Das Bildzitat. Intermedialität und Tradition

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Konstanze Fliedl

Projektteam: Katharina Serles

Fördergeber:
FWF Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 21762)

1. Voraussetzungen

Im Zusammenhang mit der neu etablierten Disziplin der Bildwissenschaft ist in den letzten Jahren die Zahl der theoretischen Untersuchungen zur Bildlichkeit in Texten sprunghaft gestiegen. Dabei werden vor allem Fragen zu Visualisierungsstrategien, „filmischem“ Erzählen oder memorialer Bildlichkeit thematisiert. Daneben widmen sich immer mehr Einzeluntersuchungen den Kunstreferenzen in Texten bestimmter Autoren. Hier geht es um Verweise auf nicht-imaginäre Kunstwerke; in der Literatur der Moderne haben solche „Bild-Zitate“ überwiegend poetologische Funktionen. Im literaturgeschichtlichen Längsschnitt lassen sich dabei synchron privilegierte Bildspender und diachron regelrechte Zitationsketten ausmachen: Kunstverweise im Text „zitieren“ nicht nur ein Bild, sondern implizit auch ihre literarischen Vorgänger. Sie sind daher komplexe, sowohl intermediale als auch intertextuelle Phänomene. Hier zeigt sich aber eine Forschungslücke: In der Regel gehen Einzelstudien davon aus, daß der betreffende Autor eine unmittelbare Begegnung mit dem Kunstwerk verbalisiert. Längsschnitte zum Bildzitat liegen mit wenigen Ausnahmen nicht vor. Lediglich die literarische Rezeptionsgeschichte von Albrecht Dürer ist gut belegt; Studien zur literarischen Diskursgeschichte der meistrezipierten Künstler oder Kunstwerke fehlen.

2. Problemstellungen

Desiderat ist mithin eine vergleichende Untersuchung zur Tradition des Bildzitats in der deutschsprachigen Literatur der Moderne. Es läßt sich zeigen, daß Kunstreferenzen ihren eigenen Kanon erzeugen. Dieser enthält bestimmte Konstanten (so ist ein Spezifikum des deutschsprachigen Literatur etwa die Überrepräsentanz von Dürer, Bruegel und Barlach); daneben müssen die Variablen, etwa zeittypische Zitations-„Cluster“ oder neu auftretende Bildspender beschrieben werden (etwa der „Renaissancismus“ der Gründerzeit, die Impressionismus-Rezeption um 1900, der Paradigmenwechsel von figurativ-gegenständlicher zu abstrakter Kunst usw.). Dazu kommen die medialen und diskursgeschichtlichen Voraussetzungen der Bilderwahl: Sie ist einerseits durch neue technische Möglichkeiten der Bild-Reproduktion, andererseits durch steuernde kunsthistorische, populärwissenschaftliche oder trivialliterarische Vorgaben determiniert (z.B. Jacob Burckhardts kulturhistorische Schriften; Reiseführer und Museumshandbücher; mythologisierende Künstlerromane etc.). In den Zitationsketten selbst spielen ideologische und ikonologische Faktoren eine entscheidende Rolle: Die Bilddeutung des/der Vorgänger/s wird affirmiert oder kritisch in Frage gestellt.

3. Vorarbeiten

Das Vorprojekt P17919 liefert die Voraussetzungen der geplanten Untersuchung. Neben einem Lexikon der Kunstzitate von 250 Autoren der deutsprachigen Moderne entstand hier eine weitaus detaillierte Datenbank (ca. 13.000 Datensätze). Sie erlaubt erstmals eine statisch valide Übersicht über den Einsatz von Bildzitaten im Zeitraum von etwa 1870-2005 und eine verlässliche Feststellung der kanonbildenden Künstler und Kunstwerke. Das dokumentierte Material ist damit erschließbar.

4. Projektziele

Geplant ist eine vergleichende Studie zu dominanten Traditionen des Bildzitats. Dabei soll nicht einfach die literarische Rezeptionsgeschichte von Malern oder Bildern belegt werden. Zu untersuchen ist das komplexe Zusammenspiel von textuellen und medialen Referenzen. Das individuelle Bildzitat soll als Replik auf Visualität und Verbalisierung gelten. Da Texte, selbst als Ekphrasen, nicht einfach Bilder wiedergeben, sondern sie als Bilderinnerung deuten, sollen sie als Kette hermeneutischer Bildlektüren beschrieben werden.

Konkret zielt die Untersuchung auf etwa 12 Paradigmen, wobei die dichtesten Zitationsketten zu Künstlern und Kunstwerken (das sind in dieser Reihenfolge: Picasso, Michelangelo, van Gogh, Dürer, Leonardo, Bruegel, Goya, Raffael; die Sixtinische Kapelle, Mona Lisa, der Isenheimer Altar und Guernica) zu berücksichtigen sind. Leitkategorien sind dabei die zentralen „Denkbilder“ des intertextuellen wie intermedialen Transfers (z.B. „Schöpfung“ als kreatives Emblem; Blindheit als paradoxer poetologischer Topos; „Pathosformeln“ von Schmerz und Krieg).

Die Ergebnisse sollen im September 2011 auf einer Tagung vorgestellt und für die Publikation mit allfälligen externen Beiträgen ergänzt werden.