König Enma, Richter und Wächter der Toten

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Bernhard Scheid, „König Enma, Richter und Wächter der Toten.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 20.9.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Jenseits/Enma?oldid=67188

Enma Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch→ Ikonographie→ Ikonographie/Jizo→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Jenseits → mehr , der Beherrscher des buddhis­tischen Toten­reichs, kann in der klas­sischen bud­dhistischen Ikono­graphie Japans unter­schied­liche Erschei­nungen anneh­men. Gele­gent­lich sieht man ihn, auf einem Büffel reitend, als eine Art Wächter­gott. Wesent­lich bekannter ist er jedoch als strenger Richter der Unter­welt. Beide Er­schei­nungs­formen lassen sich auf die indischen Ursprungs­mythen dieser Gestalt zurück­führen.

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Enma-ten und Gefolge

Tafelbild, tenbu (Holz, Farbe), Detail. Kamakura-Zeit, 13.–14. Jh.
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7, entzerrt)

König Enma auf einem Büffel. Mandala-artige Komposition, die Enmas Funktionen als Richter der Unterwelt und als Wächter des Dharma vereint. Das Bild befindet sich auf der Rückwand eines Miniaturaltars (zushi), in dem eigentlich eine Statue des Aizen Myōō im Zentrum steht.

. 1 Enma mit Gefolge auf einem Büffel

Die obige Abbildung zeigt König Enma und einige Figuren aus seinem Gefolge. Die Darstel­lung aus der Kamakura Kamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shōgunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit)siehe auch Kamakura → Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Jizo → mehr -Zeit vereint seine Rolle als Wächter­gott — erkennbar vor allem an der wehr­haften Rüstung — mit seiner Richter­funktion, die vor allem in den Figuren im Vorder­grund vergegen­ständlicht ist. Es handelt sich um gericht­liche Beamte, die An­klage­schriften verlesen, Protokolle auf­zeichnen und Ange­klagte (Totenseelen) vor- und abführen. Aber auch der Stab, den Enma in der Hand hält, gehört zu seinen Uten­silien als Richter. Die Heraus­bildung der Figur des Enma ist ziem­lich komplex und offen­bart einen typischen Mix aus indischen und chinesi­schen Elemen­ten, die im Folgen­den einge­hen­der be­spro­chen werden sollen.

Yama in Indien und Tibet

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. 2Yama als Totengott

Yama und Savitri

Lithographischer Farbdruck (Papier, Farbe) von B. G. Sharman. Bombay, Indien, spätes 19. Jh.
Bild © Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde, Universität Wien. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)
Sammlung Dr. Erich Allinger

Yama in moderner hinduistischer Erscheinung: Die liebende Gattin Sāvitrī ist Yama in die Unterwelt gefolgt und quält ihn so lange mit Bitten, ihrem verstorbenen Mann (im Vordergrund und als Geistseele abgebildet) wieder das Leben zu schenken, bis der Gott des Todes schließlich nachgibt. Episode aus dem indischen Mahābhārata.

Der Name Enma leitet sich von der indischen Gottheit Yama यमराज Yama (skt., m.) Gottheit der Unterwelt und des Todes; jap. Enma 閻魔siehe auch →  Waechtergoetter → Ikonographie/Myoo→ Mythen/Jenseits→ Geschichte/Heian Zeit→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten her. Yama gilt in Indien auch außer­halb des Buddhis­mus als Gott­heit der Hölle bzw. der Toten­welt, vergleichbar mit dem Unterwelt­gott Hades bzw. Pluto in der euro­päischen Antike. In den Veden, den ältesten indischen Schriften, tritt Yama jedoch zunächst als Entdecker einer Art von Paradies in Erscheinung. Er ist zwar sterblich, doch sein Tod führt ihn in eine bessere Welt. Erst später wird er zu einer Art König in einem Palast, der mehr und mehr den Charakter eines Straflagers annimmt. Schon in dieser indischen Urform erscheint Yama zumeist als Reiter auf einem Büffel oder als Figur mit Büffel­kopf.

Der Buddhismus hat Yama schon in frühester Zeit als Herrscher der Unterwelt in das buddhis­tische Pantheon inte­griert. Dabei scheint er sich vor allem als Ver­gelter böser Taten bewährt zu haben. Nach und nach festigten sich Erklärungs­muster, die ihn quasi zum notwendigen Übel des buddhis­tischen Dharma धर्म Dharma (skt., m.) Gesetz (des Universums), Lehre (des Buddha); jap. Hō 法siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Shaka→ Ikonographie/Myoo → mehr werden lassen. Er wird zur Personifi­kation des unerbittlichen Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Tempel→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie → mehr -Gesetzes und erhält bisweilen sogar den Namen Dharma. In einer Tradition, die sich vor allem im tibe­tischen Bud­dhis­mus durch­gesetzt hat, tritt Yama in Gestalt eines Büffel­dämonen auf, der nichts anderes als der personi­fizierte Tod ist. Dieser Büffel­dämon erhält in Manjushri मञ्जुश्री Mañjuśrī (skt., m.) Bodhisattva der Weisheit; jap. Monju 文殊siehe auch →  Vajrapani → Texte/Himmelskunde/Astrologie→ Sandkiste2 , dem Bodhisattva बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Ikonographie/Kannon→ Bauten/Bekannte Schreine → mehr der Weisheit, einen Gegen­spieler, der ihn unter­wirft. Zu diesem Zweck ver­wan­delt sich Manjushri in Yamantaka यमान्तक Yamāntaka (skt., m.) „Bezwinger des Todes (Yama)“, einer der Fünf Großen Myōō; jap. Daiitoku Myōō 大威徳明王siehe auch →  Myoo , den „Bezwinger des Yama“, der eine noch schreck­lichere Büffel­gestalt als Yama selbst hat und in manchen tantris­tischen Traditionen als die macht­vollste aller kriege­rischen Gott­heiten gilt.1 Charak­teris­tischer­weise ver­mischen sich die Gestalten des Bezwingers (Yamantaka) und des zu Bezwin­genden (Yama) zu einer einheit­lichen Figur, die bis auf den Rinder­kopf ganz den üblichen tantristischen तन्त्र tantra (skt., n.) „Gewebe“, Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt)siehe auch →  Buddhismus → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Myoo/Fudo → mehr Wächter­gott­heiten entspricht, mit all ihren schreck­lichen Para­phernalien wie Ketten aus geköpf­ten Häuptern, Toten­schädeln im lodernden Haar, einer nackte Gespielin, die ihnen Blut zu trinken reicht, etc., etc. ...

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Yama Dharmaraja

Tibet, 19. Jh.
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Darstellung des Yama

. 3 Yama Dharmaraja, Tibet, 19. Jh.

Eines der interes­santesten ikono­graphischen Motive des tantris­tischen Yama wird als „Äußerer Yama, der Dharma­könig“ bezeichnet (Abb. oben). Es zeigt einen ochsen­köpfigen Dämon, der seinen Sieges­tanz auf einem Büffel vollführt, welcher seiner­seits eine mensch­liche Gestalt ver­ge­waltigt. Ohne alle möglichen Inter­pre­ta­tionen dieses Motivs zu kennen, gehe ich davon aus, dass der mittlere Büffel den Tod verkörpert, der den Menschen in seiner Gewalt hat, während der Büffel­köpfige den Sieg über diesen Tod darstellt. Das Motiv soll übri­gens einer Traum­vision des tibetischen Mönchs Tsongkhapa, 1347–1419, ent­wachsen sein.2 Der Büffel­dämon diente tantris­tischen Yogis als Identi­fikations­figur, um sich auf die Begegnung mit dem Tod vorzu­bereiten.

Enmas Gerichtshof

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Gerichtshof des Enma

Hängerollbild, tenbu (Papier, Farbe). Späte Edo-Zeit, 19. Jh.; 152,6 x 67 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Zu Enmas Füßen sieht man einen Angeklagten (also einen Verstorbenen), dem in einem Spiegel seine Sünden (hier der Mord an einem Mönch) vorgeführt wird. Die Höllenknechte warten schon begierig, ihn abzuführen.

. 4 Enma, Japan, Edo-Zeit
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. 5 Yanlou, China, 13. Jh.

Der fünfte Richter, König Yanlou

Hängerollbild, tenbu (Seide) von Lu Xinzhong. China, 13. Jh.; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige); „Nationalschatz“; 83,2 x 47 cm
Bild © e-museum, Nara National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Enma in einer chinesischen Abbildung aus dem 13. Jh. aus einer Serie, die alle Zehn Könige darstellt. Im Vordergrund der verräterische Spiegel, davor ein Angeklagter. Außerdem ein rinderköpfiger Höllenknecht und andere Schergen von Enmas Gericht.

Im ostasia­tischen Buddhismus hat sich eine etwas andere Narration durchgesetzt: Yama ist hier kein impul­siver Dämon, sondern ein strenger Bürokrat, der als not­wendiges Übel, als Personi­fikation des uner­bitt­lichen Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Tempel→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie → mehr s angesehen werden kann. Obwohl als „König“ tituliert, entspricht seine Funktion der eines Richters, der darüber zu entschei­den hat, in welchen der sechs Lebens­bereiche (rokudō rokudō 六道 wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburtsiehe auch Jenseits → Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Mythen/Hoellen/Hungergeister→ Geschichte/Heian Zeit→ Mythen/Jenseits/Totenreich ) eine Toten­seele wieder­ge­boren zu werden hat. König Yan oder Yanlou Yanlou (chin.) 閻羅 abgeleitet von skt. Yama Raja, König Yama; jap. Enra oder Enma; König oder Richter der Unterweltsiehe auch→ Geschichte/Heian Zeit , wie er auf chinesisch heißt, bekommt in China ein komplexes Gefolge, das chinesi­schen Gerichts­höfen nach­emp­funden ist. Er wird von neun weiteren Königen/Richtern assistiert bzw. mit diesen zusam­men in das Ensemble der „Zehn Könige“ (Jūō Jūō 十王 Die Zehn Könige oder Richter der Totenweltsiehe auch 10 Koenige → Alltag/Totenriten→ Mythen/Jenseits/Totenreich ) der Unter­welt integriert. Dass die Toten­welt als solche in China mit einem Gerichts­hof assoziiert wird, passt im übrigen gut zu der Tatsache, dass die schlimmste Form der Wieder­geburt, die „Hölle“, ihrer chinesi­schen Wort­be­deu­tung nach ein „unterirdischer Kerker“ (jap. jigoku jigoku 地獄 wtl. „[unter]irdischer Kerker“, buddhistische Höllesiehe auch Hoellen → Mythen/Jenseits→ Mythen/Hoellen/Hoellenbilder→ Mythen/Jenseits/Totenreich ) ist.

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. 6Höllenknecht

Ochsenköpfiger Höllenknecht (gozu)

Querbildrolle (Papier, Tusche, Farbe), Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh., Kitano tenjin engi
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2016/8)
Fletcher Fund, 1925

Die Abbildung entstammt einer illustrierten Chronik des Kitano Schreins (Kitano tenjin engi), des Schreins von Sugawara no Michizane. Ein ochsenköpfiger Höllenknecht fungiert als Reiseführer der Hölle im Zuge der Jenseitswanderung des Mönchs Nichizō. Von dieser Reise bringt Nichizō die Informationen über Michizanes Schicksal mit, die schließlich zur Errichtung des Kitano Tenjin Schreins führen.

Obwohl sich die Darstellung von König Enma auf das Sutra der Zehn Könige (Jūō-kyō Jūō-kyō 十王経 Sutra der Zehn Könige; apokryphe chinesische Schrift aus China, 8. oder 9.Jh.siehe auch Totenreich → Mythen/Jenseits ) zurück­führen lässt, sind die anderen Richter — zumindest in Japan — im Laufe der Zeit etwas in den Hintergrund getreten. Die häufigsten Dar­stel­lungen zeigen Enma als einzigen Richter und je mehr seine Figur ins Zentrum rückt, umso bedroh­licher wird sie. In den frühesten japa­nischen Quellen, die von ihm erzählen, etwa im Nihon ryōiki Nihon ryōiki 日本霊異記 „Wunder­same Bege­ben­heiten aus Japan“; buddhistische Legendensammlung von Kyōkai (Anfang 9. Jh.)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Waechtergoetter/Wind und Donner→ Mythen/Hoellen/Hoellenbilder→ Mythen/Verwandlungskuenstler/Kitsune → mehr (um 800), erscheint Enma noch relativ umgäng­lich.3 In späteren bild­lichen Darstel­lungen wird er hin­gegen grund­sätzlich als schreiend und mit wut­ver­zerrten Zügen dargestellt. Vor allem bekommt er aber auch Gehilfen zur Seite gestellt, die sug­gerieren, dass die Qualen der Hölle im Grunde schon vor Enmas Gericht beginnen. Das mag mit vor­modernen gericht­lichen Praxis­formen zusam­men­hängen, in denen Foltern zu den üblichen Methoden der Urteils­findung gehörten, wie sich im übrigen schon anhand der ältesten chinesi­schen Darstel­lungen verifizieren lässt. Das Foltern obliegt dabei Kerker­meistern, die häufig (aller­dings nicht immer) einen Büffel­kopf besitzen. Ob sich dies aus Yamas ursprüng­licher Büffel­gestalt erklärt? Jeden­falls hat sich die Figur dieser rinder­köpfigen Kerker­meister in Form der oni oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geistersiehe auch Oni und Kappa → Alltag/Jahr→ Ikonographie/Waechtergoetter/Wind und Donner→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Mythen/Geister→ Mythen/Imaginaere Tiere → mehr auch außer­halb der Toten­welt verbreitet.

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Enmas Spiegel

Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

Ein gehörnter Gerichtsdiener zwingt einen Angeklagten, sein eigenes Kapitalverbrechen (Raubmord) im magischen Spiegel des Richterkönigs Enma zu verifizieren, während eine Hilfsrichter mit Gerichtsakten unter dem Arm eine entsprechende Anklage vorbringt.

. 7 Enmas magischer Spiegel

Schließlich verfügt Enma auch über zahlreiche andere Hilfsmittel, um die Übeltaten der Verstor­benen ausfindig zu machen, etwa den Karma-Spiegel, in dem sich Szenen der Ver­gangen­heit wie auf einem Bildschirm abrufen lassen. Außerdem hat er zwei Informanten, die den Verstor­benen das ganze Leben lang begleitet haben und nun seine guten und schlechten Taten berichten. Diese „Knaben des Guten und des Schlechten“ sind auf japani­schen Darstel­lungen mannig­fach variiert worden, zumeist sind es zwei Köpfe, die auf hohen Stäben thronen, einer mit finsterem einer mit mildem Gesichts­ausdruck. Diese im Körper eingenisteten Spione einer jenseitigen moralischen Autorität begegnen uns auch in Gestalt der Drei Würmer des sogenannten kōshin kōshin shinkō 庚申信仰 Kōshin-Glauben, ein ursprünglich aus dem Daoismus stammender Kult zur Verlängerung des Lebenssiehe auch Drei Affen → Mythen/Symboltiere -Glaubens. Sie sind eindeutig daoistischen Ursprungs und insoferne eine chinesische Innovation des buddhis­tischen Jenseits­glaubens.

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Enmas Gerichtshof

Hängerollbild (Seide, bemalt) von Kawanabe Kyōsai. Meiji-Zeit, 19. Jh.; Tokyo National Museum; 200 × 340cm
Bild © Netto Bijutsukan Ātomatomen, (jap.). (Letzter Zugriff: 2016/9/6)

Satirische Darstellung von Enmas Gerichtshof.

. 8 Enmas Gerichtshof in einer satirischen Darstellung von Kawanabe Kyōsai

Enma zählte zu den beliebtesten Sujets des Meiji-zeitlichen Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Jahr → mehr Künstlers Kawanabe Kyōsai. Die obige Abbildung kann als eine Zusammen­fassung sämtlicher mit Enma assoziierten Merk­male angesehen werden, auch wenn manches davon satirisch über­zeichnet ist. Hier ist Enma klar der unbarm­herzige Herrscher der Unterwelt, der durchaus für sadistische Methoden zu haben ist. Im Hinter­grund sieht man dagegen Jizō Jizō 地蔵 wtl. Schatzhaus/Mutterleib der Erde; skr. Kṣitigarbha; populäre Bodhisattva Figursiehe auch Jizo → Alltag/Opfergaben→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Alltag/Moenche→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Jenseits → mehr , der quasi im Verborgenen ein paar Sünder wieder aus der Hölle herausholt. Von einer Identität der beiden Figuren ist in Kawanabes Dar­stellung nichts zu erkennen.

Enma als Himmelswächter

  Enma-ten.jpg

Enma-ten

Hängerollbild, tenbu (Seide, Farbe); 112,4 × 63,6cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/7/29)

Enma als deva-Gottheit auf einem Büffel, flankiert von einem roten Dämon und einem friedvollen Jüngling. Trotz der Bodhisattva-ähnlichen Gestalt gemahnt der Stab mit dem Kopf (der Enma über die Taten der Verstorbenen berichtet) an Enmas Rolle als Richter der Totenwelt.

  enmaten_enmao.jpg

Enma-ten und Enma-ō

Hängerollbild, tenbu (Seide, Farbe, Gold). Kamakura-Zeit; 151,9 x 62,2 cm
Bild © Freer and Sackler Gallery, (#F1904.340a-h). (Letzter Zugriff: 2016/9/6)

Enma als deva-Gottheit. Am unteren Bildrand ist seine Rolle als Richter der Unterwelt dargestellt.

. 9 . 10 Enma als Deva auf einem Büffel

Eine weitere Funktion, die Yama vom Buddhimus zuge­spro­chen wurde, ist die einer Rich­tungs­gottheit, die als Wächter einer Him­mels­rich­tung fungiert. Derartige Ensem­bles exis­tieren mit acht oder zwölf Gott­heiten, wobei Enma meist den Süden re­präsen­tiert. Sein Titel ist in diesem Fall dann nicht ō, „König“, sondern ten, „Himmel“ bzw. tenbu tenbu 天部 Gruppe der indischen bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva)siehe auch Waechtergoetter → Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Geschichte/Kamakura → mehr -Gottheit (skt. deva देव deva (skt., m.) „Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter; jap. ten 天 oder tenbu 天部siehe auch →  Ikonographie → Grundbegriffe/Buddhismus→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Benzaiten → mehr ). Sein Aus­sehen gemahnt — zumin­dest in frühen Ensem­bles dieser Art — eher an einen Bodhi­sattva denn an einen bedroh­lichen Höllen­richter. An den Enma der Unter­welt erin­nert lediglich ein Stab, auf dem einer der Köpfe sitzt, welche Enma die Sün­den der An­ge­klag­ten zuflüs­tern. In der Kama­kura-Zeit findet man dann Misch­for­men wie das Bild am An­fang dieser Seite, wo Enma die Physio­gnomie des Rich­ters behält, aber auf einem Büffel reitet und über ein Gefolge von himm­lischen Wesen und Wesen aus der Toten­welt gebietet.

Zu guterletzt findet man den Büffel­reiter auch auf astro­logischen Dar­stel­lun­gen des Ster­nen­him­mels und zwar an zen­traler Stelle, direkt unter Bodhi­sattva Manjushri (Monju Monju 文殊 Manjushri, Bodhisattva der Weisheit), der als Bodhi­sattva der Weis­heit unter anderem für Astro­logie zuständig ist. Die Bezie­hung zwischen diesen beiden Figuren ist mir der­zeit noch unklar, aber eine Paral­lele mit der tibe­tischen Iden­tifi­zierung von Yama und Manjushri drängt sich auf.

Verweise

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Fußnoten

  1. Nitin Kumar 2001. In Japan existiert Yamantaka in Form des Daiitoku Myōō Daiitoku Myōō 大威徳明王 skt. Yamantaka, einer der Fünf Großen Myōōsiehe auch Myoo als einer der Fünf Myōō, meist reitet er auf einem Büffel. Seine direkte Verbindung zu Enma scheint aber in den Hintergrund getreten zu sein.
  2. The Sacred Art of Tibet, S. 290.
  3. Enma kommt in einigen Traum­visionen des Ryōiki vor. Interessanter­weise bleibt er immer hinter einem Vorhang verborgen, sein genaues Aussehen bleibt unbestimmt (s. Enra (Nihon Ryo-Wiki).

Bilderläuterungen

  1. Enmaten tnm.jpg

    Enma-ten und Gefolge

    Tafelbild, tenbu (Holz, Farbe), Detail. Kamakura-Zeit, 13.–14. Jh.
    Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7, entzerrt)

    König Enma auf einem Büffel. Mandala-artige Komposition, die Enmas Funktionen als Richter der Unterwelt und als Wächter des Dharma vereint. Das Bild befindet sich auf der Rückwand eines Miniaturaltars (zushi), in dem eigentlich eine Statue des Aizen Myōō im Zentrum steht.

  2. Yama und savitri.jpg

    Yama und Savitri

    Lithographischer Farbdruck (Papier, Farbe) von B. G. Sharman. Bombay, Indien, spätes 19. Jh.
    Bild © Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde, Universität Wien. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)
    Sammlung Dr. Erich Allinger

    Yama in moderner hinduistischer Erscheinung: Die liebende Gattin Sāvitrī ist Yama in die Unterwelt gefolgt und quält ihn so lange mit Bitten, ihrem verstorbenen Mann (im Vordergrund und als Geistseele abgebildet) wieder das Leben zu schenken, bis der Gott des Todes schließlich nachgibt. Episode aus dem indischen Mahābhārata.

  3. Yama dharmaraja.jpg

    Yama Dharmaraja

    Tibet, 19. Jh.
    Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2016/8)

    Darstellung des Yama

  4. Rokudoe enma1.jpg

    Gerichtshof des Enma

    Hängerollbild, tenbu (Papier, Farbe). Späte Edo-Zeit, 19. Jh.; 152,6 x 67 cm
    Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

    Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Zu Enmas Füßen sieht man einen Angeklagten (also einen Verstorbenen), dem in einem Spiegel seine Sünden (hier der Mord an einem Mönch) vorgeführt wird. Die Höllenknechte warten schon begierig, ihn abzuführen.

  5. Enma china13jh.jpg

    Der fünfte Richter, König Yanlou

    Hängerollbild, tenbu (Seide) von Lu Xinzhong. China, 13. Jh.; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige); „Nationalschatz“; 83,2 x 47 cm
    Bild © e-museum, Nara National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/8)

    Enma in einer chinesischen Abbildung aus dem 13. Jh. aus einer Serie, die alle Zehn Könige darstellt. Im Vordergrund der verräterische Spiegel, davor ein Angeklagter. Außerdem ein rinderköpfiger Höllenknecht und andere Schergen von Enmas Gericht.

  6. Gozu.jpg

    Ochsenköpfiger Höllenknecht (gozu)

    Querbildrolle (Papier, Tusche, Farbe), Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh., Kitano tenjin engi
    Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2016/8)
    Fletcher Fund, 1925

    Die Abbildung entstammt einer illustrierten Chronik des Kitano Schreins (Kitano tenjin engi), des Schreins von Sugawara no Michizane. Ein ochsenköpfiger Höllenknecht fungiert als Reiseführer der Hölle im Zuge der Jenseitswanderung des Mönchs Nichizō. Von dieser Reise bringt Nichizō die Informationen über Michizanes Schicksal mit, die schließlich zur Errichtung des Kitano Tenjin Schreins führen.

  7. Enmas spiegel.jpg

    Enmas Spiegel

    Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
    Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

    Ein gehörnter Gerichtsdiener zwingt einen Angeklagten, sein eigenes Kapitalverbrechen (Raubmord) im magischen Spiegel des Richterkönigs Enma zu verifizieren, während eine Hilfsrichter mit Gerichtsakten unter dem Arm eine entsprechende Anklage vorbringt.

  8. Enma kyosai.jpg

    Enmas Gerichtshof

    Hängerollbild (Seide, bemalt) von Kawanabe Kyōsai. Meiji-Zeit, 19. Jh.; Tokyo National Museum; 200 × 340cm
    Bild © Netto Bijutsukan Ātomatomen, (jap.). (Letzter Zugriff: 2016/9/6)

    Satirische Darstellung von Enmas Gerichtshof.

  9. Enma-ten.jpg

    Enma-ten

    Hängerollbild, tenbu (Seide, Farbe); 112,4 × 63,6cm
    Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/7/29)

    Enma als deva-Gottheit auf einem Büffel, flankiert von einem roten Dämon und einem friedvollen Jüngling. Trotz der Bodhisattva-ähnlichen Gestalt gemahnt der Stab mit dem Kopf (der Enma über die Taten der Verstorbenen berichtet) an Enmas Rolle als Richter der Totenwelt.

  10. Enmaten enmao.jpg

    Enma-ten und Enma-ō

    Hängerollbild, tenbu (Seide, Farbe, Gold). Kamakura-Zeit; 151,9 x 62,2 cm
    Bild © Freer and Sackler Gallery, (#F1904.340a-h). (Letzter Zugriff: 2016/9/6)

    Enma als deva-Gottheit. Am unteren Bildrand ist seine Rolle als Richter der Unterwelt dargestellt.

Literatur und Links

Marilyn Rhie und Robert A. F. Thurman (Hg.) 1996
The Sacred Art of Tibet: Wisdom and Compassion. London: Thames and Hudson 1996.
Stephen F. Teiser 2003
The Scripture on the Ten Kings and the Making of Purgatory in Medieval Chinese Buddhism. Honolulu: University of Hawaii Press 2003.
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