Geschichte/Kamakura: Unterschied zwischen den Versionen

Wechseln zu: Navigation, Suche
 
(67 dazwischenliegende Versionen von 8 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
{{Styles}}
+
{{titel | Kamakura-Zeit<span class{{=}}hide>:</span> <span class{{=}}bottom>Alter und Neuer Buddhismus </span> }}
=„Neuer“ und „alter“ Buddhismus <span class="bottom">der Kamakura-Zeit</span>=
+
 
{{Wrapper|__TOC__
+
{{fl|D}}ie {{glossar:kamakura}}-Zeit beginnt mit einem poli·tischen Umbruch: {{Glossar:Minamotonoyoritomo}} (1147–1199) geht 1185 siegreich aus dem so·ge·nannten {{glossar:genpeigassen|Genpei Krieg}} — einem landesweiten Bürger·krieg zwischen den beiden Krieger·dynastien {{glossar:Taira}} und {{glossar:minamoto}} — hervor, setzt sich damit an die Spitze des Krieger·adels und begründet unter dem Titel {{Glossar:Shougun}} eine neue Herr·scher·dynastie mit Sitz in Kamakura, unweit des heutigen Tōkyō. Er beendet damit die poli·tische Hege·monie des {{Glossar:Tennou}}-Hofes, doch wird dieser nicht ab·ge·schafft, sondern bleibt weiter·hin in der alten Haupt·stadt Kyōto ({{glossar:heiankyou}}) bestehen. Der politische Wechsel folgt auf eine lange Phase der politischen De·zentra·lisie·rung, also einer Schwä·chung der Zentral·macht, verbunden mit dem Aufstieg lokaler Militär·macht·haber (Krieger·adel, {{glossar:buke}} oder Samurai, {{glossar:bushi}}), vor allem in den Pro·vinzen Ost·japans. Im Zuge dieser De·zentra·lisie·rung ver·breitet sich auch der Bud·dhis·mus immer stärker außerhalb des politischen Zentrums und der kulturellen Eliten.
{{sidebox|japnkarte_kyoto_kamakura.jpg|w=142|rahmen_h= 188|link=|class=nopopup}}
+
 +
{{map | c=
 +
Kyoto~ ~ ~ ~ ~Kyōto;
 +
Kamakura~Kamakura~ab 1185 Regierungssitz von {{gb|minamotonoyoritomo}} ~ ~ ~[[bild:yoritomo.jpg|Kamakura|Kamakura| 200x200px]]
 +
| center= 35.68316522506896,137.9937744140625
 +
| controls= zoom, type
 +
| height= 450px
 +
| zoom= 6
 +
| maxzoom=12
 +
| icon=Stadt_icon.png
 +
| minzoom=4
 +
| label= off
 +
| type= terrain
 
}}
 
}}
Die {{glossar:kamakura}}-Zeit beginnt mit einem politischen Umbruch: {{Glossar:Minamotonoyoritomo}} (1147–1199) geht 1185 siegreich aus einem landesweiten Bürgerkrieg zwischen den beiden Kriegerdynastien {{glossar:Taira}} und {{glossar:minamoto}} hervor, setzt sich damit an die Spitze des Kriegeradels und begründet unter dem Titel {{Glossar:Shougun}} eine neue Herrscherdynastie mit Sitz in Kamakura, unweit des heutigen Tokyo. Er beendet damit die politische Hegemonie des {{Glossar:Tennou}}-Hofes, doch wird dieser nicht abgeschafft, sondern bleibt weiterhin in der alten Hauptstadt Kyoto ({{glossar:heian}}-kyō) bestehen und erfüllt nach wie vor zahlreiche kulturelle und religiöse Funktionen. Der politische Wechsel folgt auf eine lange Phase der politischen Dezentralisierung, also einer Schwächung der Zentralmacht, verbunden mit dem Aufstieg lokaler Militärmachthaber (Kriegeradel, Samurai, {{glossar:bushi}}) in den Provinzen. Im Zuge dieser Dezentralisierung verbreitet sich auch der Buddhismus immer stärker außerhalb des politischen Zentrums und der kulturellen Eliten.
+
Aus Sicht des Hofadels ({{glossar:kuge}}) ändert sich das Leben den·noch nicht allzu drastisch. Die mächtigen {{glossar:Fujiwara}} verheiraten ihre Söhne und Töchter nun auch mit den ehemals verachteten Krieger·häusern und parti·zipieren auf diese Weise immer noch an polit·ischen Ent·scheidungs·prozessen. Die anderen Hof·familien erfüllen weiterhin ihre ange·stammten  kulturellen und religiöse Funk·tionen. Der tradi·tionelle Status·unterschied von Hof- und Kriegeradel, der sich in einem rigiden System hö·fischer Ränge ausdrückt, bleibt nach wie vor aufrecht und verschleiert die tat·säch·lichen Macht·ver·hält·nisse. Dieses doppelte System von Macht und Status bleibt bis zum Beginn der Moderne — und in gewisser Weise auch noch danach — ein charak·teris·tisches Element der politischen Struktur Japans.
 
 
<div class="bildtext"> {{Dia|yoritomo.jpg|class=noborder|w=200|rahmen_w=200|rahmen_h=200}}<div> Minamoto no Yoritomo </div></div>
 
  
Politisch ist die Zeit nach dem Umbruch weiterhin instabil. Obwohl sich der Kaiserhof vorderhand damit abfindet, die Entscheidungen des Kamakura Shogunats formal abzusegnen, stellt die Möglichkeit seiner politischen Neuerstarkung eine permanente latente Bedrohung für den Shogun dar. Ende des dreizehnten Jahrhunderts kommt schließlich eine Gefahr von außen dazu: die [[Geschichte:Shinto_Mittelalter/Kamikaze | Mongolen]], die innerhalb von fünfzig Jahren China und Korea erobert haben, sehen auch in Japan ein lohnendes Angriffsziel. 1274 und 1281 kommt es zu großangelegten Angriffen, die der Überlieferung zufolge jeweils durch „göttliche Winde“ ({{glossar:kamikaze}}) vereitelt werden. Trotz der erfolgreichen Verteidigung der territorialen Integrität des Landes schwächen die gewaltigen Militärausgaben, die der Mongolenangriff mit sich bringt, das Shogunat. 1333 kommt es schließlich zu neuen dynastischen Kämpfen, aus denen 1336 die Familie der {{glossar:Ashikaga}} siegreich hervorgeht und ein neues Shogunat, diesmal wieder in der alten Hauptstadt Kyoto begründet. Die neue Epoche wird heute als {{glossar:muromachi}}-Zeit bezeichnet und stellt zusammen mit der Kamakura-Zeit das japanische Mittelalter dar.
+
Die Zeit nach dem Umbruch ist daher weiterhin politisch instabil. Obwohl sich der Kaiser·hof vorder·hand damit abfindet, die Ent·schei·dungen des Kamakura-Shōgunats formal ab·zu·segnen, stellt die Möglich·keit seiner politischen Neu·er·star·kung eine per·ma·nente latente Be·drohung für den Shōgun dar. Ende des drei·zehnten Jahr·hunderts kommt schließ·lich eine Gefahr von außen dazu: die [[Geschichte/Shinto_Mittelalter/Kamikaze | Mongolen]], die innerhalb von fünfzig Jahren China und Korea er·obert haben, sehen auch in Japan ein loh·nen·des Angriffs·ziel. 1274 und 1281 kommt es zu groß·an·ge·legten Angriffen, die der Über·liefe·rung zufolge jeweils durch „göttliche Winde“ ({{glossar:kamikaze}}) ver·eitelt werden. Trotz der erfolg·reichen Ver·tei·digung der territorialen Integrität des Landes schwächen die gewaltigen Militär·aus·gaben, die der Mon·golen·angriff mit sich bringt, das Shōgunat. 1333 kommt es schließlich zu neuen dynastischen Kämpfen, aus denen 1336 die Familie der {{glossar:Ashikaga}} sieg·reich her·vor·geht und ein neues Shōgunat, diesmal wieder in der alten Hauptstadt Kyōto begründet. Die neue Epoche wird heute als {{glossar:muromachi}}-Zeit bezeichnet und stellt zusammen mit der Kamakura-Zeit das japanische Mittelalter dar.
  
 
==Neue buddhistische Richtungen==
 
==Neue buddhistische Richtungen==
  
Religionsgeschichtlich ist der Beginn des japanischen Mittelalters durch das Auftreten verschiedener religiöser Gründerfiguren charakterisiert: {{glossar:hounen}} (1133–1212), {{glossar:shinran}} (1173–1262), {{glossar:dougenkigen|Dōgen}} (1200–1253) und {{glossar:nichiren}} (1222–1282) verbreiten jeweils neuartige Lehren und stehen damit für eine Welle der Erneuerung innerhalb des japanischen Buddhismus, die man auch als „Neuen Buddhismus“ der Kamakura-Zeit — im Unterschied zum „Alten Buddhismus“ der {{glossar:Tendaishuu|Tendai}} und {{glossar:Shingonshuu|Shingon}} Schulen sowie der sogenannten {{glossar:Nara}} Schulen — bezeichnet.
+
Reli·gions·geschicht·lich ist der Beginn des japanischen Mittel·alters durch das Auf·treten ver·schie·dener religiöser Gründer·figuren cha·rakte·risiert: {{glossar:hounen}} (1133–1212), {{glossar:shinran}} (1173–1262), {{glossar:dougenkigen|Dōgen}} (1200–1253) und {{glossar:nichiren}} (1222–1282) ver·breiten jeweils neu·artige Lehren und stehen damit für eine Welle der Er·neue·rung inner·halb des ja·pa·nischen Bud·dhis·mus, die man auch als „Neuen Buddhismus“ der Kamakura-Zeit — im Unter·schied zum „Alten Buddhismus“ der {{glossar:Tendaishuu|Tendai}}- und {{glossar:Shingonshuu|Shingon}}-Schulen sowie der so·ge·nannten {{glossar:Nara}}-Schulen — bezeichnet.
  
Die starken Reformkräfte innerhalb des Buddhismus dieser Zeit sind wahr·schein·lich der Ausbreitung des Buddhismus in breitere Bevölkerungs·schichten zuzuschreiben. Vor allem der {{glossar:Amida}}-Buddhismus mit seinem starken Glauben an die Errettung in Amidas [[mythen:paradiese|Reinem Land]] lässt sich als Antwort auf das Bedürfnis nach einer einfachen, für jedermann praktikablen Form der buddhistischen Religionsausübung auffassen. Im Unterschied zu den etablierten Schulen hatten die amidistischen Reformer nicht mehr nur die gesellschaftlichen Eliten im Auge und waren nicht mehr bereit, sich in den Dienst ihrer Interessen zu stellen. Sie predigten auf öffentlichen Plätzen und scharten Anhänger aus allen gesellschaftlichen Schichten um sich. Das hatte einerseits einen breiten Zulauf zur Folge, andererseits brachte es die Amidisten bald mit den staatlichen Autoritäten in Konflikt.
+
Die starken Reform·kräfte innerhalb des Bud·dhis·mus dieser Zeit sind wahr·schein·lich der Aus·brei·tung des Bud·dhis·mus in breitere Be·völke·rungs·schichten zuzu·schreiben. Vor allem der {{glossar:Amida}}-Bud·dhis·mus mit seinem starken Glauben an die Er·ret·tung in Amidas Reinem Land {{g|joudo}} lässt sich als Antwort auf das Bedürfnis nach einer einfachen, für jeder·mann prakti·kablen Form der bud·dhis·tischen Religions·aus·übung auf·fassen. Im Unter·schied zu den etablierten Schulen hatten die amidis·tischen Reformer nicht mehr nur die ge·sell·schaft·lichen Eliten im Auge und waren nicht mehr bereit, sich in den Dienst ihrer Inte·ressen zu stellen. Sie predigten auf öffent·lichen Plätzen und scharten Anhänger aus allen ge·sell·schaft·lichen Schichten um sich. Das hatte einer·seits einen breiten Zulauf zur Folge, anderer·seits brachte es die Amidisten bald mit den staatlichen Autoritäten in Konflikt.
  
Aber auch die neuen Führungseliten aus dem „Kriegeradel“ suchten und fanden neue religiöse Formen, namentlich im [[Geschichte:Zen | Zen-Buddhismus]]. Die neuen Richtungen des Buddhismus breiteten sich also nicht gleichmäßig in der Bevölkerung aus, sondern jeweils in spezifischen Schichten: Bauernschaft und niederer Kriegeradel tendierten, wenn sie nach religiösen Alternativen suchten, zum Amidismus, die allgemeine Stadtbevölkerung fühlte sich von {{glossar:Nichiren}} und seinen Anhängern angesprochen, der höhere Kriegerstand vom Zen Buddhismus.
+
Aber auch die neuen Führungs·eliten aus dem „Kriegeradel“ suchten und fanden neue religiöse Formen, namentlich im [[Geschichte/Zen | Zen-Buddhismus]]. Die neuen Rich·tungen des Bud·dhis·mus breiteten sich also nicht gleich·mäßig in der Be·völke·rung aus, sondern jeweils in spezi·fischen Schichten: Bauern·schaft und niederer Krieger·adel tendierten, wenn sie nach religiösen Alter·nativen suchten, zum Amidis·mus, die all·gemeine Stadt·bevölkerung fühlte sich von {{glossar:Nichiren}} und seinen An·hängern an·ge·sprochen, der höhere Krieger·stand vom {{g|Zen}}-Buddhismus.
  
Auf den nächsten Seiten werden die Gründer dieses Neuen Buddhismus als Repräsentanten der Kamakura-zeitlichen Religions·geschichte genauer vorgestellt. Ich möchte jedoch gleich vorweg auch die Kritik erwähnen, die in jüngerer Zeit gegen die übermäßige Betonung von Figuren wie Hōnen, Shinran, Dōgen oder Nichiren vorgebracht wurde. Trotz ihrer innovativen Ideen stellten diese Mönche innerhalb der religiösen Welt des japanischen Früh·mittel·alters nur eine kleine Minderheit dar, deren Bedeutung sich erst retrospektiv, durch den späteren Erfolg ihrer Lehren ergibt. Dieser Erfolg ist aber nicht selten auf die Anstrengungen der Nachfolger zurückzuführen, die dabei die ursprünglichen Intentionen der Gründer stark veränderten. Dies trifft ganz besonders auf {{glossar:rennyo}}, den erfolgreichen Reformator der {{Glossar:Joudoshinshuu}} aber auch auf diverse Zen- und Nichiren-Mönche der {{glossar:muromachi}}-Zeit zu. Die Erfolge des Neuen Buddhismus sind also nicht allein auf die Ideen seiner Gründer zurück zu führen, sondern auch darauf, dass es spätere Generationen verstanden, diese Lehren geschickt an sich verändernde gesellschaftliche Verhältnisse anzupassen, ohne sich dabei allzu streng an die Thesen der Gründerväter zu halten.
+
Auf den nächsten Seiten werden die Gründer dieses Neuen Bud·dhis·mus als Re·prä·sen·tanten der Kamakura-zeitlichen Religions·geschichte genauer vor·ge·stellt. Ich möchte jedoch gleich vorweg auch die Kritik erwähnen, die in jüngerer Zeit gegen die über·mäßige Betonung von Figuren wie Hōnen, Shinran, Dōgen oder Nichiren vorgebracht wurde. Trotz ihrer inno·vativen Ideen stellten diese Mönche inner·halb der religiösen Welt des ja·pa·nischen Früh·mittel·alters nur eine kleine Minder·heit dar, deren Be·deu·tung sich erst retro·spektiv, durch den späteren Erfolg ihrer Lehren ergibt. Dieser Erfolg ist aber nicht selten auf die An·stren·gungen der Nach·folger zurück·zu·führen, die dabei die ur·sprüng·lichen Intentionen der Gründer stark ver·änderten. Dies trifft ganz besonders auf {{glossar:rennyo}}, den er·folg·reichen Reformator der {{Glossar:Joudoshinshuu}} aber auch auf diverse Zen- und Nichiren-Mönche der Muromachi-Zeit zu. Die Erfolge des Neuen Bud·dhis·mus sind also nicht allein auf die Ideen seiner Gründer zurück·zu·führen, sondern auch darauf, dass es spätere Gene·rationen ver·standen, diese Lehren geschickt an sich verändernde ge·sell·schaft·liche Ver·hältnisse anzu·passen, ohne sich dabei allzu streng an die Thesen der Gründer·väter zu halten.
  
==Buddhismus und Krieg==
+
== Buddhismus und Krieg ==
  
Sieht man sich die religiöse Bilderwelt oder auch die Erzählliteratur der Kamakura Zeit genauer an, so fällt auf, dass hier Gestalten des esoterischen Buddhismus, der von den „alten Schulen“ Tendai und  Shingon vertreten wurde, eine wesentlich größere Rolle spielen, als dies nach den Lehren des „Neuen Buddhismus“ der Fall sein dürfte. Auffallend ist vor allem die stetige Zunahme von furchteinflößenden Figuren wie {{glossar:myouou}} und {{glossar:Tenbu}}. Unwillkürlich ist man geneigt, die Beliebtheit dieser kriegerischen Wächterfiguren des esoterischen Buddhismus mit den kriegerischen Umwälzungen des japanischen Mittelalters in Verbindung zu bringen.
+
{{Sidebox3
{{Sidebox|sidepage=Rituelle Verwünschungen|raigo_ginko.jpg|Rituelle Verwünschungen}}
+
| sidepage= Verwuenschungen
 +
| raigo_ginko.jpg
 +
| Rituelle Verwünschungen
 +
| lr= -40 | top= -10
 +
}}
 +
Sieht man sich die reli·giöse Bilder·welt oder auch die Erzähl·literatur der Kamakura-Zeit genauer an, so fällt auf, dass hier Gestalten des eso·terischen Bud·dhis·mus, der von den „alten Schulen“ Tendai und  Shingon ver·treten wurde, eine wesent·lich größere Rolle spielen, als dies nach den Lehren des „Neuen Buddhismus“ der Fall sein dürfte. Auf·fallend ist vor allem die stetige Zunahme von furcht·ein·flößenden Figuren wie {{glossar:myouou}} und {{glossar:Tenbu}}. Un·will·kürlich ist man geneigt, die Beliebt·heit dieser kriege·rischen Wächter·figuren des eso·te·rischen Bud·dhis·mus mit den kriege·rischen Um·wäl·zungen des japanischen Mittel·alters in Verbin·dung zu bringen.
  
Dieser Eindruck ist keineswegs unrichtig. Die buddhistischen Klöster des japanischen Mittelalters werden heute oft als die Hauptgewinner im Spiel der Mächtigen jener Zeit angesehen. Gerade im Krieg kam ihnen eine ganz besondere Funktion zu. Nach allgemeinem Glauben beruhte nämlich der Ausgang einer Schlacht nur zum Teil auf dem militärischen Geschick der Kontrahenten. Mindestens ebenso wichtig war der Beistand von ''kami'' und Buddhas und ein Gutteil der Kriegsvorbereitungen bestand daher in der Abhaltung entsprechender religiöser Zeremonien. Diese Zeremonien wandten sich meist nicht direkt an die höchsten Buddhas, sondern an ihre „Manifestationen“ in kriegerischer Form, zu denen unter anderem auch einheimische ''kami'' gezählt wurden. (Siehe dazu auch [[Geschichte:Shinto_Mittelalter/Kamikaze | „Die Angriffe der Mongolen“]].) Eine weitere Funktion des Buddhismus im Krieg war die Betreuung der Toten. Die Ji-Sekte, eine Fraktion des Amida Buddhismus, spezialisierte sich beispielsweise auf die Bestattung von Gefallenen.
+
Dieser Eindruck ist keineswegs unrichtig. Die buddhistischen Klöster des ja·pa·nischen Mittel·alters werden heute oft als die Haupt·gewinner im Spiel der Mächtigen jener Zeit an·ge·sehen. Gerade im Krieg kam ihnen eine ganz besondere Funktion zu. Nach all·ge·meinem Glauben beruhte nämlich der Aus·gang einer Schlacht nur zum Teil auf dem militärischen Geschick der Kon·tra·henten. Min·des·tens ebenso wichtig war der Bei·stand von {{glossar:kami|''kami''}} und {{skt:buddha|Buddhas}} und ein Gut·teil der Kriegs·vor·berei·tungen bestand daher in der Ab·haltung ent·spre·chender religiöser Zeremonien. Diese Zeremonien wandten sich meist nicht direkt an die höchsten Buddhas, sondern an ihre „Manifestationen“ in kriege·rischer Form, zu denen unter anderem auch ein·hei·mische ''kami'' gezählt wurden (siehe dazu auch [[Geschichte/Shinto_Mittelalter/Kamikaze | „Die Angriffe der Mongolen“]]). Eine weitere Funktion des Bud·dhis·mus im Krieg war die Betreuung der Toten. Die {{Glossar:Jishuu | Ji-Sekte}}, eine Fraktion des Amida-Bud·dhis·mus, spezialisierte sich bei·spiels·weise auf die Bestattung von Gefallenen.
 +
{{floatleft
 +
| Benkei_kuniyoshi.jpg
 +
| Kriegermönch Benkei
 +
}}
 +
Die mächtigsten reli·giösen Insti·tu·tionen spielten in den Kriegswirren des Mittel·alters im übrigen eine ähn·liche Rolle wie die katho·lische Kirche zur gleichen Zeit in Europa: Sie unter·stützten die kriegs·führenden Parteien nicht nur durch Riten und Gebete, sie griffen sogar selbst aktiv ins Kampf·ge·schehen ein, vor allem wenn es um die Ver·teidi·gung oder Er·weite·rung der eigenen Terri·torial·rechte ging. Klöster wie der {{Glossar:Enryakuji}} auf {{g|hieizan| Berg Hiei}} oder der {{Glossar:Koufukuji}} in {{glossar:nara}} zählten zu den größten Grund·besitzern der damaligen Zeit und hielten zu ihrer Ver·teidi·gung ge·fürch·tete Armeen von Mönchs·soldaten ({{glossar:souhei}}) aufrecht, die auch unter der Be·zeich·nung {{glossar:akusou}} (wtl. „schlechte Mönche“) bekannt waren. Diese Be·zeich·nung deutet zwar an, dass das Bewusst·sein, als Mönchs·soldat nicht ganz den Idealen des Bud·dhis·mus zu dienen, latent vor·handen war, doch wurden die ''akusō'' durchaus als Kämpfer geachtet und galten keines·wegs als mora·lisch tief·stehende Personen. Zu ihnen zählt auch einer der be·kanntesten Helden der japanischen Samurai-Folklore, nämlich {{glossar:benkei}}, der treue Begleiter von {{g|Minamotonoyoshitsune}}.
  
Die mächtigsten religiösen Institutionen spielten in den Kriegswirren des Mittelalters im übrigen eine ähnliche Rolle wie die katholische Kirche zur gleichen Zeit in Europa: Sie unterstützten die kriegsführenden Parteien nicht nur durch Riten und Gebete, sie griffen sogar selbst aktiv ins Kampfgeschehen ein, vor allem wenn es um die Verteidigung oder Erweiterung der eigenen Territorialrechte ging. Klöster wie der {{Glossar:Enryakuji}} auf [[Bauten:Bekannte_Tempel | Berg Hiei]] oder der {{Glossar:Koufukuji}} in {{glossar:nara}} zählten zu den größten Grundbesitzern der damaligen Zeit und hielten zu ihrer Verteidigung gefürchtete Armeen von Mönchssoldaten ({{glossar:souhei}}) aufrecht, die auch unter der Bezeichnung {{glossar:akusou}} (wtl. „schlechte Mönche“) bekannt waren. Diese Bezeichnung deutet zwar an, dass das Bewusstsein, als Mönchssoldat nicht ganz den Idealen des Buddhismus zu dienen, latent vorhanden war, doch wurden die ''akusō'' durchaus als Kämpfer geachtet und galten keineswegs als moralisch tiefstehende Personen. Zu ihnen zählt auch einer der bekanntesten Helden der japanischen Samurai-Folklore, nämlich {{glossar:benkei}}, der treue Begleiter von Minamoto no Yoshitsune.
+
==Das „System esoterischer und exoterischer Lehren“==
  
==Das „System esoterischer und exoterischer Lehren“ (''kenmitsu taisei'')==
+
Ein neuerer Forschungs·ansatz vertritt daher die Ansicht, dass sich der religiöse Mainstream der Kamakura-Zeit nicht im „Neuen Buddhis·mus“, sondern nach wie vor in den etablierten Schulen Tendai und Shingon finden ließe. Das besondere Augen·merk der traditionellen japa·nischen Buddhis·mus·for·schung auf einzelne Reformer und ihre Lehren würde den Blick auf die tat·säch·lichen Ver·hältnisse ver·stellen. Viel be·deut·samer seien die Ver·änderungen inner·halb des religiösen Establish·ments, aber auch neue sozialen Funktionen der Religion am Rande der Ge·sell·schaft. In diesem Zu·sammen·hang hat etwa {{glossar:kurodatoshio}} sein berühmtes Modell des {{glossar:kenmitsutaisei}}, des Systems eso·terischer und exo·terischer Lehren, entwickelt. Das ''kenmitsu taisei'' stellt nach Kuroda ein komple·mentäres Inei·nander·greifen von geheimen esote·rischen Riten und exote·rischen Dogmen dar und war für die großen religiösen Zentren im Mittel·alter (unabhängig ob Tendai-, Shingon oder sonst wie orientiert) charakteristisch. Der ''kenmitsu''-Buddhismus (der natürlich nur eine histo·rische Kon·struktion ist) bediente sich der ver·schiedensten Strö·mungen und Rich·tungen und wandte sie pragmatisch und in enger Ver·flechtung mit den jeweiligen Macht·ver·hältnissen an. Aus theo·logischer Sicht lassen sich die Ver·treter des ''kenmitsu taisei'' vielleicht am besten dadurch charak·terisieren, dass sie unter·einander zwar einen relativ hohen Grad an Toleranz aufweisen, sich aber umso ve·he·menter gegen alle aus·schließenden, radikalen, „funda·menta·listischen“ Glaubens·formen wenden, wie sie für viele Vertreter des „Neuen Bud·dhis·mus“ typisch sind.
  
Ein neuerer Forschungsansatz vertritt daher die Ansicht, dass sich der religiöse Mainstream der Kamakura-Zeit nicht im „Neuen Buddhis·mus“, sondern nach wie vor in den etablierten Schulen Tendai und Shingon finden ließe. Das besondere Augen·merk der traditionellen japa·nischen Buddhis·mus·for·schung auf einzelne Reformer und ihre Lehren würde den Blick auf die tat·säch·lichen Ver·hältnisse ver·stellen. Viel be·deut·samer seien die Ver·änderungen inner·halb des religiösen Establish·ments, aber auch neue sozialen Funktionen der Religion am Rande der Gesell·schaft. In diesem Zusammen·hang hat etwa {{glossar:kurodatoshio}} sein berühmtes Modell des {{glossar:kenmitsutaisei}}, des Systems eso·terischer und exo·terischer Lehren, entwickelt. Das ''kenmitsu taisei'' stellt nach Kuroda ein komple·mentäres Inein·ander·greifen von geheimen esote·rischen Riten und exote·rischen Dogmen dar und war für die großen religiösen Zentren im Mittel·alter (unabhängig ob Tendai-, Shingon oder sonst wie orientiert) charakteristisch. Der ''kenmitsu'' Buddhismus (der natürlich nur eine histo·rische Kon·struktion ist) bediente sich der ver·schiedensten Strö·mungen und Rich·tungen und wandte sie pragmatisch und in enger Ver·flechtung mit den jeweiligen Macht·ver·hältnissen an. Aus theo·logischer Sicht lassen sich die Ver·treter des ''kenmitsu taisei'' vielleicht am besten dadurch charak·terisieren, dass sie unter·einander zwar einen relativ hohen Grad an Toleranz aufweisen, sich aber umso vehementer gegen alle aus·schließenden, radikalen, „funda·menta·listischen“ Glaubens·formen wenden, wie sie für viele Vertreter des „Neuen Buddhismus“ typisch sind.
+
Trotz der Bedeutung des ''kenmitsu''-Bud·dhis·mus für die Reli·gion des japanischen Mittel·alters folge ich auf den nächsten Seiten dem tradi·tionellen Schema und be·handle vor allem die Gründer·figuren des sog. „Neuen Buddhismus“. Inner·halb des heutigen japanischen Bud·dis·mus haben ihre Lehren nämlich die alten Schulen über·flügelt und es ist insofern un·er·lässlich, sich mit der Ent·stehung ihrer Ideen aus·einander·zu·setzen. Wer aber Genaueres über die religiöse Be·find·lich·keit von der späten Heian-Zeit bis in die Kamakura- und Muromachi-Zeit erfahren will, dem empfehle ich die Beschäftigung mit buddhistischen Legendensammlungen ({{Glossar:Setsuwa}}), wie {{glossar:Konjakumonogatari}} oder {{glossar:Shasekishuu}}. Aber auch die berühmten Traktate von gebildeten Laien·mönchen, das {{glossar:houjouki}} von {{g|Kamonochoumei}} und das {{glossar:tsurezuregusa}} von {{g|Yoshidakenkou|Kenkō}} bieten aus·ge·zeich·nete Einblicke in das religiöse Welt·bild des Mittelalters.
 
 
Trotz der Bedeutung des ''kenmitsu'' Buddhismus für die Religion des japanischen Mittelalters folge ich auf den nächsten Seiten dem traditionellen Schema und behandle vor allem die Gründerfiguren des sog. „Neuen Buddhismus“. Innerhalb des heutigen japanischen Buddismus haben ihre Lehren nämlich die alten Schulen überflügelt und es ist insofern unerlässlich, sich mit der Entstehung ihrer Ideen auseinanderzusetzen. Wer aber Genaueres über die religiöse Befindlichkeit von der späten Heian-Zeit bis in die Kamakura- und Muromachi Zeit erfahren will, dem empfehle ich die Beschäftigung mit buddhistischen Legenden-Sammlungen ({{Glossar:Setsuwa}}), wie {{glossar:Konjakumonogatari}} und vor allem {{glossar:Shasekishuu}}. Aber auch die berühmten Traktate von gebildeten Laienmönchen, das {{glossar:houjouki}} von Kamo no Chōmei und das {{glossar:tsurezuregusa}} von Kenkō bieten ausgezeichnete Einblicke in das religiöse Weltbild des Mittelalters.
 
  
 
{{Linkbox|ue=Weiterführende Literatur|text=
 
{{Linkbox|ue=Weiterführende Literatur|text=
Zeile 43: Zeile 61:
 
{{Literatur:Tyler_1987}}
 
{{Literatur:Tyler_1987}}
 
}}
 
}}
{{ThisWay|Geschichte: Amidismus}}
+
{{ThisWay|Geschichte/Amidismus}}
 +
{{Styles}}

Aktuelle Version vom 11. Februar 2019, 18:31 Uhr

Kamakura-Zeit: Alter und Neuer Buddhismus

Die KamakuraKamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shōgunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit) HachimanItsukushimaKasugaBerg KoyaDaibutsu Statuen... mehr-Zeit beginnt mit einem poli­tischen Umbruch: Minamoto no YoritomoMinamoto no Yoritomo 源頼朝 1147–1199; Feldherr, Staatsmann, Begründer des Minamoto Shōgunats Jinno shotoki (1147–1199) geht 1185 siegreich aus dem so­ge­nannten Genpei KriegGenpei Gassen 源平合戦 Krieg zwischen den Minamoto (Gen) und den Taira (Hei, bzw. Pei), 1180–1185 HachimanItsukushimaShimenawaTempeltoreDaibutsu Statuen... mehr — einem landesweiten Bürger­krieg zwischen den beiden Krieger­dynastien TairaTaira Kriegerfamilie, die im 12. Jh. um die pol. Vorherrschaft in Japan kämpfte und MinamotoMinamoto Kriegerfamilie, die 1185 eine neue Herrschaftsdynastie begründete: Kamakura Shōgunat, 1185–1333 — hervor, setzt sich damit an die Spitze des Krieger­adels und begründet unter dem Titel ShōgunShōgun 将軍 Shōgun; Titel der Militärherrscher aus dem Kriegeradel NikkoDaibutsu StatuenOkuninushiHonji suijaku... mehr eine neue Herr­scher­dynastie mit Sitz in Kamakura, unweit des heutigen Tōkyō. Er beendet damit die poli­tische Hege­monie des TennōTennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels OpfergabenEn no GyojaOkuninushiYasukuniGeschichte... mehr-Hofes, doch wird dieser nicht ab­ge­schafft, sondern bleibt weiter­hin in der alten Haupt­stadt Kyōto (Heian-kyōHeian-kyō 平安京 urspr. Name der Stadt Kyōto; wtl. Stadt des Friedens; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) RegenmachenHeian ZeitZoga) bestehen. Der politische Wechsel folgt auf eine lange Phase der politischen De­zentra­lisie­rung, also einer Schwä­chung der Zentral­macht, verbunden mit dem Aufstieg lokaler Militär­macht­haber (Krieger­adel, bukebuke 武家 Kriegeradel; die führenden Kriegerklans Zen oder Samurai, bushibushi 武士 Krieger, Samurai HachimanReichseinigungZenStereotype), vor allem in den Pro­vinzen Ost­japans. Im Zuge dieser De­zentra­lisie­rung ver­breitet sich auch der Bud­dhis­mus immer stärker außerhalb des politischen Zentrums und der kulturellen Eliten.

Die Karte wird geladen …

Aus Sicht des Hofadels (kugekuge 公家 Hofadel; die führenden höfischen Familien BakumatsuZen) ändert sich das Leben den­noch nicht allzu drastisch. Die mächtigen FujiwaraFujiwara 藤原 mächtigste Adelsfamilie im jap. Altertum Bekannte SchreineKasugaTenjinBekannte TempelOkuninushi... mehr verheiraten ihre Söhne und Töchter nun auch mit den ehemals verachteten Krieger­häusern und parti­zipieren auf diese Weise immer noch an polit­ischen Ent­scheidungs­prozessen. Die anderen Hof­familien erfüllen weiterhin ihre ange­stammten kulturellen und religiöse Funk­tionen. Der tradi­tionelle Status­unterschied von Hof- und Kriegeradel, der sich in einem rigiden System hö­fischer Ränge ausdrückt, bleibt nach wie vor aufrecht und verschleiert die tat­säch­lichen Macht­ver­hält­nisse. Dieses doppelte System von Macht und Status bleibt bis zum Beginn der Moderne — und in gewisser Weise auch noch danach — ein charak­teris­tisches Element der politischen Struktur Japans.

Die Zeit nach dem Umbruch ist daher weiterhin politisch instabil. Obwohl sich der Kaiser­hof vorder­hand damit abfindet, die Ent­schei­dungen des Kamakura-Shōgunats formal ab­zu­segnen, stellt die Möglich­keit seiner politischen Neu­er­star­kung eine per­ma­nente latente Be­drohung für den Shōgun dar. Ende des drei­zehnten Jahr­hunderts kommt schließ­lich eine Gefahr von außen dazu: die Mongolen, die innerhalb von fünfzig Jahren China und Korea er­obert haben, sehen auch in Japan ein loh­nen­des Angriffs­ziel. 1274 und 1281 kommt es zu groß­an­ge­legten Angriffen, die der Über­liefe­rung zufolge jeweils durch „göttliche Winde“ (kamikazekamikaze 神風 Götterwind; urspr. ein poetischer Beinamen der Provinz Ise, wird der Begriff seit den Mongolenangriffen des 13. Jh.s mit göttlichem Schutz im Krieg assoziiert und daher auch mit den Selbstmord-Piloten des 2. Weltkriegs in Verbindung gebracht OpfergabenSchreinanlage IseOpferShinto Mittelalter... mehr) ver­eitelt werden. Trotz der erfolg­reichen Ver­tei­digung der territorialen Integrität des Landes schwächen die gewaltigen Militär­aus­gaben, die der Mon­golen­angriff mit sich bringt, das Shōgunat. 1333 kommt es schließlich zu neuen dynastischen Kämpfen, aus denen 1336 die Familie der AshikagaAshikaga 足利 Kriegerfamilie, die 1336 eine neue Herrschaftsdynastie begründete: Ashikaga Shōgunat, 1336–1573 sieg­reich her­vor­geht und ein neues Shōgunat, diesmal wieder in der alten Hauptstadt Kyōto begründet. Die neue Epoche wird heute als MuromachiMuromachi 室町 Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit) AmidismusShinto MittelalterZenStereotype... mehr-Zeit bezeichnet und stellt zusammen mit der Kamakura-Zeit das japanische Mittelalter dar.

Neue buddhistische Richtungen

Reli­gions­geschicht­lich ist der Beginn des japanischen Mittel­alters durch das Auf­treten ver­schie­dener religiöser Gründer­figuren cha­rakte­risiert: HōnenHōnen 法然 1133–1212; Gründer der Jōdo-shū, der Schule vom Reinen Land AmidismusNichiren (1133–1212), ShinranShinran 親鸞 1173–1262; Gründer der Jōdo Shin-Schule Bekannte TempelAmidismusNichiren (1173–1262), DōgenDōgen Kigen 道元希玄 1200–1253; Begründer des Sōtō Zen; auch Eihei Dōgen. ArhatsZen (1200–1253) und NichirenNichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismus Soka GakkaiNichirenKamikazeWeltbild... mehr (1222–1282) ver­breiten jeweils neu­artige Lehren und stehen damit für eine Welle der Er­neue­rung inner­halb des ja­pa­nischen Bud­dhis­mus, die man auch als „Neuen Buddhismus“ der Kamakura-Zeit — im Unter­schied zum „Alten Buddhismus“ der TendaiTendai-shū 天台宗 Tendai-Schule, chin. Tiantai YamabushiNikkoBekannte TempelBerg KoyaBishamon-ten... mehr- und ShingonShingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan AhnenkultMoencheYamabushiBekannte TempelBerg Koya... mehr-Schulen sowie der so­ge­nannten NaraNara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō EmaYamabushiBautenHachimanItsukushima... mehr-Schulen — bezeichnet.

Die starken Reform­kräfte innerhalb des Bud­dhis­mus dieser Zeit sind wahr­schein­lich der Aus­brei­tung des Bud­dhis­mus in breitere Be­völke­rungs­schichten zuzu­schreiben. Vor allem der AmidaAmida 阿弥陀 Buddha Amitabha; Hauptbuddha der Schulen des Reinen Landes (Jōdo-shū bzw. Jōdo Shinshū) JahrNikkoDaibutsu StatuenAmidismusAmidas Geluebde... mehr-Bud­dhis­mus mit seinem starken Glauben an die Er­ret­tung in Amidas Reinem Land jōdojōdo 浄土 Reines Land, Paradies AmidismusHeian ZeitZenAmida... mehr lässt sich als Antwort auf das Bedürfnis nach einer einfachen, für jeder­mann prakti­kablen Form der bud­dhis­tischen Religions­aus­übung auf­fassen. Im Unter­schied zu den etablierten Schulen hatten die amidis­tischen Reformer nicht mehr nur die ge­sell­schaft­lichen Eliten im Auge und waren nicht mehr bereit, sich in den Dienst ihrer Inte­ressen zu stellen. Sie predigten auf öffent­lichen Plätzen und scharten Anhänger aus allen ge­sell­schaft­lichen Schichten um sich. Das hatte einer­seits einen breiten Zulauf zur Folge, anderer­seits brachte es die Amidisten bald mit den staatlichen Autoritäten in Konflikt.

Aber auch die neuen Führungs­eliten aus dem „Kriegeradel“ suchten und fanden neue religiöse Formen, namentlich im Zen-Buddhismus. Die neuen Rich­tungen des Bud­dhis­mus breiteten sich also nicht gleich­mäßig in der Be­völke­rung aus, sondern jeweils in spezi­fischen Schichten: Bauern­schaft und niederer Krieger­adel tendierten, wenn sie nach religiösen Alter­nativen suchten, zum Amidis­mus, die all­gemeine Stadt­bevölkerung fühlte sich von NichirenNichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismus Soka GakkaiNichirenKamikazeWeltbild... mehr und seinen An­hängern an­ge­sprochen, der höhere Krieger­stand vom ZenZen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismus RegenmachenHoteiDrachenbilderSutra-Buddhismus.

Auf den nächsten Seiten werden die Gründer dieses Neuen Bud­dhis­mus als Re­prä­sen­tanten der Kamakura-zeitlichen Religions­geschichte genauer vor­ge­stellt. Ich möchte jedoch gleich vorweg auch die Kritik erwähnen, die in jüngerer Zeit gegen die über­mäßige Betonung von Figuren wie Hōnen, Shinran, Dōgen oder Nichiren vorgebracht wurde. Trotz ihrer inno­vativen Ideen stellten diese Mönche inner­halb der religiösen Welt des ja­pa­nischen Früh­mittel­alters nur eine kleine Minder­heit dar, deren Be­deu­tung sich erst retro­spektiv, durch den späteren Erfolg ihrer Lehren ergibt. Dieser Erfolg ist aber nicht selten auf die An­stren­gungen der Nach­folger zurück­zu­führen, die dabei die ur­sprüng­lichen Intentionen der Gründer stark ver­änderten. Dies trifft ganz besonders auf RennyoRennyo 蓮如 1415–1499; Mönch der Jōdo Shin-Schule Amidismus, den er­folg­reichen Reformator der Jōdo ShinshūJōdo Shinshū 浄土真宗 Shin-Buddhismus, bzw. Jōdo Shin-Buddhismus; wtl. „Wahre Schule des Reinen Landes“ AhnenkultBekannte TempelAmidismusReichseinigung... mehr aber auch auf diverse Zen- und Nichiren-Mönche der Muromachi-Zeit zu. Die Erfolge des Neuen Bud­dhis­mus sind also nicht allein auf die Ideen seiner Gründer zurück­zu­führen, sondern auch darauf, dass es spätere Gene­rationen ver­standen, diese Lehren geschickt an sich verändernde ge­sell­schaft­liche Ver­hältnisse anzu­passen, ohne sich dabei allzu streng an die Thesen der Gründer­väter zu halten.

Buddhismus und Krieg

Raigō // Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Adachi Ginko. 1896 // Bildquelle: ukiyo-e, (Artelino) (letzter Zugriff: 2016/8) // Vor einem esoterischen Goma-Altar, eine vajra-Glocke in der Hand, bereitet Raigō seine Rache vor.
Rituelle Verwünschungen

Sieht man sich die reli­giöse Bilder­welt oder auch die Erzähl­literatur der Kamakura-Zeit genauer an, so fällt auf, dass hier Gestalten des eso­terischen Bud­dhis­mus, der von den „alten Schulen“ Tendai und Shingon ver­treten wurde, eine wesent­lich größere Rolle spielen, als dies nach den Lehren des „Neuen Buddhismus“ der Fall sein dürfte. Auf­fallend ist vor allem die stetige Zunahme von furcht­ein­flößenden Figuren wie myōōmyōō 明王 wtl. Licht-König, auch „Mantra-König“ oder „Weisheits-König“; meist zornvoll dargestellte Schutzgottheit; skt. Vidyaraja IkonographieDaikokuKannonBato Kannon... mehr und tenbutenbu 天部 Gruppe der indischen bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva) Bishamon-tenIkonographieGluecksgoetterKannon... mehr. Un­will­kürlich ist man geneigt, die Beliebt­heit dieser kriege­rischen Wächter­figuren des eso­te­rischen Bud­dhis­mus mit den kriege­rischen Um­wäl­zungen des japanischen Mittel­alters in Verbin­dung zu bringen.

Dieser Eindruck ist keineswegs unrichtig. Die buddhistischen Klöster des ja­pa­nischen Mittel­alters werden heute oft als die Haupt­gewinner im Spiel der Mächtigen jener Zeit an­ge­sehen. Gerade im Krieg kam ihnen eine ganz besondere Funktion zu. Nach all­ge­meinem Glauben beruhte nämlich der Aus­gang einer Schlacht nur zum Teil auf dem militärischen Geschick der Kon­tra­henten. Min­des­tens ebenso wichtig war der Bei­stand von kamikami Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō AlltagAhnenkultGluecksbringerKamidanaMatsuri... mehr und BuddhasBuddha बुद्ध „Der Erleuchtete“, jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀 AlltagAhnenkultFriedhofGorintoShikoku... mehr und ein Gut­teil der Kriegs­vor­berei­tungen bestand daher in der Ab­haltung ent­spre­chender religiöser Zeremonien. Diese Zeremonien wandten sich meist nicht direkt an die höchsten Buddhas, sondern an ihre „Manifestationen“ in kriege­rischer Form, zu denen unter anderem auch ein­hei­mische kami gezählt wurden (siehe dazu auch „Die Angriffe der Mongolen“). Eine weitere Funktion des Bud­dhis­mus im Krieg war die Betreuung der Toten. Die Ji-SekteJi-shū 時宗 Amida-Schulrichtung aus der Kamakura-Zeit, gegründet von Ippen Amidismus, eine Fraktion des Amida-Bud­dhis­mus, spezialisierte sich bei­spiels­weise auf die Bestattung von Gefallenen.

Kriegermönch Musashi-bō Benkei // Farbholzschnitt von Utagawa Kuniyoshi. Ca. 1832 // // Der Kriegermönch Benkei, der treueste Vasall des Helden Minamoto no Yoshitsune.
Kriegermönch Benkei

Die mächtigsten reli­giösen Insti­tu­tionen spielten in den Kriegswirren des Mittel­alters im übrigen eine ähn­liche Rolle wie die katho­lische Kirche zur gleichen Zeit in Europa: Sie unter­stützten die kriegs­führenden Parteien nicht nur durch Riten und Gebete, sie griffen sogar selbst aktiv ins Kampf­ge­schehen ein, vor allem wenn es um die Ver­teidi­gung oder Er­weite­rung der eigenen Terri­torial­rechte ging. Klöster wie der Enryaku-jiEnryaku-ji 延暦寺 Haupttempel des Hiei Klosterbergs Bekannte TempelOkuninushiHonji suijakuVerwuenschungen... mehr auf Berg HieiHiei-zan 比叡山 Klosterberg Hiei bei Kyōto, traditionelles Zentrum des Tendai Buddhismus Honji suijakuVerwuenschungenReichseinigung oder der Kōfuku-jiKōfuku-ji 興福寺 Tempel des Hossō-Buddhismus; einer der Sieben Großen Tempel von Nara Bekannte SchreineKasugaBekannte TempelNara... mehr in NaraNara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō EmaYamabushiBautenHachimanItsukushima... mehr zählten zu den größten Grund­besitzern der damaligen Zeit und hielten zu ihrer Ver­teidi­gung ge­fürch­tete Armeen von Mönchs­soldaten (sōheisōhei 僧兵 Kriegermönch, Mönchssoldat Bekannte Tempel) aufrecht, die auch unter der Be­zeich­nung akusōakusō 悪僧 Kriegermönch; wtl. „schlechter Mönch“ (wtl. „schlechte Mönche“) bekannt waren. Diese Be­zeich­nung deutet zwar an, dass das Bewusst­sein, als Mönchs­soldat nicht ganz den Idealen des Bud­dhis­mus zu dienen, latent vor­handen war, doch wurden die akusō durchaus als Kämpfer geachtet und galten keines­wegs als mora­lisch tief­stehende Personen. Zu ihnen zählt auch einer der be­kanntesten Helden der japanischen Samurai-Folklore, nämlich BenkeiBenkei 弁慶 legendärer Kriegermönch des Genpei-Krieges (?–1189) , der treue Begleiter von Minamoto no YoshitsuneMinamoto no Yoshitsune 源義経 1159–1189; japanischer Feldherr und Halbbruder von Minamoto no Yoritomo Tengu.

Das „System esoterischer und exoterischer Lehren“

Ein neuerer Forschungs­ansatz vertritt daher die Ansicht, dass sich der religiöse Mainstream der Kamakura-Zeit nicht im „Neuen Buddhis­mus“, sondern nach wie vor in den etablierten Schulen Tendai und Shingon finden ließe. Das besondere Augen­merk der traditionellen japa­nischen Buddhis­mus­for­schung auf einzelne Reformer und ihre Lehren würde den Blick auf die tat­säch­lichen Ver­hältnisse ver­stellen. Viel be­deut­samer seien die Ver­änderungen inner­halb des religiösen Establish­ments, aber auch neue sozialen Funktionen der Religion am Rande der Ge­sell­schaft. In diesem Zu­sammen­hang hat etwa Kuroda ToshioKuroda Toshio 黒田俊雄 1923–1993; Historiker und Religionswissenschaftler Jindo und ShintoWeltbild sein berühmtes Modell des kenmitsu taiseikenmitsu taisei 顕密体制 System exoterischer und esoterischer Lehren , des Systems eso­terischer und exo­terischer Lehren, entwickelt. Das kenmitsu taisei stellt nach Kuroda ein komple­mentäres Inei­nander­greifen von geheimen esote­rischen Riten und exote­rischen Dogmen dar und war für die großen religiösen Zentren im Mittel­alter (unabhängig ob Tendai-, Shingon oder sonst wie orientiert) charakteristisch. Der kenmitsu-Buddhismus (der natürlich nur eine histo­rische Kon­struktion ist) bediente sich der ver­schiedensten Strö­mungen und Rich­tungen und wandte sie pragmatisch und in enger Ver­flechtung mit den jeweiligen Macht­ver­hältnissen an. Aus theo­logischer Sicht lassen sich die Ver­treter des kenmitsu taisei vielleicht am besten dadurch charak­terisieren, dass sie unter­einander zwar einen relativ hohen Grad an Toleranz aufweisen, sich aber umso ve­he­menter gegen alle aus­schließenden, radikalen, „funda­menta­listischen“ Glaubens­formen wenden, wie sie für viele Vertreter des „Neuen Bud­dhis­mus“ typisch sind.

Trotz der Bedeutung des kenmitsu-Bud­dhis­mus für die Reli­gion des japanischen Mittel­alters folge ich auf den nächsten Seiten dem tradi­tionellen Schema und be­handle vor allem die Gründer­figuren des sog. „Neuen Buddhismus“. Inner­halb des heutigen japanischen Bud­dis­mus haben ihre Lehren nämlich die alten Schulen über­flügelt und es ist insofern un­er­lässlich, sich mit der Ent­stehung ihrer Ideen aus­einander­zu­setzen. Wer aber Genaueres über die religiöse Be­find­lich­keit von der späten Heian-Zeit bis in die Kamakura- und Muromachi-Zeit erfahren will, dem empfehle ich die Beschäftigung mit buddhistischen Legendensammlungen (setsuwasetsuwa 説話 Lehrerzählung, didaktische Anekdote; meist von buddh. Mönchen in Form umfangreicher Sammlungen kompiliert OpferRegenmachenHeian ZeitZoga... mehr), wie Konjaku monogatariKonjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext HorrorklassikerJindo und ShintoOpferHeian Zeit... mehr oder ShasekishūShasekishū 沙石集 Sammlung buddhistischer Erzählungen und Anekdoten, 1283 verfasst von Mujū Ichien Zen. Aber auch die berühmten Traktate von gebildeten Laien­mönchen, das HōjōkiHōjōki 方丈記 „Bericht aus meiner Hütte“, Traktat von Kamo no Chōmei, geschrieben 1212 von Kamo no ChōmeiKamo no Chōmei 鴨長明 1153?–1216; japanischer Poet und Autor, der nach buddh. Lehren als Eremit lebte; auch bekannt unter seinem buddh. Namen Ren’in 蓮胤 und das TsurezuregusaTsurezuregusa 徒然草 „Aufzeichnungen aus Mußestunden“; Gedanken und Anekdoten von Yoshida Kenkō, verfasst ca. 1330–1332 von KenkōYoshida Kenkō 吉田兼好 1283?–1350?; japanischer Autor und buddh. Mönch bieten aus­ge­zeich­nete Einblicke in das religiöse Welt­bild des Mittelalters.

Ikonographie 
Diese Seite zitieren
„Kamakura-Zeit: Alter und Neuer Buddhismus.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 11.2.2019). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Kamakura?oldid=72612