–1025; Krieger der Heian-Zeit; Vasall des Minamoto no Yorimitsu; Held zahlreicher Sagen und Legenden; stellt sich ihr im Kampf, doch es gelingt ihm ledig­lich, ihr mit dem Schwert einen Arm ab­zu­hacken (den sie schluss­end­lich wieder in ihren Besitz bringt). Die Attacke der Dämo­nin und Tsunas geis­tes­gegen­wärtiger Schwert­hieb sind ein be­liebtes ukiyo-e-Motiv. Meist ver­lieh man dabei der Dämonin das Gesicht einer Hannya-Maske (s. Kuniyoshis Abb. re.).

Die Schlange, Sinnbild obsessiver Liebe

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Katsushika Hokusai, Obsession (shūnen) (Bild: Museum of Fine Arts, Boston). Eine Schlange (hebi) windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
13 „Obsession“ (shūnen)
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Toriyama Sekien, Schlangen-Gürtel (jatai) (Bild: Wikimedia Commons (jap.)). Illustration der Redensart: "Wer mit obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen."
14 Schlangen-Gürtel

Das letzte Bild in Hokusais Serie wirkt auf den ersten Blick fried­lich, ist aber voller un­heim­licher An­spie­lungen. Zu­nächst illus­triert das Bild eine offen­bar gän­gige Rede­wen­dung, näm­lich „Wer mit Gürtel (obiobi Gürtel, der zum Kimono oder zur Kampfsportbekleidung getragen wird; ) schläft, träumt von Schlangen“. Frauen werden also mit Schlangenträumen bestraft, wenn sie in festlicher Kleidung zu Bett gehen. Diese Redensart wird auch auf der ne­ben­ste­henden Il­lustra­tion des Ge­spens­ter­for­schers Tori­yama SekienToriyama Sekien 鳥山石燕 1712–1788; Künstler und Gelehrter; vor allem bekannt für seine illustrierten Gespenster-Enzyklopädien; illustriert, die Hokusai möglicherweise als Vorbild diente.

Hokusais Bild trägt jedoch den Titel „Obses­sion“ (shūnenshūnen 執念 Rachsucht, Groll, Obsession; ). Dies scheint auf eine weit verbreitete Vorstellung anzuspielen, wonach Schlangen als Sinn­bild der Eifer­sucht oder der ob­ses­siven Umkehr von Liebe in Hass gelten, insbesondere wenn es sich um weibliche Eifersucht handelt. Auf Hokusais Bild ist zwar kein Mann zu sehen, wohl aber das To­ten­tä­fel­chen (ihaiihai 位牌 Ahnentäfelchen; ) eines Mannes. Auch die Schale mit Duft­wasser und bud­dhis­tischem svastikasvastika (skt.) स्वस्तिक „Swastika“, indisches Glückssymbol; in Japan buddhistisches Symbol, meist linksgewinkelt (im Gegensatz zum „Hakenkreuz“), jap. man-ji; gehört zu den Toten­riten am bud­dhis­tischen Haus­altar (butsudanbutsudan 仏壇 buddh. Hausaltar; ).4

Es ist also ein Mann ge­stor­ben und die Schlange scheint sich seines Todes zu vergewissern. Sie kriecht dabei durch Kleider­stoffe und das Muster der Schlangen­haut scheint mit den Kleider­mustern zu ver­schmelzen. Vergleicht man diese Motivik mit den Dar­stel­lungen der in der Edo-Zeit allseits bekannten Kiyohime (s.u.), so lässt sich die Schlange als eifer­süch­tiger Rache­geist einer an gebro­che­nem Herzen ver­stor­benen Ehefrau interpretieren, die ihren un­treuen Mann nun ihrer­seits erfolg­reich in den Tod getrie­ben hat.

Kiyohime

Die Legende der KiyohimeKiyohime 清姫 Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht; , die u.a. auch von Kuni­yoshi illus­triert wurde, repräsentiert den alten Glauben, dass Frauen, die in Eifersucht aus dem Leben scheiden, als Schlangen wiedergeboren werden. Sie handelt von einer Frau, die einen jungen Pilger­mönch verführt und mit ihm zusammen­leben will. Als er sich aber seiner reli­giösen Gelübde be­sinnt und sie ver­lässt, ver­folgt sie ihn und ver­wan­delt sich dabei, ge­trieben von ihrer Eifer­sucht, in eine Schlange. Schluss­end­lich flieht der Mönch in den Tempel Dōjō-jiDōjō-ji 道成寺 Tendai-Tempel in der Präfektur Wakayama, südl. von Nara, der seine Gründung bis ins Jahr 701 zurückführt; neben zahlreichen Kunstschätzen berühmt für die Legende der Kiyohime, die sich hier ereignet haben soll.; und versteckt sich mit Hilfe der dortigen Mönche unter einer schweren Tempel­glocke, doch die Schlange windet sich um die Glocke und ent­wickelt eine der­artige Hitze, dass der Mönch darin zu Tode kommt.

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Tosa Mitsushige, Dōjō-ji engi emaki (Bild: Wakayama Prefectural Museum). Die in eine Schlange verwandelte Kiyohime bringt die Glocke, unter der sich ihr Liebhaber versteckt, zum Glühen.
Es handelt sich um eine illustrierte Chronik des Tempels Dōjō-ji, wo sich die Geschichte im Jahr 928 abgespielt haben soll.
15 Kiyohime (um 1400)
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Utagawa Kuniyoshi, Die Schlangenfrau Kiyo-hime (Bild: The Kuniyoshi Project). Kiyohime, die sich zur Hälfte in eine Schlange verwandelt hat, windet sich um eine Tempelglocke, unter der ihr ehemaliger Geliebter Zuflucht vor ihrer Rache gesucht hat.
16 Kiyohime von Kuniyoshi (1845)

Die Legende stammt aus dem japani­schen Altertum und findet sich unter anderem in den „Ge­schich­ten aus alter und neuer Zeit“ (Konjaku monogatariKonjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext; ), wurde aber auch im Nō und im Kabuki-Theater auf­gegriffen.

Meiji-Epigonen

Tsukioka Yoshitoshi

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Tsukioka Yoshitoshi, Okiku (Bild: Wikimedia Commons). Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.
17 Okiku
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Tsukioka Yoshitoshi, Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō) (Bild: Wikimedia Commons). In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist (yūrei) ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln. Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.
18 Pfingstrosen-Laterne

Tsukioka YoshitoshiTsukioka Yoshitoshi 月岡芳年 1839–1892; Maler; ukiyo-e-Küstler; (1839–1892) wird oft als der letzte ukiyo-e-Meister apo­stro­phiert. Gegen Ende seines Lebens schuf er eine Serie von Geister­bildern, die heute zu seinen be­kann­testen Werken zählen. Während sich viele ukiyo-e Yoshi­toshis durch beson­ders dras­tisch zur Schau ge­stellte „sex-and-crime“ Szenen aus­zeichnen, rückt er in dieser Serie Figuren in dem Mittelpunkt, die ruhig und gefasst wirken und meist gar nicht un­mittel­bar als Geister zu erken­nen sind. Kennt man aber den Hinter­grund ihrer Ge­schich­ten, prägen sich Yoshi­toshis Geister um so nach­haltiger ein.

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Tsukioka Yoshitoshi, Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu (Bild: Antique Art Morimiya). Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Ōtani Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist (yūrei) jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.
19 Totengeist
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Tsukioka Yoshitoshi, Die Dämonin des Rashō-mon (Bild: Rijksmuseum, Amsterdam (RP-P-1983-393)). Die Dämonin (hannya) ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arm wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyōto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.
20 Hannya
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Tsukioka Yoshitoshi, Kiyo-hime entsteigt dem Fluss (Bild: National Diet Library, Tōkyō). Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa. Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889–92), ebenfalls von Tsukioka Yoshitoshi, aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt. Diese Haarsträhne findet man auch auf einem Holzschnitt von Kuniyoshi zu diesem Motiv.
21 Kiyo-hime

Auch Yoshitoshi illustriert Motive, die schon bei Hokusai und seinen Zeit­genos­sen zu finden sind. Alle vor­der­gründig-ge­spens­tischen Ele­mente fehlen hier aller­dings: Okiku, das Teller­ge­spenst (Abb. 17), steigt ohne Teller aus ihrem Brunnen und erregt Mitleid, nicht Furcht. Die Frau mit der Päo­nien­la­terne (18) wird mit den Augen ihres Lieb­habers be­trach­tet, der nicht er­kennt, dass sie ein Geist ist. Die Ver­wand­lung der Schlan­gen­frau Kiyo-hime (21) deutet sich ledig­lich durch die merk­würdige Sil­houette der Figur und durch das Muster des Kimonos an. Das Ver­hält­nis zwi­schen Toten­geist und Krieger (19) scheint auf einer lang er­prob­ten Routine zu beruhen. Einzig die Dämonin des Rashō-mon (20) bringt Bewe­gung in Spiel. Sie hat eben ihren ab­ge­hack­ten Arm wieder erbeu­tet. Aber auch in ihrem Ge­sicht deuten sich die Züge der Hannya-Maske nur schwach an.

In diesem neuen Realis­mus, der eine gewisse Roman­tisie­rung der weiblichen Rache­geister ermög­licht, nimmt Yoshitoshi Ent­wick­lungen des „Neuen Kabuki-Theaters“ der Meiji-Zeit vorweg. Unter dem Einfluss west­licher Theater­stoffe ver­suchte man auch hier, die alten Geschich­ten psycho­logisch einfühl­sam und mit einer roman­tischen Note versehen neu zu erzählen.

Kawanabe Kyōsai

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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūreizu) (Bild: Muian). Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.
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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) (Bild: Muian). Das Motiv des Rachegeists (onryō), der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist (yūrei) allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.
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Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) (Bild: The British Museum). In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur (yūrei) selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.
Kyōsais rächende Totengeister

Kawanabe KyōsaiKawanabe Kyōsai 河鍋暁斎 1831–1889; Künstler und Karikaturist Ende Edo-, Anfang Meiji-Zeit; (1831–1889), von dem auch das Bild am Seiten­anfang stammt, fertigte meh­rere Por­traits von un­heim­lichen Toten­geistern (yūreiyūrei 幽霊 Totengeist; ) an, ohne konkret an­zu­geben, auf welche Geschich­ten sich seine Dar­stel­lungen bezogen. Die Motive lassen sich zwar auf Vorlagen aus der Edo-Zeit zurück führen, doch scheint es Kyosai nicht um die Geschichten zu gehen, aus denen sie entstammen. In beinahe psycho­ana­lyti­scher Weise betont er statt­dessen die ob­ses­siven psychi­schen Kräfte, die sich in den Toten­geistern ver­körpern.

Von Kaidan zu J-Horror

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Shindō Kaneto, Onibaba (Bild: Cinema Strikes Back). Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.
25 Onibaba

Die Edo-Zeit gilt all­gemein als eine Blüte­zeit des Horror­genres, sowohl auf liter­ari­schem als auch auf bild­neri­schem Gebiet. Beson­ders im neun­zehnten Jahr­hun­dert scheint die Be­geiste­rung für das Über­sinn­liche einen Höhe­punkt erfahren zu haben. Wie die Ab­bil­dungen in diesem Abschnitt zeigen, haben viele der heute noch be­kannten Gespenster­geschich­ten (kaidankaidan 怪談 Gespenstergeschichte; ) ihre Wurzeln in dieser Zeit.

Geister­ge­schich­ten und -dar­stel­lungen erfreuten sich in der aus­gehen­den Edo-Zeit unter anderem deshalb großer Be­liebt­heit, weil eine zu­neh­mend strengere Zensur fast alle anderen gegen­warts­bezo­genen Themen unter­sagte. Allein die Welt des Über­sinn­lichen — ob sie nun für real gehalten wurde oder nicht — galt als poli­tisch un­ver­dächtig und wurde daher zu­nehmend als Projek­tions­fläche für die Dar­stel­lung aller mög­lichen ge­sell­schaft­lichen Miss­stände heran­gezogen. In der MeijiMeiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt; -Zeit verlor die Welt der Geister und Fabel­wesen ihre politische Brisanz und erhielt stattdessen einen nostal­gischen Touch. Kawa­nabe Kyōsai oder Tsukioka Yoshi­toshi griffen u.a. auch das Horror-Genre der Edo-Zeit auf und adaptierten es für die neue Zeit. Zugleich führten sie zu einer letzten Blüte.

Obwohl die ukiyo-e nicht mehr ihr bevorzugtes visuelles Medium sind, leben die Motive, die wir ausgehend von Hokusais fünf Gespenster­portraits auf dieser Seite untersucht haben, nach wie vor im kollektiven Ge­dächt­nis Japans weiter. Heute werden sie vor allem in japa­ni­schen Hor­ror­filmen und Mangas visualisiert. Besonders in den Figuren der rach­süchtigen Frauen­geister lassen sich die Spuren der Edo-Zeit noch heute erkennen.5

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Nakata Hideo, Kaidan . Filmplakat des Films „Kaidan“
26 Kaidan
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Geist der Samara (Sadako) . Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.
27 Ring
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Hashiguchi Takaaki, Kuchisake . Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.
28 Kuchisake
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Shimizu Takashi, Geist der Kayako (Bild: Ju-on-the-grudge-Wikia, Wiki). Totengeist (yūrei) der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.
29 Juon
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„Horrorklassiker aus der Edo-Zeit.“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001

Verweise

Fußnoten

  1. Auch hyaku monogatari kaidankai 百物語怪談会, „Hundert Geschichten Gruseltreffen“, mög­licher­weise zu­rück­zu­führen auf hyakuza hōdan 百座法談, hunderttägige bud­dhis­tische Predigt­rituale, die Wunder durch Er­zäh­lungen von Wundern her­vor­rufen sollten (Reider 2001, S. 85).
  2. Mehr dazu: MAK, Wien. Abgesehen von der Dar­stel­lung als Rache­geist, erfreut sich auch eine zu Herzen gehende Szene, in der Tōgo/Sōgorō Abschied von seiner Familie nimmt, um in den sicheren Tod zu ziehen, großer Be­liebt­heit im ukiyo-e-Genre.
  3. Vgl. Hannya shingyō, das Herz Sutra.
  4. Auch das Blatt in der Duft­wasser­schale ist Teil der rituellen Opfer­gabe. Es handelt sich um ein Blatt des japanischen Sternanis (shikimi), einer giftigen Pflanze, die al­ler­dings schon seit Kūkai als Opfer­gabe für Ver­stor­bene dient.
  5. Den Hinweis auf die vielen Über­ein­stim­mungen zwischen Edo-zeit­lichen Grusel­ge­schich­ten und dem modernen J-Horror verdanke ich einer Semi­nar­ar­beit von Sarah-Allegra Schön­berger, Studen­tin der Japa­no­logie an der Uni­ver­sität Wien (Som­mer­semes­ter 2009). Die Litera­tur­an­gaben dieser Seite ent­stam­men eben­falls ihrer Arbeit.

Internetquellen

  • Muian (via Internet Archive). Dieser leider bereits aufgelassenen Website zu diversen japanischen Künstlern entstammen viele Bildbeispiele auf Religion-in-Japan.
  • Shinkei sanjūrokkaisen (Wikipedia, ja.). Sämtliche Exemplare aus Yoshitoshis Serie „36 Geister“.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Colette Balmain 2008
Introduction to Japanese Horror Film. Edinburgh: Edinburgh University Press 2008.
Noriko Reider 2000
The Appeal of Kaidan Tales of the Strange.“ Asian Folklore Studies 59 (2000), S. 265–283.
Noriko Reider 2001
The Emergence of Kaidan-shū: The Collection of Tales of the Strange and Mysterious in the Edo Period.“ Asian Folklore Studies 60 (2001), S. 79–99.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

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    Kyosai hyakki gadan.jpg
    Kawanabe Kyōsai, Beginn einer Runde Geistergeschichten (Bild: Metropolitan Museum of Art, New York). Eine bürgerliche Familie lauscht wohlig schaudernd einer Erzählung von „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatari).
  2. ^ 
    Hokusai okiku.jpg
    Katsushika Hokusai, Okiku, das Tellergespenst (Bild: Museum of fine Art Boston). Der Geist der Okiku entsteigt jede Nacht einem Brunnen, in dem sie ertränkt wurde, nachdem sie ihrem Herrn die Liebe verweigerte. Auch als Geist ist Okiku beständig auf der Suche nach dem zehnten Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Der Rauch, der ihrem Mund auf diesem Bild entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren.
  3. ^ 
    Hiroshige okiku.jpg
    Utagawa Hiroshige, Tellergespenst Okiku (Bild: Questo piccolo grande BANZAI). In dieser karikaturartigen Darstellung beschwert sich das Tellergespenst Okiku bei einem Geschirrhändler, dass ihr Teller zerbrochen ist.  
  4. ^ 
    Hokusai oiwa.jpg
    Katsushika Hokusai, Lampiongespenst Oiwa (Bild: Rijksmuseum, Amsterdam (AK-MAK-930)). Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist (yūrei) der ruchlos ermordeten Oiwa.
  5. ^ 
    Oiwa kuniyoshi.jpg
    Utagawa Kuniyoshi, Lampiongespenst Oiwa (Bild: Lyon Collection). Der Totengeist der Oiwa ist eben aus dem Lampion getreten und trägt ihr ungeborenes Kind mit sich, das hier die Züge des Jizō Bosatsu angenommen hat. Utagawa Kuniyoshi betont in dieser Version ganz besonders Oiwas durch Gift entstelltes Gesicht mit dem einen hervorquellenden Auge. Das Bild entstand anlässlich einer Kabuki-Aufführung 1836 mit Onoe Kikugorō III in der Rolle der Oiwa.
  6. ^ 
    Hokusai koheiji.jpg
    Katsushika Hokusai, Totengeist des Kohada Koheiji (Bild: Museum of Fine Art, Boston). Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzes.
  7. ^ 
    Koheiji kuniyoshi.jpg
    Utagawa Kunitoshi, Kohada Koheiji (Bild: Pink Tentacle). Der Totengeist (yūrei) des Koheiji lugt über das Moskitonetz, um seine Frau und seinen Nebenbuhler beim Liebesakt zu stören.
  8. ^ 
    Koheiji toyokuni.jpg
    Utagawa Toyokuni I, Totengeist des Kohada Koheiji (Bild: The British Museum). Das Bild entstand im Zusammenhang mit der Uraufführung des Kabukistückes Iroiri otogi zōshi, 1808, in dem es um die Ermordung des Kohada Koheiji durch seine seine Frau und deren Liebhaber geht. Das Bild zeigt den Moment der Rache, als der Geist des Koheiji den Kopf seiner Frau in seinen Zähnen hält. Beide Gesichter tragen im übrigen die Züge des Kabuki Schauspielers Onoe Matsusuke I (1744–1815), der offenbar eine Doppelrolle spielte, wie in der Bildinschrift vermerkt ist. In viel düsterer Form taucht das Motiv auch sechzig Jahre später bei Kawanabe Kyosai auf.
  9. ^ 
    Asakura togo kuniyoshi.jpg
    Utagawa Kuniyoshi, Der Totengeist des Asakura Tōgo (Asakura Tōgo no bōrei) (Bild: MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien). Das Bild zeigt den Kabuki-Schauspieler Ichikawa Kodanji IV in der Rolle des Totengeist (yūrei) Asakura Tōgo, im Stück Higashiyama sakura zoshi. In dieser Darstellung ist die, für japanische Gespenster typische, schlaffe Handhaltung ganz besonders gut zu erkennen.
  10. ^ 
    Hokusai hannya.jpg
    Katsushika Hokusai, Lachende Hannya (Warai hannya) (Bild: Tokyo National Museum). Portrait einer menschenfressenden Dämonin (hannya), die eben einen Säugling verspeist.
  11. ^ 
    Hannya.jpg
    Gehörnte Hannya (Bild: The British Museum). Standard-Maske im für „wahnsinnige Frauen“ (hannya).
  12. ^ 
    Rashomon kuniyoshi.jpg
    Utagawa Kuniyoshi, Hannya-Dämonin (Bild: Freer / Sackler, The Smithonian Museums of Asian Art). Der wackere Watanabe Tsuna wird heimtückisch von hinten attackiert, kann der Dämonin (hannya) aber mit dem Schwert einen Arm abtrennen.
  13. ^ 
    Schlange hokusai.jpg
    Katsushika Hokusai, Obsession (shūnen) (Bild: Museum of Fine Arts, Boston). Eine Schlange (hebi) windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
  14. ^ 
    Jatai.jpg
    Toriyama Sekien, Schlangen-Gürtel (jatai) (Bild: Wikimedia Commons (jap.)). Illustration der Redensart: "Wer mit obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen."
  15. ^ 
    Dojojiengi.jpg
    Tosa Mitsushige, Dōjō-ji engi emaki (Bild: Wakayama Prefectural Museum). Die in eine Schlange verwandelte Kiyohime bringt die Glocke, unter der sich ihr Liebhaber versteckt, zum Glühen.
    Es handelt sich um eine illustrierte Chronik des Tempels Dōjō-ji, wo sich die Geschichte im Jahr 928 abgespielt haben soll.
  1. ^ 
    Kuniyoshi kiyohime1.jpg
    Utagawa Kuniyoshi, Die Schlangenfrau Kiyo-hime (Bild: The Kuniyoshi Project). Kiyohime, die sich zur Hälfte in eine Schlange verwandelt hat, windet sich um eine Tempelglocke, unter der ihr ehemaliger Geliebter Zuflucht vor ihrer Rache gesucht hat.
  2. ^ 
    Okiku yoshitoshi.jpg
    Tsukioka Yoshitoshi, Okiku (Bild: Wikimedia Commons). Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.
  3. ^ 
    Botandoro.jpg
    Tsukioka Yoshitoshi, Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō) (Bild: Wikimedia Commons). In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist (yūrei) ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln.

    Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.

  4. ^ 
    Otani yoshitsugu.jpg
    Tsukioka Yoshitoshi, Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu (Bild: Antique Art Morimiya). Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Ōtani Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist (yūrei) jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.
  5. ^ 
    Rashomon yoshitoshi.jpg
    Tsukioka Yoshitoshi, Die Dämonin des Rashō-mon (Bild: Rijksmuseum, Amsterdam (RP-P-1983-393)). Die Dämonin (hannya) ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arm wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyōto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.
  6. ^ 
    Kiyohime yoshitoshi.jpg
    Tsukioka Yoshitoshi, Kiyo-hime entsteigt dem Fluss (Bild: National Diet Library, Tōkyō). Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa.

    Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889–92), ebenfalls von Tsukioka Yoshitoshi, aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt. Diese Haarsträhne findet man auch auf einem Holzschnitt von Kuniyoshi zu diesem Motiv.

  7. ^ 
    Obake kyosai muian.jpg
    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūreizu) (Bild: Muian). Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.
  8. ^ 
    Kyosai yurei3.jpg
    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) (Bild: Muian). Das Motiv des Rachegeists (onryō), der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist (yūrei) allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.
  9. ^ 
    Yurei kyosai1.jpg
    Kawanabe Kyōsai, Totengeist (Yūrei) (Bild: The British Museum). In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur (yūrei) selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.
  10. ^ 
    Onibaba.jpg
    Shindō Kaneto, Onibaba (Bild: Cinema Strikes Back). Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.
  11. ^ 
    Kaidan.jpg
    Nakata Hideo, Kaidan . Filmplakat des Films „Kaidan“
  12. ^ 
    Sadako ringu.jpg
    Geist der Samara (Sadako) . Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.
  13. ^ 
    Kuchisake.jpg
    Hashiguchi Takaaki, Kuchisake . Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.
  14. ^ 
    Kayako juon.jpg
    Shimizu Takashi, Geist der Kayako (Bild: Ju-on-the-grudge-Wikia, Wiki). Totengeist (yūrei) der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.

Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • butsudan 仏壇 ^
    buddh. Hausaltar
  • Dōjō-ji 道成寺 ^
    Tendai-Tempel in der Präfektur Wakayama, südl. von Nara, der seine Gründung bis ins Jahr 701 zurückführt; neben zahlreichen Kunstschätzen berühmt für die Legende der Kiyohime, die sich hier ereignet haben soll.
  • Edo 江戸 ^
    Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit);
  • hannya 般若 ^
    „Weisheit“, abgeleitet von skt. prajna; auch: Hannya-Maske (Dämonin)
  • Heian 平安 ^
    auch Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)
  • Hyaku monogatari 百物語 ^
    „Hundert Geschichten“; Edo-zeitliches Gesellschaftsspiel bei dem man sich 100 Gruselgeschichten erzählte
  • ihai 位牌 ^
    Ahnentäfelchen
  • Kabuki 歌舞伎 ^
    „Gesang- und Tanzkunst“; Anfang des 17. Jh. aus Musik, Schauspiel und Tanz entwickeltes Theater-Genre
  • kaidan 怪談 ^
    Gespenstergeschichte
  • Katsushika Hokusai 葛飾北斎 ^
    1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts
  • Kawanabe Kyōsai 河鍋暁斎 ^
    1831–1889; Künstler und Karikaturist Ende Edo-, Anfang Meiji-Zeit
  • Kiyohime 清姫 ^
    Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht
  • Kohada Koheiji 小幡小平次 ^
    Figur des Kabuki-Theaters; Totengeist eines betrogenen Ehemannes
  • Konjaku monogatari 今昔物語 ^
    „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext
  • Meiji 明治 ^
    posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt
  • obi ^
    Gürtel, der zum Kimono oder zur Kampfsportbekleidung getragen wird
  • Oiwa お岩 ^
    weiblicher Totengeist der Edo-Zeit; „Lampiongespenst“
  • Okiku お菊 ^
    weiblicher Totengeist aus der Edo-Zeit; „Tellergespenst“
  • oni ^
    Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister
  • Rajō-mon 羅城門 ^
    südl. Haupttor einer klassischen Stadtanlage; insbes. Haupttor von Heian-kyō (heute Kyōto), 980 zerstört
  • Santō Kyōden 山東京伝 ^
    1761–1816; Edo-zeitlicher Schriftsteller und Maler
  • shūnen 執念 ^
    Rachsucht, Groll, Obsession
  • svastika (skt.) स्वस्तिक ^
    „Swastika“, indisches Glückssymbol; in Japan buddhistisches Symbol, meist linksgewinkelt (im Gegensatz zum „Hakenkreuz“), jap. man-ji
  • Toriyama Sekien 鳥山石燕 ^
    1712–1788; Künstler und Gelehrter; vor allem bekannt für seine illustrierten Gespenster-Enzyklopädien
  • Tsukioka Yoshitoshi 月岡芳年 ^
    1839–1892; Maler; ukiyo-e-Küstler
  • ukiyo-e 浮世絵 ^
    „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit
  • Utagawa Hiroshige 歌川広重 ^
    1797–1858; einer der stilbildenden Meister des japanischen ukiyo-e-Farbholzschnitts Ende der Edo-Zeit
  • Utagawa Kuniyoshi 歌川国芳 ^
    1798–1861; Maler und Zeichner. Bekannter Verteter des ukiyo-e-Farbholzschnitts
  • Watanabe no Tsuna 渡邊綱 ^
    953–1025; Krieger der Heian-Zeit; Vasall des Minamoto no Yorimitsu; Held zahlreicher Sagen und Legenden
  • yūrei 幽霊 ^
    Totengeist