Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Die „verschmitzte“ Dienstmagd Crispina Helena

Celibilicribrifacio, Jungfer Robinsone, Oder die verschmitzte Jungen-Magd (1724). Illustration

Sie wimmeln überall, haben ununterbrochen Sex, sind ungezogen und unnachgiebig. Sie klauen und sie lügen, sind hoffärtig und gotteslästerlich. Jahrhundertelang stand besonders der weibliche Teil des Gesindes im Brennpunkt diskursiver Öffentlichkeiten. Ein Quellenbeispiel aus den zahllosen Verordnungen, Verurteilungs- und wenigen Verteidigungsschriften aus den Gebieten des Rechts, der Theologie, der Ökonomie und der Trivialliteratur.

Eine Katalogrecherche bei der Staatsbibliothek zu Berlin, der Österreichischen Nationalbibliothek sowie der Bayerischen Staatsbibliothek mit den Stichworten (Dienst)-magd sowie -mägden ergibt allein für das 18. Jahrhundert circa 140 deutschsprachige Monografien, wobei zahlreiche Mehrfachauflagen nicht mit eingerechnet sind. Nimmt man das 19. Jahrhundert hinzu, erhöht sich die Zahl auf nahezu 360 monografische Schriften. Ein schier endlos wuchernder Wald literarischer Erzeugnisse, der bislang weder historisch noch literaturwissenschaftlich durchforstet wurde. Selbst die herausragende Studie Renate Dürrs zu Mägden in der Frühen Neuzeit[1] oder die neuere literaturwissenschaftliche Studie Eva Eßlingers,[2] die sich der Hochliteratur zugewandt hat, haben sich nicht oder nur kursorisch an das Diskursdickicht gewagt.

Ich habe für diesen Beitrag ein einzelnes Schriftstück ausgewählt, welches bislang wenig Erwähnung gefunden hat.[3] Es ist in seiner Aufmachung innerhalb des mägdespezifischem Diskursraums für die ersten dreißig Jahre des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich, da Mägde meist in theologischen, besonders protestantischen, einigen wenigen katholischen Erzeugnissen, satirischen Beiträgen und Spiegeltraktaten behandelt wurden. Die Jungfer Robinsone, Oder die verschmitzte Jungen-Magd von Celibilicribrifacio (Pseudonym), 1724 gedruckt,[4] ist hingegen dem Genre nach dem erotischen Roman zuzurechnen und deshalb ein, besonders der Form nach, spannendes Zeugnis der Mägdeliteratur. Doch wie wurden diese normativen Inhalte nun im Medium der Trivialliteratur verbreitet?

Ein Leben als Dienstmagd im 18. Jahrhundert

Was ist überhaupt eine Dienstmagd? Werfen wir einen kurzen Blick in den „Zedler“, das umfangreichste Lexikon in deutscher Sprache in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der „Zedler“ berichtet, dass man unter

Gesinde, Brödlinge, Dienst=Boten, Ehehalten, […] diejenigen Personen beyderley Geschlechts, so uns um einen gewissen Jahre=Lohn und die tägliche Kost dienen, und unsere Befehle mit aller Treu auch möglichstem Fleisse und Sorgfalt ausrichten sollen, nemlich Knechte und Mägde [verstand].[5]

Mich interessiert hier besonders die Eröffnung des asymmetrisch-rechtlichen Verhältnisses. Speziell unter einer Magd hat man sich in der engen Bedeutung des Wortes „[e]ine gemeiniglich unverheirathete, oft aber auch verheirathete weibliche Person, welche sich zu geringen häuslichen Diensten auf eine gewisse Zeit vermiethet [hat]“, vorzustellen.[6] Gerade die Punkte „unverheiratet“ und „weiblich“ ergeben in Kombination ein anstößiges Sujet, welches auch noch im 20. Jahrhundert, trotz unzähliger Frauen, die diesen Beruf ausübten,[7] zu Kritik einlud, vorab diskursiv gebrandmarkt und somit einer öffentlichen Kontrolle unterworfen wurde. Daneben wird ebenso immer wieder auf das junge Alter der Mägde geschielt.[8]

Mägde sind dabei im wahrsten Sinne des Wortes transhistorische Figuren. Sie überstanden selbst die Modernitätsschwellen „1800“ und „1900“,[9] die mit Gleichheitspostulaten und Abschaffung alter feudalrechtlicher Bestimmungen warben, aber ohne größere, arbeitsrechtliche Neuerungen auskamen.[10] Mägde können insofern als Relikte aus vergangen Zeiten gesehen werden. Durch ihren doppelten Charakter als transhistorisch kulturelle Figuration bei gleichzeitiger sozialer Realität als Möglichkeit vieler Frauen, ihren Lebensunterhalt zu sichern, entfachten Mägde ein enormes Interesse und luden zur wiederholten Reflexion, Verteidigung und Beschimpfung ein.

Eine Robinsonade

Im Stile einer Robinsonade gehalten, handelt der Text nicht von der Entwicklung einer weiblichen Zivilisationsträgerinnenfigur, wie dem Genre nach zu erwarten wäre, sondern vom Abstieg einer Bürgermeistertochter zu einer Magd/Köchin. Das ist insofern interessant, da die Robinsonade im 18. und 19. Jahrhundert als dezidiert männliche Gattung gilt, die die Beherrschung eines Naturzustandes und den Individuationsprozess eines männlichen Individuums in der Neuzeit thematisiert.

Celibilicribrifacio, Jungfer Robinsone, Oder die verschmitzte Jungen-Magd (1724). Titelbild

Das Vorwort beginnt mit der Einführung einer Autorin. Was nicht bedeutet, dass nicht auch ein Mann Schreibender gewesen sein könnte. Die Inszenierung als weiblich wird so jedoch zur Legitimierungs- und Verkaufsstrategie. Der sehr misogyne Text lässt allerdings Zweifel an einer Autorinnenschaft aufkommen. Im Kontext des Mägdewesens ist eine weibliche Sprecherinnenposition selten,[11] eine (fingierte) Autorin und gleichzeitig eine Protagonistin ungewöhnlich. Die vorgestellte Autorin habe sich als Dienstmagd hochgearbeitet und halte nun aufgrund ihrer erlangten Bildung „Jungenmägden“, der untersten Stufe der weiblichen Gesindehierarchie, einen Spiegel vor. Soweit integriert sich vorliegender Text in Form eines Romans vorerst in die übrige traktatlastige Diskurslandschaft, indem er wie auch bei den viel berühmteren Fürstenspiegeln die Vorführung einer moralisch-sittlich einwandfreien Lebensführung – hier aber in negativo – aufzeigt.

Nach dem unfreiwilligen Auszug aus dem Elternhaus, vielen kleineren Abenteuern, erotischen Begegnungen und Stellungswechseln verliert die Protagonistin Crispina Helena in der nun folgenden Szene ihren „Jungfern=Cranz“. Der häufige Dienstwechsel ist ein klassischer Vorwurf an Mägde. In der Regel wird er verbunden mit dem Hinweis, dass dies geschehe, um möglichst schnell innerhalb der Gesindehierarchie aufzusteigen. Helena geriet auf ihren Stationen nun an einen „Baron von Auffschneidshausen“. Zum Zeitpunkt der Szene dürfte ihre Pubertät noch nicht abgeschlossen sein.

Der Baron begehrt Helena. Sie kennt ihn kaum, daher fürchtet sie sein Verlangen und wünscht eine Hochzeit. Bei einem Picknick füllt der später als falsch enttarnte Baron sie mit Branntwein ab und macht sie betrunken. Dabei zieht er einen Diamantring aus seiner Tasche und steckt ihn ihr an, hängt ihr eine Kette um, „[u]nd damit war ich [Helena] gefangen.“ Das Liebeswerben wird als männliche Bemächtigung inszeniert. Helena ist es jedoch auch „ohnmöglich, länger zu läugnen, daß […] [sie] von Fleisch und Blut zusammen gesetzet wäre. Ich fühlte mich vor Entzückung selbst nicht mehr“. Helena schläft mit dem Baron. Die darauf folgende Kommentarpassage moralisiert das Geschehene. Da das „Laster der Hurerey eine Sünde“ sei, dächten sich viele Jungenmägde, wenn schon, dann schlafe ich wenigstens mit einem vornehmen Mann. So verarbeitet der Text normatives Wissen in Form einer „unterhaltsamen“ Erzählung.

Nach dem Geschlechtsverkehr wird Helena unter Vorwand vom Baron alleine zurückgelassen. Sein Kutscher solle sie zurück in die Stadt bringen. Auf dem Weg dorthin hält der Kutscher und steigt zu ihr nach hinten. Er möchte mit ihr schlafen. Sie weigert sich. Er beschimpft sie als „Donner=Hure“, da sie dem Herrn doch für eine goldene Kette zu Willen gewesen wäre. Wut packt den Kutscher, „damit kriegte er mich [Helena] bey den Achseln, und fienge mich dermassen an zu schütteln, daß mir das Herz im Leibe krachte“. [12] Er vergewaltigt Helena. Sie will sich zwar beschweren, lässt dies aber mit Blick auf die Hochzeit bleiben und bittet den Täter bloß um Verschwiegenheit. Auf textueller Ebene wird die Vergewaltigung verharmlost. Dies geht konform mit der Rechtsgrundlage, dass die Strafe bei der Vergewaltigung einer ,liederlichen‘ Frau wie einer Prostituierten nicht gleich schwer zu sein hat, wie bei einer ,anständigen‘ Frau.[13]

verdefendierende Satirische Verteidigung der Mägde vor den bösen Anschuldigungen des Marforius, Titelbild einer Mägdeschrift

Interessant ist die Verarbeitung ihres Verlangens. Wiederholt tritt in der Traktatliteratur der Vorwurf der liederlich-lüsternen Dienstmägde auf. Mägde würden sexuelle Verfehlungen begehen – selbst Sex mit ihren verwitweten Hausherrn wird ihnen in dieser Literatur als ihre Schuld ausgelegt. Denn Mägde verführten diese weiblich-listig. Auch hier stehen normative Traktatliteratur und der vorliegende Roman in Einklang. Die fleischliche Schwäche der Protagonistin tritt hervor und ist konstitutiver Bestandteil des Diskurses. Mägde seien aufgrund mangelnder Religions- und Sittenkenntnisse und fehlender intellektueller Reife nicht in der Lage sexuelles Begehren zu kontrollieren. Ihr Körper vollziehe das übrige. Die männliche Position wird kaum hinterfragt. Eher warnt man Männer, „daß ihr eure Vernunfft besser zu rathe ziehet. Bedencket doch die Schande, sich von einer Jungen=Magd bethören zu lassen“.[14]

Der weitere Verlauf und die darauffolgende Szene mit anschließender Vergewaltigung kehrt das Vorherige um. Sie macht aus einem lust- einen qualvollen Akt. Eine gewisse Gleichgültigkeit strukturiert den weiteren Handlungsverlauf. Der eingetretene Pfad bleibt aber textimmanent unumkehrbar. Helena verdingt sich danach, frühneuzeitlichen Vorwürfen entsprechend, als Prostituierte. Doch ist sie nicht nur schutzlos. Auch im letzten Kapitel zeigt Helena Eigensinn und -initiative. Sie will einen bestimmten Magister heiraten und könnte dann „Frau Magisterin“ werden.[15]
Mehrere Versuche scheitern und sie ärgert sich, dass sie „um seinetwillen andere Schnabel=Weide ausgeschlagen [habe]“.[16] Es lassen sich Konturen selbstbestimmt-weiblicher Sexualität erkennen, die sich nicht in bloßer Verurteilung, sondern auch einem gewissen Spaß am Verbotenen ergehen.

Engführung

Der vorliegender Text Jungfer Robinsone, Oder die verschmitzte Jungen-Magd verarbeitete wie häufig ein asymmetrisches Beziehungsgeflecht zwischen niedriger Magd und hohen Herrn, dabei wurde die gefallene Bürgertochter mit Eintritt in den Mägdestand zur unersättlichen Hure stilisiert. Mägde wären so für Männer leichte Beute. Der Text suggeriert in diesem Sinne, dass eine Vergewaltigung in Aussicht auf ein besseres Leben zu verschmerzen seien müsste; als junge, meistens arme, von körperlichen Lüsten überwältigte Wesen müssten Mägde so von verschiedensten Seiten innerhalb gesellschaftlicher Ordnungen exponiert werden. Die in diesem dichten Diskurs auftauchenden Mägde dienten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Kontrastfolie des Ideals bürgerlicher Weiblichkeit und einer religiös-sittlichen Lebensführung.

Tim Rütten

Zum Themenkomplex Dienstmägde siehe auch: Tim Rütten, Wahnsinn aus Heimweh im langen 19. Jahrhundert. Dienstmägde zwischen Normalisierung, Disziplinierung und Delinquenz, in: Veronika Helfert, Jessica Richter, Brigitte Semanek, Alexia Bumbaris, Karolina Sigmund (Hg.), Frauen- und Geschlechtergeschichte un/diszipliniert? Aktuelle Beiträge aus der jungen Forschung (=Studien zur Frauen- und Geschlechtergeschichte 11), Innsbruck/Wien/Bozen 2016, 67–92.

Anmerkungen

[1] Renate Dürr, Mägde in der Stadt. Das Beispiel Schwäbisch Hall in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M. 1995.

[2] Eva Eßlinger, Das Dienstmädchen, die Familie und der Sex. Studien zu einer irregulären Beziehung in der europäischen Literatur, München 2013.

[3] Kurze Erwähnung findet es bei Marian Füssel, Gewalt im Zeichen der Feder. Soziale Leitbilder in akademischen Initiationsriten der Frühen Neuzeit, in: Michaela Hohkamp, Claudia Jarzebowski, Claudia Ulbrich (Hg.), Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD, Berlin 2005, 101-116.

[4] Celibilicribrifacio, Jungfer Robinsone, Oder die verschmitzte Jungen-Magd. Worinne Deroselben Ankunft, Erziehung, Flucht,Reisen, Lebens-Wandel, Auffstellungen, Fata und endlich erlangte Ehe, erzehlet. Dieses Völckgens Untugend, lose Händel und schlimme Streiche abgehobelt und auf die Seite geworffen werden, Historisch doch ziemlichwahrhafftig und anderen zur Warnung vorgestellet von Celibilicribrifacio, Hall in Schwaben 1724.

[5] Art. Gesinde, in: Grosses vollständiges Universal=Lexicon Aller Wissenschaften und Künste […] im Verlag Johann Heinrich Zedlers, 10. Band G. – Gl., Halle u. a. 1735, 1282–1288. Hier: 1282. [Fortan: Zedler].

[6] Art. Magd, die, in: Grammatisch=kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarte […] von Johann Christoph Adelung, Dritter Theil, von M – Scr., Leipzig 1798, 13.

[7] Vgl. bspw. E. Hurwicz, Kriminalität und Prostitution der weiblichen Dienstboten, in: Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik 65, Heft 3/4, Leipzig 1916, 185-251.

[8] Zedler, Art. Gesinde, 1282.

[9] Lose sei, als Marker einschneidender Erneuerungen, verwiesen auf: Friedrich Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985. Zu Zeitenschwellen aus frauen- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive siehe: Gabriella Hauch / Monika Mommertz / Claudia Opitz-Belakhal (Hg.), Zeitenschwellen. L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 25, 2, 2014.

[10] Zu Neuerungen innerhalb arbeitsrechtlicher Bestimmungen siehe: Jessica Richter, What is “Domestic Service” Anyway? Producing Household Labourers in Austria (1918-1938), in: Dirk Hoerder, Elise van Nederveen Meerkerk u. Silke Neunsinger (Hg.), Towards a Global History of Domestic and Caregiving Workers (=Studies in Global Social History, 18/Studies in Global Migration History, 6; Leiden 2015), 484–510.

[11] Im gleichen Zeitraum ist mir sonst nur Anonym, Die sich selbst verdefendierende Dienst-Magd, Das ist: Ein Gespräch zwischen einer Dienstmagd und einer Trödel-Frau über das vor weniger Zeit herausgegebene Leben und Wandel derer Dienst-Mägde grosser Städte des Marforii, Göttingen 1719, bekannt.

[12] Celibilicribrifacio, Jungfer, 89.

[13] Vgl. Claudia Jarzebowski, Inzest. Verwandtschaft und Sexualität im 18. Jahrhundert (=L’homme Schriften 12 Reihe zur Feministischen Geschichtswissenschaft), Köln u. a. 2006. Hier 97.

[14] Celibilicribrifacio, Jungfer 126.

[15] Ebd., 135.

[16] Ebd., 125.

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