Religion in JapanGrundbegriffe

Welche Religionen gibt es in Japan? (Einleitung)

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Einleitung:Welche Religionen gibt es in Japan?

Japan besitzt zwei Haupt­religionen mit langer ein­heim­ischer Tra­di­tion: Buddhis­musbukkyō 仏教 Lehre des Buddha, Buddhismus; und ShintōShintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kami; . Diesen sind die meisten Artikel dieser Web­site gewidmet. Da­neben exis­tieren aber auch noch andere Reli­gionen in Japan. Auf dieser Seite folgt dazu ein kurzer Über­blick, dem auch zu ent­nehmen ist, welche religiösen Richt­ungen auf welchen Seiten von Religion-in-Japan be­spro­chen werden. Außer­dem enthält die Seite eine kleine Sta­tistik zu den wichtigsten Reli­gions­ge­mein­schaften.

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Schreindächer (Bild: Ron Reznick, 2004). Detail der Dachkonstruktionen des Tōshō-gū Schreins, Nikkō. Im Vordergrund steht das „chinesische Tor“. Das Dach dahinter gehört zur Haupthalle. In diesem Architekturstil aus der frühen Edo-Zeit gibt es zwischen buddhistischen Tempeln und shintōistischen Schreinen kaum einen erkennbaren Unterschied.
1 Schreindächer (Nikkō)

Buddhismus und Shintō

Die meisten Japaner besuchen sowohl bud­dhis­tische Tempel als auch shintō­istische Schreine und prakti­zieren dort die jewei­ligen religi­ösen Riten. Viele besitzen darüber hin­aus sowohl einen bud­dhis­tischen Haus­altar (butsudanbutsudan 仏壇 buddh. Hausaltar; ) als auch einen shin­tōis­tischen Haus­schrein (kamidanakamidana 神棚 shintōistischer Hausaltar; ). Weder aus der Sicht des ja­pani­schen Bud­dhis­mus, noch aus der Sicht des Shintō gibt es ein Pro­blem, wenn man die jeweils andere Religion prak­tiziert. Wie das funktio­niert und worin über­haupt die Unter­schie­de zwi­schen Bud­dhis­mus und Shintō be­ste­hen, ist eines der zen­tralen Themen dieser Web­site.

In China ent­stan­dene religiöse Strö­mun­gen wie Konfuzianismusjukyō 儒教 Konfuzianismus, Lehre des Konfuzius (Kongzi oder Kong Fuzi); wtl. Lehre der Gelehrten; und DaoismusDōkyō 道教 Daoismus, wtl. Lehre des Weges, chin. Daojiao; philosophisch-rel. Strömung Chinas; s.a. ; bzw. die Yin YangYin Yang (chin.) 陰陽 Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophie; Philo­sophie spielen auch in Japan eine große Rolle, aller­dings nicht als eigen­ständige Religions­gemein­schaften, sondern in einer in den Bud­dhismus oder den Shintō einge­bundenen Form. Sowohl im japani­schen Bud­dhis­mus als auch im Shintō stößt man also auf Lehren oder Bräuche, die ur­sprüng­lich in China ent­wi­ckelt wurden.

Religionen in Zahlen

Die folgende Tabelle soll eine Vor­stellung von den Größen­ver­hält­nis­sen der ver­schie­denen Religions­gemein­schaften in Japan ver­mitteln.1 Die Angaben sind aller­dings nur als un­ge­fähre Richt­werte zu ver­stehen, da ins­besondere die Anzahl der Gläu­bigen nicht aufgrund einer ein­heitlichen Methode ermittelt wurde.2

Religion Jahr Anhänger Priester Kultstätten3
Shintō 2012 100.940.000 85.000 88.720
2000 107.953.000 82.000 89.183
1985 115.602.000 102.000 90.832
Buddhismus 2012 85.139.000 339.000 85.238
2000 95.420.000 305.000 86.586
1985 92.065.000 269.000 84.613
Christentum 2012 1.908.000 29.000 9.277
2000 1.772.000 29.000 9.328
1985 1.688.000 22.000 8.616
andere (Neue) 2012 9.114.000 213.000 36.954
2000 10.221.000 265.000 41.020
1985 14.444.000 253.000 42.027
Einwohnerzahl Japans: ~130 Mill.

Aus diesen Zahlen lassen sich folgende all­gemei­ne Schlüsse über die Größen­verhält­nisse der ein­zel­nen Religions­gemein­schaften ziehen:

  • Die über­wiegen­de Meh­rzahl aller Japaner bekennt sich sowohl zum Shintō als auch zum Bud­dhis­mus. Grob ge­sprochen sind mehr als drei Viertel aller Japaner sowohl Shin­tō­isten als auch Bud­dhis­ten. Der Bud­dhis­mus verfügt zwar über etwas weniger An­hänger und Tempeltera buddhistischer Tempel; das Wort leitet sich von einem koreanischen Begriff her, der ehemals in etwa tyər ausgesprochen wurde; als der Shintō, dafür aber über weit mehr Priester. Auf­grund der obigen Zahlen kommt ein bud­dhis­ti­scher Geist­licher im Schnitt auf ca. 250 Laien. Im Shintō ist hin­gegen ein einziger Priester für mehr als 1000, also viermal so viele Gläubige ver­ant­wort­lich. Ja, es gibt sogar mehr Shintō-Schreinejinja 神社 Shintō-Schrein; rel. Gebäude für einheimische Gottheiten (kami); (rel. Körper­schaften) als Priester. Daraus lässt sich bereits folgern, dass der Bud­dhis­mus religiös aktiver ist als der Shintō. Die Tatsache, dass der Bud­dhis­mus mehr Geist­liche als der Shintō be­schäftigt, lässt auch Rück­schlüs­se auf das wirt­schaft­liche Kräfte­ver­hältnis der beiden Reli­gionen zu. Schlie­ßlich kann man erkennen, dass die Zahl bud­dhis­tischer Priester in den letzten dreißig Jahren stetig zunimmt, während Shintō-Priesterkannushi 神主 Shintō- bzw. kami-Priester; wtl. „Meister der Götter“; weniger werden. In­teres­santer­weise kor­re­liert der Anstieg des Klerus jedoch nicht mit dem Anstieg der Gläubigen.
  • Zum Christen­tum bekennen sich nach dieser Sta­tis­tik kaum zwei Prozent der Be­völke­rung, wobei die Anzahl der Christen laut der oben an­ge­führten Quelle1 um 2010 eine Spitze von knapp drei Mil­lionen erreichte und dann wieder auf unter zwei Mil­lionen fiel. Grund­sätz­lich kann man davon ausgehen, dass ja­pani­sche Christen sich nicht gleich­zeitig zu Shintō und Bud­dhis­mus be­ken­nen und sich mit ihrem Glauben stärker iden­ti­fi­zie­ren als die meisten nicht-christ­lichen Japaner. Das spiegelt sich auch im Grad der re­ligiö­sen Be­treu­ung wider: Im Durch­schnitt werden etwa 65 japanische Christen von einem Priester betreut.
  • Knapp sieben Prozent aller Japaner beken­nen sich zu „anderen Religionen“, meist so­ge­nann­te Neue Religionenshinshūkyō 新宗教 Neue Religion oder Neureligion (seit Beginn der Moderne); , die sich aus Bud­dhis­mus oder Shintō her­leiten. Bei den Neuen Re­ligi­onen gibt es im Ver­gleich zu den alt­ein­ge­ses­sen­en Re­ligi­onen si­gnifi­kant mehr Geist­liche und Tempel (Körper­schaften) im Ver­hältnis zu Gläu­bigen. Ent­sprechend höher ist auch das gene­relle En­gage­ment in diesen Re­ligi­ons­gemein­schaften. Im Gegen­satz zum Christentum ist der Zu­lauf zu den Neuen Re­ligi­onen in den letzten Jahren al­ler­dings stark rück­läufig.

Religiöse Minderheiten

Monotheistische Religionen

Das moderne japanische Christen­tum stellt eine ver­hältnis­mäßig kleine religiöse Minder­heit dar und wird daher inner­halb dieser Web­site nur am Rande be­han­delt; im Kapitel „Geschichte“ gibt es jedoch eine Seite über die Anfänge der christ­lichen Mission­ierung und die an­schließen­den Christen­verfol­gungen im sech­zehnten und sieb­zehnten Jahr­hun­dert (Das „christliche Jahr­hun­dert“). Die geringe Anzahl von Christen erstaunt besonders im Ver­gleich mit Süd­korea, wo etwa ein Drittel der Be­völ­ker­ung dem Christen­tum angehört.

Während es in China sehr zahl­reiche muslimische und sogar jüdische Minder­heiten gibt, hat der Islam in Japan keine längere Tradition und wird ledig­lich von einer kleinen Minder­heit islamischer Migranten praktiziert. Das Judentum hat in Japan gar nicht Fuß gefasst, dafür gibt es ein paar populäre Theorien, die ein Nahe­ver­hältnis zwischen Japaner- und Judentum postulieren.

Neue Religionen

Eine größere Bedeu­tung in der gegen­wärtigen religiösen Land­schaft Japans kommt neu­religiösen Be­wegungen und Sekten zu, die sich seit dem neun­zehnten Jahr­hun­dert in mehre­ren Wellen in der modernen Ge­sell­schaft aus­ge­breitet haben. Obwohl diese Be­weg­ungen auf­grund ihrer teil­weise extrem­istischen Ansichten und Praktiken immer wieder im Blick­punkt der Öffent­lich­keit stehen und ob­wohl sie ganz all­ge­mein einen signifi­kanten Aspekt der modernen Reli­gions­aus­übung in Japan dar­stellen, liegt der Schwer­punkt dieses Web-Hand­buchs auf den tradi­tionellen Glaubens­formen. Dies vor allem deshalb, weil meiner Mei­nung nach auch die meisten Neuen Religionen nur ver­ständlich werden, wenn man den religiösen und mentalen Grund­stock, auf dem sie ge­deihen, besser kennt. Ein kurzer Über­blick findet sich aber im Kapitel Ge­schichte: Neue Religionen.

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Gottesdienst der Tenri-kyō (Bild: Tenrikyo Kyunsang Church, über Internet Archive). Anhänger der Tenri-kyō bei einer Messe im Haupttempel.
2 Neureligiöse Messe (Tenri)

Regionale Minderheiten

Die süd­lich­sten Inseln des heutigen Japan, die Insel­kette OkinawaOkinawa 沖縄 südlichste Präfektur Japans; umfasst eine Inselkette, die bis Mitte des 19. Jh.s ein eigenes Königreich, Ryūkyū, darstellte; noch heute sind deutliche sprachliche und kulturelle Unterschiede zur japanischen Mehrheitskultur feststellbar; , bildeten lange ein eigenes König­reich. Noch heute unter­scheiden sich die re­ligi­ösen Tradi­tionen Okinawas von denen der Haupt­inseln.

Im Norden Japans findet man wie­derum Reste der AinuAinu アイヌ indigenes Volk Japans dessen historischer Siedlungsraum den Norden Japans und teile Russlands mit einschließt. Untersuchungen legen nahe, dass es sich bei den Ainu um Nachfahren der prähistorischen Jōmon-Kultur handelt. Ihre Sprache und Religion werden heute kaum noch praktiziert.; -Kultur. Noch Anfang des 20. Jahr­hun­derts lebten viele Ainu als Jäger und Sammler und prak­ti­zierten eine eigene, auf diese Lebens­weise aus­ge­richtete Re­ligion. Infolge physischer Aus­rottung und eines starken Assimila­tions­drucks ist die Ainu-Be­völker­ung in Japan auf wenige zehn­tausend zurück­gegangen und auch ihre Re­ligion wird kaum noch prak­ti­ziert.

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Religion in JapanInhaltsübersicht

Diese Seite:

„Welche Religionen gibt es in Japan? (Einleitung).“ In: Bernhard Scheid, Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch. Universität Wien, seit 2001

Verweise

Fußnoten

  1. ab Die vor­lie­gende Sta­tis­tik stützt sich auf das online ver­füg­bare sta­tis­tische Jahrbuch der ja­pani­schen Re­gie­rung: Japan Statistical Yearbook 23-22 [zuletzt aufgerufen: Juli 2015].
  2. Für wesentlich differen­ziertere Sta­tis­tiken sowie eine Dis­kus­sion der ver­wen­deten Methoden siehe Roemer 2012.
  3. Unter „Kultstätten“ fallen auch Übungs- und Versammlungsräume.

Internetquellen

Ein diesem Hand­buch ver­wand­tes Projekt, das sich schwer­punkt­mäßig mit bud­dhis­tischer Ikono­graphie (aber auch mit Shintō) aus­ein­ander­setzt, ist

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jul. 2020

Literatur

Das Themen­feld „Religion in Japan“ ist mit den Jahren immer um­fang­reicher und unüber­sicht­licher geworden, sodass es kaum em­pfehlens­werte allgemeine Ein­stiegs­literatur dazu gibt, nicht nur im deut­schen, son­dern auch im anglo-amerika­ni­schen Sprach­raum. In letzter Zeit erschienen, wenn überhaupt, dann Sammelbände, in denen Fach­wissen­schaftler zu aus­ge­wähl­ten Kapiteln der japa­ni­schen Religions­wissen­schaft Stellung nehmen.

Inken Prohl und John Nelson (Hg.) 2012
Handbook of Contemporary Japanese Religion. Leiden: Brill 2012.
Paul Swanson und Mark Chilson (Hg.) 2005
Nanzan Guide to Japanese Religions. Honolulu: University of Hawaii Press 2005.

Ein anderer Ansatz ist, eine Auswahl re­präsen­tativer Primärtexte in übersetzter und aus­führ­lich kom­men­tier­ter Form zu­sam­men­zu­stel­len:

George Tanabe (Hg.) 1999
Religions of Japan in Practice. Princeton: Princeton University Press 1999.

Die meisten Mo­no­gra­phi­en, die eine Ein­füh­rung versuchen, sind bereits etwas an­ge­staubt, bieten aber immerhin einen um­fassen­den Überblick:

Matthias Eder 1978
Geschichte der japanischen Religion: (Band 1: Die alte Landesreligion, Band 2: Japan mit und unter dem Buddhismus). Nagoya: Eigenverlag 1978.
Joseph Kitagawa 1966
Religion in Japanese History. New York: Columbia University Press 1966.

Zur Problematik statistischer Angaben:

Michael K. Roemer 2012
„Japanese Survey Data on Religious Attitudes, Beliefs, and Practices in the Twenty-First Century.“ In: Inken Prohl, John Nelson (Hg.), Handbook of Contemporary Japanese Religions. Leiden: Brill 2012, S. 23–58.

Bilder

Quellen und Erläuterungen zu den Bildern auf dieser Seite:

  1. ^ 
    Nikko karamon.jpg
    Schreindächer (Bild: Ron Reznick, 2004). Detail der Dachkonstruktionen des Tōshō-gū Schreins, Nikkō. Im Vordergrund steht das „chinesische Tor“. Das Dach dahinter gehört zur Haupthalle. In diesem Architekturstil aus der frühen Edo-Zeit gibt es zwischen buddhistischen Tempeln und shintōistischen Schreinen kaum einen erkennbaren Unterschied.
  1. ^ 
    Tenri.jpg
    Gottesdienst der Tenri-kyō (Bild: Tenrikyo Kyunsang Church, über Internet Archive). Anhänger der Tenri-kyō bei einer Messe im Haupttempel.

Glossar

Namen und Fachbegriffe auf dieser Seite:

  • Ainu アイヌ ^
    indigenes Volk Japans dessen historischer Siedlungsraum den Norden Japans und teile Russlands mit einschließt. Untersuchungen legen nahe, dass es sich bei den Ainu um Nachfahren der prähistorischen Jōmon-Kultur handelt. Ihre Sprache und Religion werden heute kaum noch praktiziert.
  • bukkyō 仏教 ^
    Lehre des Buddha, Buddhismus
  • butsudan 仏壇 ^
    buddh. Hausaltar
  • Dōkyō 道教 ^
    Daoismus, wtl. Lehre des Weges, chin. Daojiao; philosophisch-rel. Strömung Chinas; s.a.
  • jinja 神社 ^
    Shintō-Schrein; rel. Gebäude für einheimische Gottheiten (kami)
  • jukyō 儒教 ^
    Konfuzianismus, Lehre des Konfuzius (Kongzi oder Kong Fuzi); wtl. Lehre der Gelehrten
  • kamidana 神棚 ^
    shintōistischer Hausaltar
  • kannushi 神主 ^
    Shintō- bzw. kami-Priester; wtl. „Meister der Götter“
  • Okinawa 沖縄 ^
    südlichste Präfektur Japans; umfasst eine Inselkette, die bis Mitte des 19. Jh.s ein eigenes Königreich, Ryūkyū, darstellte; noch heute sind deutliche sprachliche und kulturelle Unterschiede zur japanischen Mehrheitskultur feststellbar
  • shinshūkyō 新宗教 ^
    Neue Religion oder Neureligion (seit Beginn der Moderne)
  • Shintō 神道 ^
    Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kami
  • tera ^
    buddhistischer Tempel; das Wort leitet sich von einem koreanischen Begriff her, der ehemals in etwa tyər ausgesprochen wurde
  • Yin Yang (chin.) 陰陽 ^
    Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophie