Regulierungswissen und Möglichkeitssinn 1914-1933

Neuere deutsche Literatur

Projektleitung: Roland Innerhofer

Projektteam: Katja Rothe Karin Harrasser

Projektlaufzeit: 24 Monate (01.06.2008-01.06.2010)

Fördergeber: FWF Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (P 20421)

Kooperationspartner:
Univ. Prof. Dr. Claus Pias, Institut für Philosophie, Universität Wien
Dr. Thomas Brandstetter, Institut für Philosophie, Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Joseph Vogl, Institut für deutsche Literatur, Humboldt Universität Berlin
PD Dr. Christoph Hoffmann, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin

Das geplante literatur- und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Projekt untersucht Diskurse der Regulierung und Experimentalisierung im Zeitraum von 1914-33, also in einem Zeitraum, in dem gouvernemental verfasstes Regieren eskaliert und kollabiert. Es beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Regulierungswissen zu Disziplinierung und Normalisierung (Psychotechnik, Arbeitswissenschaften, Versicherungswesen, Bevölkerungsregulierung, Kriegstechnologie und Heeresorganisation), mit der Hervorbringung neuer Subjektivitäten (Selbsttechniken des Experimentierens, Selbstbeobachtung als objektivierende Introspektion, statistische Erfassung menschlichen Verhaltens), mit der Experimentalisierung politischer und verwaltungstechnischer Prozesse, mit den Modellierungen des Wissens über den Körper (in den Sexualwissenschaften, der Prothetik, der Anthropologie) und mit dem Ort, den das Denken der Potentialität in dieser Konstellation einnimmt. „Mögliche Körper“ und „mögliche Räume“, wie sie in der Literatur entworfen werden, werden als Bestandteil einer Geschichte der Gewalt und der Regierung untersucht, wobei jenen Momenten, in denen die Konstruktion imaginärer Möglichkeitswelten in Regulierungsphantasien umschlägt, besondere Aufmerksamkeit zukommt. Das Projekt sondiert Wissensbestände der Regulierung und Experimentalisierung in der Literatur, der politischen Theorie (und benachbarten Diskursen wie der politischen Ökonomie), den experimentellen Wissenschaften (Psychotechnik, Ingenieurswissenschaften, Medizin) und in der Philosophie. Zeitgenössische Texte werden im Sinne einer historischen Diskursanalyse vergleichend behandelt. Im Sinne einer „Poetologie des Wissens“ (Joseph Vogl) fragt das Projekt danach, wann und mit welcher diskursiven Funktion die Rede von (Selbst)Regulierung, Experimentalisierung, Essayismus, ja einer „Experimentalgesellschaft“ (Robert Musil) auftaucht, wie sie sich formiert, legitimiert und verbreitet. Mit der Rekonstruktion entsprechender Diskurse zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht es uns auch darum, aktuell virulente, neoliberale Argumentationsmuster historisch einzubetten und zu hinterfragen. Seit einigen Jahren werden – so unsere Wahrnehmung – Argumentationsmuster wieder aufgegriffen, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt wurden. Namentlich die neuerliche Bezugnahme auf Momente der Selbstregulierung (von Individuen, Märkten etc.), auf Risiko und dynamische Systeme, die neue Formen der Steuerung erfordern würden, sowie die darin enthaltenen Freiheitsversprechungen für ein „unternehmerisches“ Subjekt scheinen uns einer historischen Betrachtung wert zu sein, die zeigen kann, welche Konzeptionen von Macht und Gewalt in diesen neoliberalen Konzepten des Regierens sedimentiert sind.

Behandelte Autoren

a. Literatur/Essayistik

Rudolf Brunngraber, Alfred Döblin, Thea von Harbou, Franz Kafka, Siegfried Kracauer, Ernst Jünger, Robert Musil, Otto Soyka, Robert Walser

b. Verwaltungs- und Verfahrenswissenschaften, Medizin, Ökonomie (Versicherungsdiskurs, Prothetik, Psychotechnik, Statistik, bildgebende Verfahren, wissenschaftliche Betriebsführung)

Georg Schlesinger, Ferdinand Sauerbruch, Fritz Giese, Hugo Münsterberg, Narziss Ach, Kurt Lewin, Magnus Hirschfeld, Heinz von Foerster, Otto Neurath. c. Philosphie: Friedrich Nietzsche, Hans Vaihinger, Otto Neurath, Edgar Zilsel, Ludwig Wittgenstein, Helmuth Plessner, Arnold Gehlen