Höllen und Hungergeister

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Höllen und Hungergeister
Jigoku zōshi.
Querbildrolle (Seide, Farbe), Detail. Späte Heian-Zeit, 12. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Tokyo National Museums; 26,9 x 249,3 cm
Bild © e-museum. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Blutteich (chi no ike)

Höllenbilder

Höllen­bilder existierten in Japan wohl schon im frühen Buddhismus, konkret ausgestaltet wurden sie aber erst ab der späten HeianHeian 平安 alter Name Kyōtos, eig. Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) ShichigosanJahrMatsuriMoencheOpfergaben... mehr-Zeit. Sie ent­wickel­ten sich be­zeich­nen­der­weise Hand in Hand mit den Paradies­vor­stellungen des Reinen Landes. Der TendaiTendai-shū 天台宗 Tendai-Schule, chin. Tiantai YamabushiNikkoBekannte TempelBerg KoyaBishamon-ten... mehr-Mönch GenshinGenshin 源信 Tendai-Mönch (942–1017); auch bekannt als Eshin; Autor des Ōjō yōshū; Wegbereiter der Jōdo-shū Heian ZeitHoellenbilder (942–1017), ein Vor­rei­ter der Jōdo-shūJōdo-shū 浄土宗 Schule des Amida-Buddhismus JahrTempeltoreOpferAmidismusHeian Zeit... mehr, gilt als einer der wich­tig­sten Popu­lari­sie­rer dieser Jen­seits­bil­der, die ihrer­seits auf dem Schema der Sechs Bereiche der Wiedergeburt beruhen.

Diese Jenseits­darstellun­gen lassen wenig Zweifel, dass die meisten Ver­stor­be­nen, die nicht zur Er­leuch­tung fanden bzw. in AmidasAmida 阿弥陀 Buddha Amitabha; Hauptbuddha der Schulen des Reinen Landes (Jōdo-shū bzw. Jōdo Shinshū) JahrNikkoDaibutsu StatuenAmidismusAmidas Geluebde... mehr Reines Land erret­tet wurden, mit schreck­li­chen Tor­tu­ren zu rech­nen hat­ten. Oft werden sie schon wäh­rend der Befra­gung vor dem Ge­richts­hof EnmasEnma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochen Heian ZeitIkonographieJizoMyooWaechtergoetter... mehr ge­fol­tert, um schließ­lich in einer der Höllen zu landen, wo sie von ge­hörn­ten Dämo­nen auf jede er­denk­liche Weise gequält werden.

Höllenszenen.
Hängerollbild (Papier, Farbe). Späte Edo-Zeit, 19. Jh.; 152,5 x 67,3 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/18).

Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Verschiedene Bereiche der Hölle (jigoku), in denen tierartige Folterknechte die Seelen der Toten mit allen erdenklichen Foltern und Torturen drangsalieren.

Höllenszenen, Edo-Zeit
Szenen auf dem Gelände des „Angstbergs“.
Statuen, bosatsu (Stein); Osore-zan
Bild © yuezhi, flickr 2005. (Letzter Zugriff: 2005/10).

Ein Abbild der Unterwelt, wo vermummte Figuren von Jizō Bosatsu (skt. Kshitigarbha) zu unheimlichen Gespenstern zu werden scheinen.

Osore-zan

Ähnlich wie etwa auf den Bil­dern des Hiero­ny­mus Bosch gibt es auch im Buddhismus spe­zielle Höllen­be­reiche für spe­zielle Sünden. Für laster­hafte Männer gibt es einen Dor­nen­baum, auf dem eine schöne Frau sitzt (rech­tes unte­res Vier­tel). Wer zu ihr hin­auf­klet­tern will, wird auf den Dornen auf­ge­spießt. Da­run­ter be­fin­det sich der Blut­see (chi no ikechi no ike 血の池 Blutsee Hoellenbilder), in dem Frauen herum trei­ben. Diese Strafe steht expli­zit mit der durch Menstrua­tion ver­ur­sach­ten „Verun­rei­ni­gung“ in Zu­sam­men­hang. Andere Sünder werden zwischen Felsen zer­malmt, mit glü­hen­den Zangen trak­tiert, von wilden Tieren und Monstern an­ge­fal­len und in großen Kes­seln gegart. (Siehe dazu auch Osore-zan, der „Angstberg“.)

O-bon und die Hungergeister

Bildrolle der Hungergeister (Gaki zōshi).
Querbildrolle, gaki (Papier, Farbe), Detail. 12.–13. Jh.; „Nationalschatz“; 26,9 x 380,2 cm
Bild © Tōkyō National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/19).

Die Hungergeister (gaki) warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft verrichtet haben, um sich selbst daran zu laben.

Hungergeister

Gebete und Rituale können dazu beitragen, Verstorbene von den Höllenqua­len zu befreien. In der Tat wurde und wird ein be­deu­ten­der Teil buddhis­tischer Zeremo­nien zu diesem Zweck ab­ge­hal­ten. Bei­spiel­haft ist die Geschichte des Mönchs MokurenMokuren 目連 Schüler des Buddha; skt. Maudgalyayana; errettet seine Mutter aus der Hölle HeiligeBuddhas LebenHungergeisterJenseits, (skt. MaudgalyayanaMaudgalyāyana मौद्गल्यायन 2. Schüler des Buddha; mit übersinnlichen Fähigkeiten begabt, war es ihm möglich, die Unterwelt zu besuchen; in ostasiatischen Versionen seiner Legende errettet er dort seine Mutter, jap. Mokuren 目連 StupaBuddhas Leben), ein Schü­ler des BuddhaBuddha बुद्ध „Der Erleuchtete“, jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀 AlltagAhnenkultFriedhofGorintoShikoku... mehr, der durch seine Exer­zi­tien und Ge­bete die Ret­tung seiner Mutter aus der Hölle er­wirkte. Später wurde die Legende der­ge­stalt aus­ge­baut, dass Moku­ren per­sön­lich auf der Suche nach seiner Mutter die Hölle durch­querte.

Diese Legende bildet den Ursprung des Bon Fests, das heute zu Ehren der Ahnen mitte August ge­feiert wird. Bon ist die Abkür­zung von UrabonUrabon 盂蘭盆 Ursprünglicher Name des →Bon-Fests Hungergeister, ab­ge­lei­tet von skt. ullambanaullambana उल्लम्बन „Herab hängend“, Name eines (apokryphen) Sutras, jap. urabon 盂蘭盆 , was „herab hän­gen“ bedeu­tet. Dieser Begriff soll auf die Tor­tu­ren der Hölle bezo­gen sein. Seinem ur­sprüng­li­chen Sinn nach ist O-bon also eine re­ligiöse Zere­monie, um die Ahnen von den Qualen der Hölle, bzw. aus einem der niede­ren Be­reiche der Wieder­ge­burt zu befreien.

Gaki.gif

In China und Taiwan, wo das Urabon (Chin. yulanpen) Fest ursprünglich entstand, ist es auch als Fest der Hungri­gen Geis­ter be­kannt (nach einer Version wurde Mokurens Mutter näm­lich zu einem Hunger­geist). Auch in Japan brachte man in frühe­rer Zeit zum Bon-Fest Nah­rungs­opfer für die Hun­ger­geis­ter (gakigaki 餓鬼 Hungergeist; skt. preta HungergeisterJenseitsNamazu-e) dar. Die Vor­stel­lung der Hun­ger­geis­ter wurde offen­bar zu­sam­men mit der Hölle Ende der Heian-Zeit popu­lär. Illus­trierte Bild­rol­len (Gaki zōshiGaki zōshi 餓鬼草紙 Illustrierte Querbildrollen der Hungergeister HoellenbilderHungergeister) erläu­tern, was man sich unter Hun­ger­geis­tern vor­zu­stel­len hat. Diese spin­del­dür­ren Wesen mit den auf­ge­quol­le­nen Bäu­chen sind zugleich Mit­leid und Ekel erre­gend. Sie ernäh­ren sich von Kot, Urin und Lei­chen­teilen, sind aber bestän­dig hungrig und durs­tig, und werden außerdem von ande­ren Geis­tern drang­sa­liert. Sie ver­kör­pern die Exis­tenz­form, in die man hin­ein­gebo­ren wird, wenn man gierig war. Dass man gerade diesen Geistern ein be­son­de­res Fest be­rei­tete, hängt viel­leicht damit zu­sam­men, dass Gier eine so uni­ver­selle mensch­liche Eigen­schaft ist. Dem­nach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hun­ger­geist wie­der­gebo­ren wird. Ande­rer­seits wirken die Dar­stel­lun­gen der gaki so, als würden diese die Un­rein­heit per­soni­fi­zieren. In den Zere­mo­nien für das See­len­heil der gaki könnte also auch das Motiv mit­schwin­gen, sich selbst von Unrein­heit zu befreien, indem man die gaki zum Ver­schwin­den bringt.

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„Höllen und Hungergeister.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 9.2.2019). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Hoellen?oldid=72429