Ame no Uzume, die Ahnherrin von Ritus, Tanz und Theater

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Ame no Uzume, die Ahnherrin von Ritus, Tanz und Theater

Ame no UzumeAme no Uzume 天鈿女/天宇受賣 mythologische Gottheit, Ahnherrin des Theaters SchreinpriesterSchreinanlage IseGluecksgoetterGoetter der ErdeGoetter des Himmels... mehr tritt in den Mythen in zwei ent­schei­den­den Episo­den auf: Im Mythos von Amaterasu in der Felsen­höhle, wo sie die Sonnen­gottheit durch ihren Tanz aus der Höhle hervor­lockt, und im Mythos von der Her­ab­kunft des Himm­li­schen Enkels. In beiden Fällen ent­blößt sie sich und bewirkt dadurch einen Sinnes­wandel ihres Gegen­übers.

Ame no Uzume.
Buchillustration, kami von Katsushika Hokusai. 1816; aus Hokusai manga, Bd. 5
Bildquelle: visipix (bearbeitet). (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Darstellung der Ame no Uzume

. 1 Hokusai, 1816
Ame no Uzume.
Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Taki Katei (1832–1901), Detail. Bakumatsu Zeit, 1859
Bildquelle: Library of Congress. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Ame no Uzume in der Kleidung einer Schreindienerin (miko), mit Schellen und Zickzack-Papier. Sie trägt die Züge der dicklichen und vergnügten Glücksgöttin Otafuku.

. 2 Taki Katei, 1866
Typische Darstellungen der Ame no Uzume

Uzumes Ent­blößun­gen sind allerdings kein schnöder Strip­tease, sondern tragen gewisse rituelle Züge. Gleich­zeitig wird ihr Tanz vor der Felsen­höhle auch als Ur­szene des japa­nischen Theaters an­gesehen. Die Gestalt der Uzume macht somit deut­lich, dass Tanz, Theater und Ritus in alter Zeit wohl nicht von ein­ander zu trennen waren, und verrät zudem, dass Spaß und Erotik im alten Ritual­wesen durchaus ihren Platz hatten.

Die mythologische Gestalt der Uzume

Ame no Uzume.
Hängerollbild, kami (Papierdruck), Detail. Meiji-Zeit; Völkerkundemuseum Zürich (Inv.-Nr. 19401); 105,5 x 25 cm
Bild © Tomoe Steineck, Martina Wernsdörfer, Raji Steineck, WegZeichen: Japanische Kult- und Pilgerbilder. Die Sammlung Wilfried Spinner (1854–1918). Zürich: VMZ (Ausstellungskatalog), Abb. 68.

Die auf einem Zuber tanzende Ame no Uzume in einer an den klassischen Mythen orientierten Darstellung.

. 3 Ame no Uzume, Meiji-Zeit

Uzumes bekann­teste mytholo­gische Episode handelt von ihrem Tanz vor der Felsen­höhle, in die sich die Sonnen­gottheit AmaterasuAmaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechts KamidanaItsukushimaIse IzumoIzumo SchreinSchreinanlage Ise... mehr zurück gezogen hat. Während das Nihon shokiNihon shoki 日本書紀 Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) ItsukushimaIse IzumoIzumo SchreinToriiBishamon-ten... mehr Uzumes Tanz lediglich als heiter und aus­gelassen schildert, spezifiziert das KojikiKojiki 古事記 „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712) ItsukushimaIse IzumoIzumo SchreinToriiOkuninushi... mehr, dass Uzume dabei ihre Brüste entblößt, was die versam­melten Götter zu lautem Lachen reizt. In beiden Mythen­varianten erregt Uzume auf diese Weise die Neugier der Sonnen­gottheit, die daraufhin ihre freiwillige Isolation beendet und die Welt wieder in ihrem Licht er­strahlen lässt.

Während­dessen befestigte Amé-nó-uzume-nó-mikótó die Ranken vom himm­lischen Schatten­gewächs (hikage) des [Berges] Amé-no-kagu-yama als Ärmel­band, machte die himmlischen masaki-Ranken zum Haar­schmuck, nahm die Blätter des Kleinen Bambus vom [Berg] Amé-no-kagu-yama zu einem Strauß gebunden in die Hand, stellte neben der Tür des Himm­lischen Felsen­hauses einen Kübel auf, trat dröhnend darauf und vollzog eine göttliche Beses­senheit. Sie ließ die Brüste heraus­hängen und zog das Saum­band ihres Gewandes hinab bis zur Scheide. Da geriet das Hohe Himmels­gefilde in Aufruhr, und die acht Millionen Gott­heiten brachen alle vereint in Lachen aus.1

Man kann sich diese tanzende Uzume also am ehesten als eine wilde, mit Beses­sen­heits­kulten in Verbin­dung stehende Shamanin vor­stellen, die sich aus Ranken, Gräsern und Baum­zweigen Arm- und Kopf­schmuck fertigt. Laut dem Nihon shoki hält sie außer­dem einen Speer in der Hand. So angetan steigt sie auf einen um­ge­stürzten Zuber, der als Reso­nanz­boden ihres stamp­fenden Tanzes dient, und verfällt in einen eksta­tischen Trance-Zustand.2

In der zweiten Episode gehört Uzume zum Ge­folge des „Himmli­schen Enkel­sohns“ NinigiNinigi 瓊瓊杵 mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasus ItsukushimaSchreinanlage IseOkuninushiShinto-GoetterGoetter der Erde... mehr, der die Herr­schaft auf der Erde an­treten soll. Im Zuge seines Ab­stiegs zur Erde stellt sich ihm und seinen Begleitern eine unheim­liche Gott­heit namens SarutahikoSarutahiko 猿田彦 Mythologische Gottheit in tengu-ähnlicher Gestalt Schreinanlage IseGoetter der ErdeSymboltiereTengu... mehr (wtl. „Prinz des Affenfelds“) in den Weg. Saruta­hiko besitzt eine „sieben-Hand-lange“ Nase, ist zudem von un­ge­wöhn­lich hohem Wuchs und emittiert Licht­strahlen aus Mund und After. Die himm­lischen Götter wissen nicht, ob er feind­lich oder freund­lich ge­son­nen ist. Ame no Uzume ergreift die Ini­tiative, um die Sache zu klären, und ent­blößt vor dem selt­samen Gott ein weiteres Mal ihre Brüste, wobei sie in ver­ächt­liches Lachen ausbricht. Saruta­hiko erklärt darauf­hin, dass er gekommen sei, um dem Himmli­schen Enkel den Weg zu weisen. Ob dies sein ur­sprüng­liches Vor­haben war, oder ob Uzume ihn durch ihr Ver­halten dazu brachte, bleibt offen. Auffallend ist jedoch, dass sich Uzume in beiden Szenen einer Art Strip­tease bedient, um andere Gott­heiten zu mani­pulieren.

Ame no Uzume und Sarutahiko.
Illustration, kami. Späte Edo-Zeit; aus Nakatomi ōbarai ezu
Bild © Suzuka bunko, Ehime University. (Letzter Zugriff: 2009/1).

Darstellung von Ame no Uzume und Sarutahiko. Für ein sehr ähnliches Motiv von Kuniyoshi siehe hier.

. 4 Buchillustration aus Nakatomi ōbarai ezu, späte Edo-Zeit
Ame no Uzume und Sarutahiko
Ame no Uzume und Sarutahiko.
Farbholzschnitt, kami (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi. Späte Edo-Zeit, 1856; aus der Serie Fūryū ningyō no uchi („Moderne Puppenfiguren“); 2 mal 25 x 36 cm
Bild © The Oriental Library, Tōhō bunko. (Letzter Zugriff: 2013/5).

Begegnung von Ame no Uzume und Sarutahiko. Im Hintergrund das Urgötterpaar Izanagi und Izanami. Die für Kuniyoshi untypisch naive, fast plumpe Darstellung könnte dem Umstand geschuldet sein, dass hier für eine Ausstellung lebensechter Puppen geworben wird, die 1855–56 in Edo stattfand. Kuniyoshi scheint sich an das Erscheinungsbild der Götter in der Ausstellung gehalten zu haben.

. 5 Werbeplakat für eine Puppenausstellung, 1856
Ame no Uzume und Sarutahiko

Uzume und Saruta­hiko werden schluss­endlich ein Paar und Uzume übernimmt von ihm den Namens­teil „Affe“ (sarusaru Affe; gehört auch zu den zwölf Tierkreiszeichen (jūni shi) (verwendet in dem Fall das Kanji 申) SymboltiereDrei AffenJunishi). Sie wird nun als Sarumesarume 猿女 Priestertänzerin; wtl. „Affenfrau“ Symboltiere no kimi — wtl. „Herrin der Affen­frauen“ tituliert. Affe ist dabei nicht als Schimpf­wort zu ver­stehen, sondern steht meta­phorisch für Schau­spieler, wie sich auch in einem alten Namen des Nō-Theaters andeutet: sarugakusarugaku 猿楽 Alte Bezeichnung für Nō-Theater; wtl. „Affenmusik“ Symboltiere, wtl. „Affenmusik“. Die „Affen­frauen“ wiederum waren Priester-Tänze­rinnen des frühen Tennō-Hofes, die in Ame no Uzume ihre Ahn­herrin erblickten. Uzumes Hand­lungen, ihr eroti­scher Tanz vor der Felsen­höhle und ihr provo­kantes Techtel­mechtel mit Saruta­hiko, stehen also mit dem Ritual­wesen bei Hof in enger Bezie­hung und dienen als Grün­dungs­mythen für bestimmte, regel­mäßig praktizierte Zere­monien. Laut dem Kogo shūiKogo shūi 古語拾遺 Chronik Japans (807) (verfasst 807) leitet sich insbe­sondere der „Ritus zur Besänf­ti­gung der Geister“ (chinkonsaichinkonsai 鎮魂祭 Zeremonie zur Beruhigung der Totengeister Geister) auf den Tanz der Ame no Uzume zurück. Damit wird indirekt klar, dass die von Uzume adres­sierten Gott­heiten, Amaterasu und Sarutahiko, in einem ent­rückten, übel­wollen­den Zustand waren, der mitunter auch als aramitamaaramitama 荒魂 wtl. rauer (wilder) Geist; gewalttätige Natur einer Gottheit (im Ggs. zu nigimitama, milder Geist) Trickster, als wilder, bösartiger Seelen­zu­stand bezeichnet wird. Uzumes Aufgabe bestand also darin, die jewei­ligen Gott­heiten durch thea­tra­lische Mittel in einen milden Seelen­zustand (nigimitamanigimitama 和魂 wtl. milder Geist; wohltätige Natur einer Gottheit (im Ggs. zu aramitama, rauer Geist) ) zu ver­setzen.

Uzume in kagura und ukiyoe

Die kami locken die Gottheit des Lichts mit Musik aus der Höhle.
Farbholzschnitt, kami (Papier, Farbe) von Utagawa Hiroshige (1797–1858). Um 1850; aus der Serie Honchō nenreki zue (Illustrierte Chronologie Japans); 22,2 x 34,7 cm
Bild © British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Im Vordergrund Tajikara, der die Aufgabe hat, einen Felsen vom Eingang der Höhle zu entfernen, damit die Sonnengottheit — hier durch Strahlen angedeutet — wieder herauskommen kann. Dahinter einige Musiker und Ame no Uzume bei ihrem Tanz, begleitet von Sarutahiko.

. 6 Uzume und Sarutahiko vor der Felsenhöhle

Die heute gängige ikono­graphische Form der Uzume lässt sich bereits in den ukiyo-eukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeit PhalluskultePilgerschaftAsakusaArhatsHorrorklassiker... mehr der Edo-Zeit gut erkennen, hat jedoch mit der provo­kanten Shamanin der Mythen auf den ersten Blick nur wenig zu tun. Sie zeigt die Göttin im Gewand einer modernen Schrein­dienerin (mikomiko 巫女 Miko, kami-Priesterin, Schreindienerin; auch: weibliche Shamanin; andere Schreibungen 神子 (Gott-Kind) oder 御子 (erhabenes Kind) SchreinpriesterItakoEbisu). Auch die Gegen­stände, die sie in den Händen hält, sind meist dem neu­zeit­lichen Schrein­ritual ent­nommen. Diese Charakte­ristika stammen aller Wahr­scheinlich­keit nach aus den soge­nannten kagurakagura 神楽 rituelle Tänze und Gesänge SchreinpriesterRegenmachen-Tänzen. Dies sind rituelle Tänze, die zumeist in Shintō-Schreinen auf­geführt werden. Während die frühesten bekannten Formen keine drama­tische Handlung besaßen, haben sich seit der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit kagura in Form von drama­tisierten mytholo­gischen Themen mehr und mehr verbreitet. Die Hervor­lockung der Sonnen­gottheit stellt dabei — neben dem Kampf Susanoos mit der acht­köpfigen Schlange Yamata no OrochiYamata no Orochi 八岐大蛇 Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfen; wtl. „achtfach gegabelte Schlange“; wird von Susanoo besiegt RegenmachenGoetter der ErdeTricksterImaginaere Tiere... mehr — eines der popu­lärsten Sujets dar. Selt­samer­weise tritt in den kagura neben Uzume stets auch Sarutahiko auf, das Tanz­theater verschmilzt also die beiden mytholo­gischen Episoden vom Tanz vor der Felsen­höhle und dem Abstieg des Himm­lischen Enkels. Auch auf den ent­sprechen­den ukiyo-e ist zumeist Saruta­hiko neben Uzume vor der Felsen­höhle zu erkennen.

Ame no Uzume in Gestalt eines Kabuki-Schauspielers.
Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Utagawa Toyokuni (1769–1825), Detail; aus der Serie Iwato kagura no hajimari („Ursprung des kagura-Tanzes des Felsenhöhle“)
Bild © Kichō shogazō database, National Diet Library. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Ame no Uzume (rechts) mit anderen Göttern, die Amaterasu aus der Höhle locken wollen. Die Figuren tragen die Züge von Kabuki-Schauspielern, sind also relativ nahe an einer tatsächlichen Aufführung der Szene. Teil eines Tryptichons.

. 7 Kabuki-Schauspieler als Uzume
Ame no Uzume.
.

Ame no Uzume, dargestellt von einem kagura-Tänzer.

. 8 Uzume in einem kagura

Otafuku, Okame, Oto Goze: Uzume als Glücksgöttin

Die erotische Rolle, die Uzume in den Mythen inne hat, kommt in späteren Illu­stra­tionen zwar allent­halben zum Aus­druck, doch ist Uzume alles andere als ein Vamp oder eine femme fatale. Stattdessen wurde ihre Gestalt ironisiert und erhielt das Aussehen einer komischen, bisweilen auch dezidiert hässlichen weiblichen Gestalt. Angeblich soll auch ihr Name auf diese Häss­lichkeit hin­deuten (wobei die Ety­molo­gie allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben ist): Aston (1896) übersetzt Uzume mit „terrible female“, Florenz (1919) mit „ab­schrecken­des Weib“.3 Jedenfalls wurde Uzume in einer wenig attrak­tiven, aber komischen Gestalt schließlich sogar zu einer Glücks­göttin, wobei gerade ihr hässliches Aussehen dem Vertreiben von Unglück förderlich sein soll.

Oto-goze.
Kyōgen-Maske, fukujin (Holz, Farbe). Muromachi-Zeit, 15./16. Jh.; Museum Folkswang, Essen; 18,5 x 15,5 x 8 cm
Bild © Hans Hansen, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/9/19).

Oto-goze, auch Okame oder Otafuku, eine komödiantische Figur des kyōgen-Theaters. Sie wird auch als Erscheinung der Ame no Uzume, der Ahnherrin des japanischen Theaters, angesehen.

. 9 Maske der Oto-goze, 15./16. Jh.
Dämon und Glück (otafuku).
Illustration, fukujin (Papier, Tusche, Farbe) von Shibata Zeshin (1807–1891)
Bild © Hatena Fotolife, Etsuko and Joe Price Collection. (Letzter Zugriff: 2011/7).

Illustration des volkstümlichen Brauches, die oni zum setsubun-Fest mit Bohnen aus dem Haus zu treiben um das Glück einzuladen. Das Glück ist hier in Form der Göttin Otafuku dargestellt.

. 10 Otafuku, 19. Jh.
Ame no Uzume.
Gipsrelief, kami (Gips, Farbe) von Irie Chōhachi (1815–1889), Detail. Meiji Zeit, 19. Jh.
Bild © Master plasterer Izu-no-Chohachi. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Ame no Uzume mit entblößten Brüsten, hier unter dem Namen Okame.

. 11 Uzume von Irie Chōhachi (1815–1889)
Daikoku, Otafuku und Jurōjin.
Illustration, kami von Kawanabe Kyōsai. 1889
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Im Vordergrund Daikoku auf einem Ochsen, geführt von Otafuku (Ame no Uzume). Im Hintergrund Jurōjin, der sich mit seinem Reittier abmüht. Das Bild wurde laut Inschrift am zweiten Neujahrstag angefertigt. Die Glücksgötter waren und sind ein beliebtes Neujahrsmotiv. Auch die Kombination mit einem Ochsen als Reittier ist nicht ungewöhnlich. Interessant ist vor allem, dass als weibliche Begleiterin Daikokus nicht Benzaiten in Erscheinung tritt, sondern die komödiantische Otafuku.

. 12 Otafuku und Daikoku

Als volks­tümlich komö­dianti­sche Glücks­bringerin ist Uzume auch unter Namen wie OtafukuOtafuku お多福 komödiantische weibliche Glücksgottheit, wtl. „Großes Glück“; auch Oto-goze, Okame; andere Schreibungen 阿多福 oder OkameOkame おかめ/お亀 Volkstümliche Glücksgöttin, auch Otafuku; wird mit der mythologischen Göttin Ame no Uzume gleichgesetzt bekannt ist. Jedes Kind in Japan kennt Otafuku als dicke, kleine Frau mit birnen­förmi­gem Gesicht, einer hohen Stirn und kleinen lachen­den Augen. Diese äußer­lichen Merk­male lassen sich auf eine Figur des komö­dianti­schen kyōgenkyōgen 狂言 komödiantischer Zwischenakt im Nō-Theater Kitsune-Theaters namens Oto-gozeOto-goze 乙御前 Nonne Oto; komödiantische weibliche Maske des kyōgen-Theaters; Glücksgottheit zurück­führen. Diese eher derbe Gestalt gehört zur Kate­gorie der „häss­lichen Frauen“ (shikomeshikome 醜女 „hässliche Frau“; Figur des Nō-Theaters; Variante der Ama no Uzume; auch: Dämonin der Unterwelt (in der Izanami-Episode) Goetter des Himmels) im Kyōgen und stellt einen be­wussten Kontrast zur ätheri­schen Schön­heit der weib­lichen Nō-Masken dar.

Ob die Figur der Oto-goze von Anfang an mit Uzume identi­fiziert wurde, oder ob dies erst eine sekun­däre Entwick­lung darstellt, ist unklar. Jedenfalls ist die ent­spre­chende Maske seit der MuromachiMuromachi 室町 Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit) AmidismusKamakuraShinto MittelalterZenStereotype... mehr-Zeit bekannt und prägt nicht nur die bis heute popu­lären Otafuku-Darstel­lungen, sondern auch die Dar­stel­lungen der mytho­logi­schen Uzume. In dieser Form trat Ame no Uzume einst sogar als einzige Frau im Ensemble der Sieben Glücks­götter (Shichi FukujinShichi Fukujin 七福神 Die Sieben Glücksgötter Bishamon-tenBodhidharmaGluecksgoetterEbisuHotei... mehr) auf, wurde Anfang der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit aller­dings von BenzaitenBenzaiten 弁才天/弁財天 Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten Hadaka matsuriBekannte SchreineItsukushimaToriiBishamon-ten... mehr ver­drängt.4

Wie man an den Ab­bildun­gen des 19. Jahr­hunderts erkennt, haben manche Illustra­toren die an­geb­liche Häss­lich­keit der Uzume/ Otafuku sehr wört­lich genom­men, viel­leicht auch, um die ero­tische Kompo­nente der mytho­logi­schen Erzäh­lung ab­zuschwä­chen. Im Allge­meinen hat sich aber ein hu­moris­tischer, durchaus nicht un­attrak­tiver Er­schei­nungs­typ der Uzume durch­gesetzt, der bei­spiel­haft in Hokusais Dar­stellung am Anfang dieser Seite wieder­ge­geben ist (s.o.).

Ame no Uzume.
Kami von Ekin (1812–76)
Bildquelle: Muian.

Ame no Uzume in einer parodistischen Darstellung

. 13 Uzume von Ekin (1812–1876)
Ame no Uzume.
Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Totoya Hokkei (1780–1850). Edo-Zeit; aus der Serie Haru no iwato („Das Felsentor des Frühlings“), 1820er Jahre
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)
William Sturgis Bigelow Collection.

Ame no Uzume als Teil einer Serie von Göttern aus dem Mythos der Felsenhöhle; als Neujahrskarte konzipiert. Siehe auch Sarutahiko.

. 14 Uzume von Hokkei
Ame no Uzume no Mikoto.
Ölbild, kami (Leinwand, Ölfarbe) von Kosugi Hōan (1881–1964). 1951; Idemitsu Bijutsukan, Tokyo; 83,5 x 208,8 cm
Bild © Chiyoda Days. (Letzter Zugriff: 2013/7).

Ame no Uzume in einer modernen Interpretation. Amaterasu ist hier durch die Sonnenscheibe repräsentiert.

. 15 Moderne Version der Uzume (1951)

Verweise

Fußnoten

  1. Kojiki 1, Antoni 2012, S. 39–40. Für die Nihon shoki Variante s. Aston 1972 I, S. 44–45; Florenz 1919, S. 155–56.
  2. Während das Stampfen in der japanischen Tradition, namentlich im Nō, durchaus erhalten blieb, ist die Entblößung kein Element des klassi­schen japanischen Theaters. Im butoh (wtl. Stampftanz) des 20. Jahr­hunderts wurden beide Elemente aller­dings erneut mit einander verbunden.
  3. Beide Über­setzer beziehen sich dabei auf eine Erklärung des Namens Uzume im Kogo shūiKogo shūi 古語拾遺 Chronik Japans (807) (807), das einen Zusammen­hang mit ozoshi, „furchtbar“, herstellt. S. z.B. Florenz 1919, S. 421–22.
  4. Kita Sadakichi, „Shichifukujin no seiritsu“ (Die Entstehung der Sieben Glücksgötter) 1935, nach Miyata 1998, S. 304–305

Bilderläuterungen

  1. Uzume-hokusai.jpg
    Ame no Uzume.
    Buchillustration, kami von Katsushika Hokusai. 1816; aus Hokusai manga, Bd. 5
    Bildquelle: visipix (bearbeitet). (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Darstellung der Ame no Uzume

  2. Uzume Taki Katei.jpg
    Ame no Uzume.
    Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Taki Katei (1832–1901), Detail. Bakumatsu Zeit, 1859
    Bildquelle: Library of Congress. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Ame no Uzume in der Kleidung einer Schreindienerin (miko), mit Schellen und Zickzack-Papier. Sie trägt die Züge der dicklichen und vergnügten Glücksgöttin Otafuku.

  3. Uzume spinner.jpg
    Ame no Uzume.
    Hängerollbild, kami (Papierdruck), Detail. Meiji-Zeit; Völkerkundemuseum Zürich (Inv.-Nr. 19401); 105,5 x 25 cm
    Bild © Tomoe Steineck, Martina Wernsdörfer, Raji Steineck, WegZeichen: Japanische Kult- und Pilgerbilder. Die Sammlung Wilfried Spinner (1854–1918). Zürich: VMZ (Ausstellungskatalog), Abb. 68.

    Die auf einem Zuber tanzende Ame no Uzume in einer an den klassischen Mythen orientierten Darstellung.

  4. Uzume sarutahiko.jpg
    Ame no Uzume und Sarutahiko.
    Illustration, kami. Späte Edo-Zeit; aus Nakatomi ōbarai ezu
    Bild © Suzuka bunko, Ehime University. (Letzter Zugriff: 2009/1).

    Darstellung von Ame no Uzume und Sarutahiko. Für ein sehr ähnliches Motiv von Kuniyoshi siehe hier.

  5. Uzume Sarutahiko ningyo kuniyoshi.jpeg
    Ame no Uzume und Sarutahiko.
    Farbholzschnitt, kami (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi. Späte Edo-Zeit, 1856; aus der Serie Fūryū ningyō no uchi („Moderne Puppenfiguren“); 2 mal 25 x 36 cm
    Bild © The Oriental Library, Tōhō bunko. (Letzter Zugriff: 2013/5).

    Begegnung von Ame no Uzume und Sarutahiko. Im Hintergrund das Urgötterpaar Izanagi und Izanami. Die für Kuniyoshi untypisch naive, fast plumpe Darstellung könnte dem Umstand geschuldet sein, dass hier für eine Ausstellung lebensechter Puppen geworben wird, die 1855–56 in Edo stattfand. Kuniyoshi scheint sich an das Erscheinungsbild der Götter in der Ausstellung gehalten zu haben.

  6. Iwado hiroshige.jpg
    Die kami locken die Gottheit des Lichts mit Musik aus der Höhle.
    Farbholzschnitt, kami (Papier, Farbe) von Utagawa Hiroshige (1797–1858). Um 1850; aus der Serie Honchō nenreki zue (Illustrierte Chronologie Japans); 22,2 x 34,7 cm
    Bild © British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Im Vordergrund Tajikara, der die Aufgabe hat, einen Felsen vom Eingang der Höhle zu entfernen, damit die Sonnengottheit — hier durch Strahlen angedeutet — wieder herauskommen kann. Dahinter einige Musiker und Ame no Uzume bei ihrem Tanz, begleitet von Sarutahiko.

  7. Uzume toyokuni.jpg
    Ame no Uzume in Gestalt eines Kabuki-Schauspielers.
    Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Utagawa Toyokuni (1769–1825), Detail; aus der Serie Iwato kagura no hajimari („Ursprung des kagura-Tanzes des Felsenhöhle“)
    Bild © Kichō shogazō database, National Diet Library. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Ame no Uzume (rechts) mit anderen Göttern, die Amaterasu aus der Höhle locken wollen. Die Figuren tragen die Züge von Kabuki-Schauspielern, sind also relativ nahe an einer tatsächlichen Aufführung der Szene. Teil eines Tryptichons.

  8. Uzume kagura.jpg
    Ame no Uzume.
    .

    Ame no Uzume, dargestellt von einem kagura-Tänzer.

  9. Otogoze.jpg
    Oto-goze.
    Kyōgen-Maske, fukujin (Holz, Farbe). Muromachi-Zeit, 15./16. Jh.; Museum Folkswang, Essen; 18,5 x 15,5 x 8 cm
    Bild © Hans Hansen, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/9/19).

    Oto-goze, auch Okame oder Otafuku, eine komödiantische Figur des kyōgen-Theaters. Sie wird auch als Erscheinung der Ame no Uzume, der Ahnherrin des japanischen Theaters, angesehen.

  10. Oni shibata.jpg
    Dämon und Glück (otafuku).
    Illustration, fukujin (Papier, Tusche, Farbe) von Shibata Zeshin (1807–1891)
    Bild © Hatena Fotolife, Etsuko and Joe Price Collection. (Letzter Zugriff: 2011/7).

    Illustration des volkstümlichen Brauches, die oni zum setsubun-Fest mit Bohnen aus dem Haus zu treiben um das Glück einzuladen. Das Glück ist hier in Form der Göttin Otafuku dargestellt.

  11. Uzume Izu-no-Chohachi.jpg
    Ame no Uzume.
    Gipsrelief, kami (Gips, Farbe) von Irie Chōhachi (1815–1889), Detail. Meiji Zeit, 19. Jh.
    Bild © Master plasterer Izu-no-Chohachi. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Ame no Uzume mit entblößten Brüsten, hier unter dem Namen Okame.

  12. Daikoku Uzume.jpg
    Daikoku, Otafuku und Jurōjin.
    Illustration, kami von Kawanabe Kyōsai. 1889
    Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

    Im Vordergrund Daikoku auf einem Ochsen, geführt von Otafuku (Ame no Uzume). Im Hintergrund Jurōjin, der sich mit seinem Reittier abmüht. Das Bild wurde laut Inschrift am zweiten Neujahrstag angefertigt. Die Glücksgötter waren und sind ein beliebtes Neujahrsmotiv. Auch die Kombination mit einem Ochsen als Reittier ist nicht ungewöhnlich. Interessant ist vor allem, dass als weibliche Begleiterin Daikokus nicht Benzaiten in Erscheinung tritt, sondern die komödiantische Otafuku.

  13. Uzume ekin.jpg
    Ame no Uzume.
    Kami von Ekin (1812–76)
    Bildquelle: Muian.

    Ame no Uzume in einer parodistischen Darstellung

  14. Uzume hokkei.jpg
    Ame no Uzume.
    Farbholzschnitt, kami (Farbe, Papier) von Totoya Hokkei (1780–1850). Edo-Zeit; aus der Serie Haru no iwato („Das Felsentor des Frühlings“), 1820er Jahre
    Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)
    William Sturgis Bigelow Collection.

    Ame no Uzume als Teil einer Serie von Göttern aus dem Mythos der Felsenhöhle; als Neujahrskarte konzipiert. Siehe auch Sarutahiko.

  15. Uzume kosugi.jpg
    Ame no Uzume no Mikoto.
    Ölbild, kami (Leinwand, Ölfarbe) von Kosugi Hōan (1881–1964). 1951; Idemitsu Bijutsukan, Tokyo; 83,5 x 208,8 cm
    Bild © Chiyoda Days. (Letzter Zugriff: 2013/7).

    Ame no Uzume in einer modernen Interpretation. Amaterasu ist hier durch die Sonnenscheibe repräsentiert.

Links

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Sept. 2016

Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Ausgabe: London 1896.]
Karl Florenz (Ü.) 1919
Die historischen Quellen der Shinto-Religion. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1919. [Übersetzungen von Kojiki und Nihon shoki (in Auszügen) sowie Kogo shūi (ganz).]
Miyata Noboru 宮田登 (Hg.) 1998
Shichifukujin shinkō jiten 七福神信仰事典. Tokyo: Ebisu Kōshō Shuppan 1998.
Mythen/Goetter des Himmels (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie 
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„Ame no Uzume, die Ahnherrin von Ritus, Tanz und Theater.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 20.9.2018). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Goetter_des_Himmels/Uzume?oldid=71062